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Intransparenz befürchtet : Lufthansa führt neues Preissystem ein

Für die Kunden soll Fliegen der Lufthansa zufolge durch die neuen Preisstufen nicht teurer werden, sie sollen im Gegenteil noch von den Preispunkten profitieren. Bild: dpa

Die Lufthansa will zusätzliche Preisstufen einführen. Kritiker warnen davor, dass es jetzt unübersichtlich wird.

          Dass Preise von gestern nicht die Kosten von heute beziffern, daran haben sich Käufer von Flugtickets gewöhnt. Die Deutsche Lufthansa geht nun den nächsten Schritt und will für ihre Kernmarke sowie die Tochtergesellschaften Austrian Airlines und Swiss noch mehr Preisstufen einführen, die zwischen dem Verkauf des ersten und des letzten Tickets aufgerufen werden. „Continuous Pricing“ heißt das im Konzern und bedeutet grob gesprochen, dass Ticketpreise nahezu permanent in Bewegung geraten.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Wir arbeiten bislang mit 26 Buchungsklassen, ist eine ausgebucht, greift die nächste. Für den Passagier kann dann der Preisunterschied auf einem Langstreckenflug bis zu 100 Euro ausmachen“, beschreibt ein Konzernsprecher die alte Ordnung. Die neue erklärt er so: „2019 fügen wir weitere Preisstufen ein, der Preissprung beträgt dann möglicherweise zunächst unter 10 Euro.“ Und der Sprecher gelobt: „Für unsere Kunden wird dadurch Fliegen nicht teurer, sondern im Gegenteil, sie profitieren von den neuen Preispunkten.“ Zu Lasten der Konzernbilanz soll die Änderung, dass Ticketpreise in kleineren Schritten steigen, aber auch nicht gehen. „Die Einführung des veränderten Preissystems geht nicht auf Kosten unserer Ticketerlöse, denn wir können künftig die Auslastung unserer Flugzeuge besser steuern“, sagt der Sprecher. Schwach gebuchte Flüge steigen somit langsam im Preis, stark nachgefragte hingegen in immer kürzeren Abständen. Wie viele Preisstufen es geben wird und wie kurz die Abstände werden, bleibt offen.

          Dass ein Umbau des Preissystems bevorsteht, war durch ein am Donnerstag veröffentlichtes Gespräch des Reisefachmagazins „FVW“ mit dem Vertriebschef der Tochtergesellschaft Swiss, Markus Binkert, an die Öffentlichkeit gelangt. Man wolle „mehr Dynamik in der Preisgestaltung“, sagte Binkert, der auch das Erlösmanagement im Konzern verantwortet, dort. Kritiker befürchten, dass „mehr Dynamik“ eine Umschreibung für mehr Intransparenz, dafür dass Kunden immer schwerer Preise konkurrierender Gesellschaften vergleichen können – erst recht, wenn sie zu mehreren Zeitpunkten nach der günstigsten Verbindung suchen.

          Aufwand und Kosten für Reisebüros steigen

          Als Beleg für die neue Unübersichtlichkeit sehen Reiseverkäufer, dass Lufthansa die neuen Preisstufen nicht überall anbieten will. Nicht jedes Reisebüro und nicht jedes Flugportal im Internet wird sie zeigen, andere Stellen und die Lufthansa-Seite aber immer. „Die Preispunkte werden nur auf bestimmten Absatzkanälen gesetzt – dort, wo es technisch möglich ist. Sie können nur von Partnern angeboten werden, die eine Direktanbindung an unsere Systeme haben“, bestätigt der Konzern. Nach Lufthansa-Angaben gibt es 2000 derartige Partner, darunter Portale, Geschäftsreisestellen in Konzernen und auch Reisebüros. „Wir bieten aber auch kleinen Reisebüros eine technische Möglichkeit, sich anzuschließen“, heißt es.

          Im Deutschen Reiseverband (DRV) ist man dadurch nicht besänftigt, zumal die Zusatzverbindung zur Lufthansa für die Büros mit Aufwand und Kosten verbunden wäre. Reisebüros, Geschäftsreisedienstleistern und Online-Portalen stößt auf, dass Lufthansa immer wieder als Vorreiter für Veränderungen im Ticketvertrieb auftritt und andere Fluggesellschaften regelmäßig nachziehen. „Mit der Ankündigung, das sogenannte Continuous Pricing einzuführen und ausschließlich über die Lufthansa-Direktvertriebskanäle anzubieten, entfernt sich Lufthansa erneut einen weiteren Schritt vom Fremdvertrieb“, sagt Reisebüroinhaber Otto Schweisgut, der zugleich Vorsitzender des DRV-Ausschusses Flug ist.

          Billigflieger wie Ryanair wuchsen indes die meiste Zeit ihres Bestehens ohne Verbindung zu Reisebüros und Onlineportalen. Dass neue Lufthansa-Preissystem sehen die Verkaufsstellen aber in einer Reihe von Schritten des Konzerns und anderer Fluggesellschaften, den Ticketverkauf zu sich holen zu wollen. Am Beginn stand die sogenannte Nullprovision für die bloße Vermittlung eines Tickets. Online-Portale behelfen sich damit, zu Flügen Mietwagen und Reiseversicherungen anzubieten, an deren Vermittlung sie verdienen. 2015 führte Lufthansa einen 16-Euro-Aufschlag für Verkäufe über zentrale Buchungssysteme ein, auf die Reisebüros und Portale zurückgreifen. British Airways und Air France übernahmen dies. Im Frühjahr nahm Lufthansa ihre günstigsten Tickets aus diesen Buchungssystemen, wodurch sich Reisebüros von wettbewerbsfähigen Preisen abgeschnitten fühlten. „Gleichzeitig nimmt mit der zunehmenden Dynamik der Preise auch die Transparenz im Wettbewerb weiter ab. Das kann weder im Interesse des Vertriebs noch im Interesse der Endkunden sein“, sagt Schweisgut.

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