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Alles Gute zum Fünfzigsten : Lang lebe der Geldautomat!

Jeder dritte Deutsche geht mindestens ein Mal pro Woche an einen Geldautomaten. Bild: Anna Jockisch

Es ist die nützlichste Revolution, die die Finanzindustrie in jüngster Zeit angezettelt hat: Der Geldautomat hat uns alle bereichert. Eine Würdigung zum 50. Geburtstag.

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          Eine ganze Reihe großartiger Erfindungen entstand nicht am Reißbrett, im Versuchslabor oder am Konferenztisch, sondern in einer ruhigen Minute fernab des Arbeitsplatzes. Also in Augenblicken, in denen der kreative Geist nicht hochkonzentriert auf ein bestimmtes Ziel hinarbeitet, sondern wenn er ein wenig Muße und Abstand gewinnt: beispielsweise beim Spazierengehen oder beim Dösen. John Shepherd-Barron saß eines Samstagnachmittags anno 1965 in der Badewanne, als er eine geniale Eingebung hatte, die die Welt der Banken und all ihrer Kunden geradezu revolutionieren sollte.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenige Stunden vor seinem Bad war dem Schotten ein Missgeschick passiert. Er hatte, wie jeden Samstag, einen Scheck bei seiner örtlichen Bank einlösen wollen, um Bargeld fürs Wochenende zu haben. Er sei jedoch zu spät dran gewesen, die Bankfiliale hatte schon geschlossen, erzählte Shepherd-Barron Jahre später. Obwohl er seinen Scheck noch bei einer Tankstelle einlösen konnte, ließ ihn das Problem nicht los. Ihn beschäftigte die Frage: Wieso gab es Automaten, aus denen man Schokoriegel ziehen konnte, aber kein Gerät, das Bargeld herausgab?

          Shepherd-Barron, der im Unternehmen De La Rue das Drucken von Banknoten und Aktien managte, ersann ein funktionstaugliches Gerät und brachte es den Chefs der Barclays Bank nahe. Barclays ließ daraufhin sechs Geldautomaten bauen und nahm den ersten davon am 27. Juni 1967 in der nördlich von London gelegenen Kleinstadt Enfield in Betrieb. Von dort aus eroberte die Erfindung die Erde, und noch heute, fünfzig Jahre nach der Inbetriebnahme, setzt sich der Siegeszug des Geldautomaten schier unaufhörlich fort - trotz aller Digitalisierung.

          Am Anfang ein Flop

          Der frühere amerikanische Notenbankpräsident Paul Volcker hat den Geldautomaten 2009 als die „einzige nützliche Innovation in der Bankenbranche in den vergangenen Jahrzehnten“ bezeichnet. Damals, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, war Volckers Bemerkung auf die Banken und ihre immer waghalsigeren Finanzprodukte gemünzt, um den Leuten Geld aus der Tasche zu ziehen. Für seine Kritik bekam Volcker viel Beifall, denn auch wer der Finanzindustrie ansonsten eher argwöhnisch gegenübersteht, hat am Geldautomaten nichts auszusetzen. Im Gegenteil. Ohne ihn wäre unser Leben ärmer, darin ist sich alle Welt einig.

          Der erste Versuch, einen Geldautomaten durchzusetzen, schlug 1939 in New York fehl: Niemand nutzte ihn. Erst Shepherd-Barron schaffte es, eine ganze Branche umzukrempeln, als das heutige Modewort „disruptiv“ noch gar nicht bekannt war. Banken ersetzten im Laufe der fünf Jahrzehnte zunehmend Menschen durch Maschinen. Und die Kunden haben sich längst daran gewöhnt, rund um die Uhr an Bargeld zu kommen: In Spitzbergen, wo der nördlichste Geldautomat steht, bis zur MacMurdo Station tief im Süden der Antarktis. Im Hochland in Tibet bis zu den Niederungen des Toten Meeres. Auf deutschen Kreuzfahrtschiffen oder amerikanischen Kriegsbooten. Auch in Deutschland, wo immer noch vier von fünf Einkäufen im Laden bar bezahlt werden, wird es den Menschen möglichst einfach gemacht, an Geldscheine zu kommen. Die Berliner Volksbank bewegt einen fahrenden Geldautomaten namens „Zasterlaster“ durch die Hauptstadt. In Mainz wurde kürzlich ein „GeldAUTOmat“ eröffnet, der wie eine kleine Tankstelle aussieht und auch so ähnlich funktioniert: „Reinfahren, abheben, durchstarten“, so heißt es nach dem Vorbild der amerikanischen Drive-ins.

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