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Startups : Fintechs verändern das Geldwesen

Apps von Banken und Fintechs Bild: Picture-Alliance

Berühmte Banker wie Anshu Jain, aber auch immer mehr Investoren, wenden sich den Startups zu. Sie fordern nach den Banken nun die Versicherer heraus.

          Anshu Jain hat seinen Rucksack geschnürt: Der traditionellen Bankenwelt kehrt er erst einmal den Rücken und wechselt als Berater zu dem Fintech Social Finance Inc., das sich damit brüstet, das Gegenteil einer Bank zu sein. Damit ist Jain in guter Gesellschaft: Die Meldungen von Top-Bankern, die zu den jungen Start-ups mit guten Finanztechnologie-Ideen überlaufen, häufen sich.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Die Personalien sind ein Ausdruck davon, dass Fintechs mehr und mehr zum ernstzunehmenden Spieler in der Finanzwelt werden. Die Aufgabenfelder, die sie durch neue digitale Konzepte verbessern wollen, sind vielfältig. Sie bieten Handy-Apps für die Kontoführung und die Geldanlage, Vergleichsplattformen für Tagesgeldzinsen oder auch technische Erleichterungen für den täglichen Bankbetrieb. Auch wegen dieser breiten Definition wächst der Fintech-Markt enorm.

          Löwenanteil floss ins Silicon Valley

          Das zeigt sich in den Summen, die inzwischen in diese Unternehmen investiert werden. Laut einer Studie der Unternehmensberatung EY haben im vergangenen Jahr Investoren in der ganzen Welt rund 25 Milliarden Euro in Fintech-Unternehmen investiert. Der Löwenanteil floss ins Silicon Valley mit umgerechnet 4,8 Milliarden und nach New York mit 1,9 Milliarden Euro. Doch auch in Deutschland steigt die Bereitschaft, Geld in solche Unternehmen zu lenken.

          So hat am Montag die Düsseldorfer Kreditplattform Auxmoney vermeldet, dass sich Pro Sieben Sat. 1 über den Investment-Arm Seven Ventures an dem Unternehmen beteiligt. Es betreibt einen Marktplatz, über den sich die Nutzer untereinander Kredite vergeben – allein im vergangenen Jahr hat sich nach Unternehmensangaben das Volumen auf rund 100 Millionen Euro verdreifacht. Gemeinsam mit anderen Wagniskapitalgebern hat Pro Sieben nun einen zweistelligen Millionenbetrag in das Unternehmen investiert, um weiteres Wachstum zu ermöglichen.

          Nach Berechnungen von EY beschäftigen in Deutschland inzwischen 250 Fintech-Unternehmen 13.000 Mitarbeiter. Demnach wurden im vergangenen Jahr hierzulande 576 Millionen Euro in solche Unternehmen investiert, nach 225 Millionen im Jahr davor. Rechnet man noch die Übernahme der Devisenhandelsplattform 360T hinzu, für die die Deutsche Börse 750 Millionen Euro auf den Tisch gelegt hat, liegt das Finanzierungsvolumen 2015 sogar bei mehr als 1,3 Milliarden Euro. Damit müsste sich der Standort Deutschland nicht mehr hinter London verstecken, das gemeinhin als das europäische Fintech-Zentrum gilt. In Großbritannien wurden im vergangenen Jahr nach Angaben von EY 707 Millionen Euro investiert.

          „Fintechs können viel beschleunigen“

          Längst gibt es erwachsene Fintechs wie Paypal oder auch die bayerische Wirecard AG, die es mit Lösungen für den elektronischen Zahlungsverkehr bis in den Tec-Dax geschafft hat. Marktbeobachter trauen solche Erfolgsgeschichten noch vielen weiteren Gründern zu, die gerade in den Startlöchern stehen. Jan-Erik Behrens, der die Studie von EY mitverfasst hat, sagt: „Überall dort, wo in der Finanzbranche Prozesse mit großem Aufwand betrieben werden, können Fintechs viel beschleunigen.“

          In den Interviews, die die Berater mit Fintech-Akteuren geführt haben, seien vor allem drei Themen immer wieder herausgestochen: die Verbesserung der technischen Infrastruktur, die Analyse von Kundendaten und die Vereinfachung von Prozessen rund um die steigende Regulierung (Regtec). Vor allem aber im Versicherungsgeschäft sehen die Fachleute noch viel Potential, weil geschützte Bereiche zunehmend liberalisiert werden. Behrens sieht Angriffspunkte etwa in den Vertriebsstrukturen.

          Im vergangenen Jahr sind eine Reihe von Anbietern auf den Markt gekommen, die das traditionelle Geschäftsmodell herausfordern. Sie haben unterschiedliche Ansätze: Digitale Versicherungsmakler, die den Deckungsschutz der Kunden in einer digitalen Mappe organisieren, sind vielleicht die auffälligsten. In Deutschland buhlen Anbieter wie Getsafe oder Clark um die unzufriedenen Versicherungsnehmer, die sich von ihren Vermittlern vernachlässigt fühlen.

          Größte Gruppe der Versicherungs-Fintechs im Gesundheitswesen

          Schon etwas länger ist Friendsurance auf dem deutschen Markt aktiv. Das Unternehmen baut wie im Ausland Jointly, Gather oder Peersure Online-Gemeinschaften auf, die sich gegenseitig vertraglich zum Deckungsschutz verpflichten. Sie beruhen auf einem genossenschaftlichen Prinzip, das in der Branche eine lange Tradition hat. Zudem gibt es App-Anbieter, die wie Appsichern oder Schutzklick einen schnellen Online-Abschluss für Policen versprechen.

          Schutzklick kooperiert mit Online-Händlern und bietet passende Versicherungen in dem Moment, in dem Kunden einen neuen Wertgegenstand kaufen. Die größte Gruppe der Versicherungs-Fintechs (oder „Insuretechs“) aber tummelt sich im Gesundheitswesen: Anbieter von Gesundheits-Apps oder Wearables. Hier sind es bislang vor allem Anbieter im englischsprachigen Raum, die von sich reden machen.

          „Als Endkunde kümmert man sich eher um Bankprodukte als um Versicherungen“, sagt der Unternehmensberater Thomas Bieber, der gerade eine Fintech-Studie ausgearbeitet hat. Das ist ein Grund, warum der Trend in der Assekuranz später eingesetzt hat.

          Den Versicherungsschutz liefern etablierte Häuser

          Die Konzepte sind zwar noch nicht so ausgereift. Das heißt aber nicht, dass sie weniger gefährlich für Etablierte sein müssen, sagt Bieber. „Kurzzeitversicherungen können für die Branche gefährlich werden, weil sie die Phantasie haben, das Modell auf ganz neue Beine zu stellen.“ Wer wie Schutzklick seine Kunden schon in dem Moment abhole, in dem sie ein positives Einkaufserlebnis haben, erhalte einen ganz neuen Zugang zu Kunden und könne Versicherern Geschäft in größerem Umfang streitig machen.

          Bislang tritt keiner der neuen Anbieter selbst als Risikoträger auf. Den Versicherungsschutz liefern weiterhin etablierte Häuser. Auch die Fintechs, die wirkliches Bankgeschäft mit ihren Kunden machen wollen, greifen dabei oft auf die Etablierten zurück, schon weil sie darüber an die von der Aufsicht verlangte Lizenz kommen. Aber je besser die digitalen Wettbewerber ihre automatisierten Prozesse in den Griff bekommen, desto ersetzbarer erscheinen klassische Versicherer. Denn deren große Herausforderung besteht darin, von der analogen Welt mit handgeschriebenen Anträgen in eine Welt mit vollautomatisierten Prozessen und Schadenabwicklungen zu kommen.

          Schon einmal haben die Versicherer digitale Angreifer unterschätzt, als die Vergleichsportale wie Check24 oder Verivox ihr Geschäft begannen. Diese haben in einigen Produktsparten inzwischen bedeutende Marktanteile im Neuverkauf erkämpft und sind so etwas wie Fintechs der ersten Generation.

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