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Fahrdienst : Taxi oder Uber?

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Das Start-up-Unternehmen Uber greift in den Großstädten das Taxigewerbe an. Wir haben den Fahrdienst getestet.

          5 Min.

          Bis vor kurzem war die Welt der Transportmittel noch denkbar übersichtlich: Wer in Eile ist und es sich leisten kann, nimmt ein Taxi, der Rest steigt in Bus oder Bahn. Doch seit kurzem gibt es in einigen deutschen Großstädten eine Alternative, die den Markt mächtig in Wallungen bringt: den Fahrdienst Uber Pop. Seine Autos sind auf Anhieb gar nicht so leicht zu erkennen, für sie gibt es weder Elfenbein als Einheitsfarbe noch ein leuchtendes Schild auf dem Dach. Hier sitzen keine professionellen Taxifahrer hinter dem Steuer, sondern Privatleute, die mit ihrem eigenen Auto fremde Leute durch die Gegend kutschieren - das Smartphone macht es möglich.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Hinter Uber verbirgt sich nichts anderes als eine App, die Privatleute mit Auto und Zeit mit anderen Privatleuten zusammenbringt, die weder das eine noch das andere haben. Das zumindest ist die Idee. Ob sie wirklich funktioniert, ist heftig umstritten. Wir wollen deshalb testen: Wer schneidet besser ab, der Privatfahrer oder der Mann mit dem Taxischein?

          Ganz leicht soll es nicht werden. Der Campus Riedberg der Frankfurter Goethe-Universität liegt am Stadtrand. Von da aus soll es in das angesagte Nordend gehen, eine Gegend, in der es unendlich viele Einbahnstraßen gibt. Und vor allem: Frankfurts größte Baustelle.

          Der Start mit Uber ist gar nicht so einfach: Um ein Taxi zu rufen, braucht man allenfalls ein Telefon. Und oft nicht mal das: Einfach auf die Straße und beherzt winken, das kann jedes Kind. Für Uber brauchen wir ein Smartphone und idealerweise die dazugehörige App, die man sich runterladen kann. Dann müssen wir uns anmelden und Namen, Handynummer und Mailadresse hinterlassen. Doch damit ist es nicht getan: Wir müssen auch noch die Daten einer Kreditkarte angeben. Von dort wird das Fahrgeld hinterher abgebucht. Einmal eingerichtet, funktioniert das Konto übrigens weltweit, egal ob in Frankfurt, New York oder Schanghai. In Deutschland bietet das Unternehmen seine Dienste bereits in Berlin, Hamburg, München und Frankfurt an.

          Ängste deutscher Kunden

          Der Dienst ortet über eine App oder den Browser des Smartphones unseren Standort und zeigt alle Wagen in der Nähe an. Wartezeit, aktueller Ort des Wagens und voraussichtlicher Fahrpreis erscheinen sofort auf dem Smartphone. Allerdings: Der Campus Riedberg liegt außerhalb des normalen Fahrgebietes, der nächste Wagen ist weit weg. Vorbestellungen gibt es übrigens nicht. Kurz nach der Bestellung schickt Uber die Bestätigung per SMS: Unser Fahrer kommt in zwanzig Minuten an. Er heißt Rocco, hat ein verschmitztes Gesicht und nur noch wenig Haare.

          Die Anfahrt kostet in der Regel in Frankfurt einen Euro, jeder gefahrene Kilometer ebenfalls einen Euro. Zusätzlich verlangt Uber für jede Minute 25 Cent - unabhängig davon, ob man an einer roten Ampel steht oder der Verkehr flüssig läuft. Je nach Angebot und Nachfrage können die Preise zudem variieren. Für Kunden bedeutet das: Wenn gerade wenige Uber-Wagen in der Nähe sind, aber viele einen buchen wollen, können die Preise steigen. Das klingt erst einmal kompliziert, trotzdem verspricht Uber, in den meisten Fällen günstiger zu sein als die Konkurrenz von den Taxizentralen. Die unterliegen nämlich den städtischen Tarifen, und die sind streng vorgegeben: In Frankfurt kostet die Anfahrt tagsüber 2,80 Euro und jeder der ersten zwölf Kilometer 1,75 Euro, danach wird es billiger.

          Tatsächlich dauert es exakt zwanzig Minuten, bis Rocco in seinem dunkelblauen Fiat Scudo um die Ecke biegt. Das Auto ist sauber und geräumig, ein Taxameter ist nicht nötig. Unser Fahrtziel im Nordend kennt Rocco, aber er trägt es umgehend in die App und in sein Navigationssystem ein. Jeder Uber-Fahrer ist über eine App auf dem iPhone mit der Zentrale verbunden. Von dort bekommt er auch die Kunden. Schnell erfahren wir, dass Rocco genauso unbedarft ist wie wir: Es ist erst seine dritte Fahrt für den Vermittlungsservice. Rocco ist um die fünfzig Jahre alt und waschechter Italiener - und fährt auch wie einer.

          Doch Rocco weiß um die Ängste seiner deutschen Kunden und versichert, wir seien so gut versichert wie bei jedem normalen Taxi auch. Womit wir auch schon beim Knackpunkt des neuen Fahrdienstes wären: Denn Roccos Hinweis klingt zwar beruhigend. Versicherungen sehen das allerdings ein wenig anders. Sie reden von einem „rechtlichen Graubereich“, der sich da auftut. Denn was ist mit Fahrzeugen, die als Privatwagen versichert sind, aber hin und wieder gewerblich benutzt werden?

          Für Versicherungen ist diese rechtliche Grauzone jedenfalls eine wunderbare Gelegenheit, um im Fall der Fälle noch schnell aus der Nummer herauszukommen. Schließlich werden Privatfahrzeuge im Normalfall als Pkw ohne Vermietung zur privaten Nutzung versichert, heißt es bei der Allianz. Wird das Auto anders verwendet als vereinbart, kann das die Risikosituation erheblich erhöhen. Das bedeutet im schlimmsten Fall, dass sich die Versicherung weigert zu zahlen. Dann greift zwar immer noch die Haftpflichtversicherung des Fahrzeugs. Doch diese könnte den Regress auf 5000 Euro beschränken, warnt die Allianz. Rechtssicherheit gibt es auf diesem Gebiet allerdings noch nicht.

          Bei Rocco können wir uns beruhigt zurücklehnen: Denn wenn er nicht gerade für Uber fährt, bringt er mit seinem Van Kinder zur Schule und erledigt andere Chauffeur-Dienste. Deshalb hat er auch einen Personenbeförderungsschein, den er uns stolz zeigt. Viele andere Fahrer bei Uber haben ihn nicht. Fahrer werden kann jeder, der nicht vorbestraft ist und ein eigenes Auto hat, das nicht älter als neun Jahre ist. Nicht umsonst laufen Taxifahrer mit europaweiten Streiks gegen die laxen Spielregeln Sturm, sogar Wagen des Konkurrenten wurden bereits demoliert.

          Hätten wir ein Trinkgeld geben müssen?

          Sie müssen schließlich ganz andere Voraussetzungen aufbieten, um Kunden durch die Gegend fahren zu dürfen: Jeder Taxifahrer braucht eine Lizenz von der Stadt. Die aber sind rar und werden deshalb häufig für hohe Summen auf dem Schwarzmarkt gehandelt, zu Spitzenzeiten in Frankfurt für angeblich bis zu 100.000 Euro. Außerdem müssen sie in Tests fundierte Ortskenntnisse nachweisen - obwohl viele lästern, davon sei inzwischen nicht viel zu spüren. In Hamburg wird gerade vor Gericht über ein Verbot des Dienstes gestritten. Ubers Standpunkt ist einfach: Das Unternehmen sieht sich nur als Vermittler zwischen Fahrgästen und selbständigen Fahrern. Deshalb dürfen Uber-Fahrer auch keine Kunden vom Straßenrand oder Taxistand mitnehmen, sondern nur Aufträge über die App annehmen. Außerdem müssen sie den vollen Mehrwertsteuersatz zahlen, Taxis nur den ermäßigten. Uber hält diese Gesetze für nicht mehr zeitgemäß. „Viele von den Vorschriften wurden geschrieben, bevor es das Internet gab, bevor es Handys gab“, sagt Patrick Studener von Uber Deutschland.

          Wir dagegen fühlen uns zeitgemäß, allerdings hat Rocco von der berüchtigten Baustelle kurz vor unserem Ziel offensichtlich noch nichts gehört. Sie trifft ihn völlig unvorbereitet. Er versucht sie zu umfahren und gerät trotzdem wieder an die gleiche Baustelle. Beim zweiten Anlauf klappt es. Nach 24 Minuten und zehn Kilometern sind wir am Ziel. Eine Minute später kommt die Quittung schon per Mail. 20 Prozent davon gehen automatisch an Uber. Statt der angekündigten 17,50 Euro werden nur 17 Euro von der Kreditkarte abgebucht. Psychologisch geschickt rundet Uber immer automatisch ab. Außerdem wird auf der Quittung die gefahrene Strecke auf einer Karte angezeigt, jeder Fahrer wird per GPS geortet. Bei Bedenken kann man Preis und Strecke von Uber nachträglich ganz einfach per Knopfdruck überprüfen lassen.

          Erst nach dem Aussteigen merken wir, dass auch die Gepflogenheiten im Zeitalter des bargeldlosen Bezahlens noch unklar sind. Hätten wir jetzt ein Trinkgeld geben müssen? Uber selbst sagt, dass kein Trinkgeld nötig ist. Trotzdem ist es möglich, von vornherein eine Trinkgeldpauschale einzustellen, die automatisch mit dem Fahrpreis abgebucht wird. Wir trösten uns, dass das Trinkgeld des Internetzeitalters ohnehin die Bewertung ist. Sinkt die Bewertung eines Fahrers unter eine bestimmte Grenze, wird er aus der App verbannt.

          Nur einen Tag später, auf der gleichen Strecke mit dem Taxi, läuft die Fahrt dagegen ganz nach dem bekannten Muster ab: Nach dem Anruf bei der Taxizentrale kommt rund fünf Minuten später eine Mercedes E-Klasse vorgefahren. Unser Taxifahrer wählt eine ganz andere Strecke und vermeidet damit die Baustelle, in die Rocco am Tag zuvor noch reingeraten ist. Allerdings umfährt er sie auch sehr viel weiter als Rocco. Doch wer weiß schon, ob das überhaupt nötig war. Am Ende ist die Fahrt im Taxi etwa sechs Minuten schneller, kostet aber fast sieben Euro mehr.

          In Sachen Qualität und Professionalität steht Uber der Konkurrenz tatsächlich in kaum etwas nach, ein großer Vorteil ist oft der Preis. Taxis sind nur dann billiger, wenn die Uber-Preise wegen hoher Nachfrage steigen. Zudem lockt Uber häufig mit Aktionen: In der Nacht nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft etwa gab es für jede Fahrt einen 15-Euro-Gutschein. Die Uber-App überzeugt schon jetzt. Allein: Es fehlen Fahrer.

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