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Nach 16 Jahren Euro : Jeder dritte Deutsche rechnet noch in D-Mark

Laut einer Postbank-Studie mögen viele Deutsche von der alten Währung D-Mark noch nicht ganz ablassen. Bild: dpa

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier: Fast zwei Jahrzehnte bezahlen wir nun schon in Euro – in die alte Währung umgerechnet wird trotzdem noch. Den Namen „Teuro“ trägt die Gemeinschaftswährung aber zu unrecht.

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          Bisweilen erwischt man sich tatsächlich selbst dabei, einen Preis doch noch in D-Mark umzurechnen, auch wenn der Euro nun schon gut 16 Jahre die offizielle Währung im Euroraum und in Deutschland ist. Das könnte zum Beispiel dann geschehen, wenn ein einfaches belegtes Brötchen am Flughafen 6,50 Euro kostet. Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens, entscheidet man sich vielleicht sogar um, denn fast 13 D-Mark hätte man für diese schon etwas angetrocknete Tomaten-Käse-Pesto-Mischung wohl nicht bezahlt.

          Kerstin Papon
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Damit ist man aber offenbar in guter Gesellschaft. Denn im Durchschnitt rechnen 38 Prozent der Bundesbürger aktuelle Preise noch immer in D-Mark um. Dies ergibt jedenfalls eine repräsentative Umfrage der Postbank. Und 15 Prozent tun das sogar regelmäßig. Die Vorlieben verändern sich mit dem Alter. In der Gruppe der 50- bis 59-Jährigen vergleicht durchschnittlich jeder Zweite bei größeren Anschaffungen die Preise. Auch im Alter von 30 bis 39 Jahren ist das ähnlich.

          Unfair dem Euro gegenüber

          In der Alterskohorte dazwischen und von 60 Jahren an verhalten sich 40 Prozent so. Der Anteil wird verständlicherweise kleiner, je jünger die Menschen sind. So nutzt nur knapp ein Zehntel der Befragten im Alter von 18 bis 29 Jahren die alte Währung zum Vergleich, schließlich waren sie zu D-Mark-Zeiten noch Kinder.

          In der Regel werden die Preise bei der Umrechnung von Euro in D-Mark einfach verdoppelt. Der genaue Kurs der zum 1. Januar 1999 festgelegt wurde beträgt 1,95583 D-Mark je Euro. Dies ist auch der Kurs, zu dem die Deutsche Bundesbank alte D-Mark-Bestände hierzulande weiterhin umtauscht. Auch manche Geschäfte werben immer wieder mit Aktionen in der alten Währung.

          Durch das Umrechnen entstehe bei vielen der Eindruck, dass die heutigen Preise deutlich höher seien, heißt es von der Postbank. So habe der Euro in Deutschland den Namen „Teuro“ erhalten. „Das ist gegenüber dem Euro nicht wirklich fair“, sagt Marco Bargel, Chefvolkswirt der Postbank. Eine Umrechnung aktueller Euro-Preise in D-Mark ergebe meist ein verzerrtes Bild.

          Deutsche träumen von Stabilität

          Viele Konsumenten hätten noch die alten Preise aus dem Jahr 2002 im Kopf, als der Euro die D-Mark als Bargeld ersetzte. Inzwischen liege das allgemeine Preisniveau aber um gut ein Viertel höher als damals. Grund dafür ist laut Bargel aber nicht die Einführung des Euros. Auch wenn es die D-Mark noch gäbe, wäre das allgemeine Preisniveau heute höher als 2002. Die Inflation sei seither sogar zurückgegangen, so dass der Euro im kollektiven Gedächtnis zu Unrecht zum Teuro gemacht werde.

          Viele Menschen können das Umrechnen aber nicht lassen. Das sei die Macht der Gewohnheit, sagt der Psychotherapeut Wolfgang Krüger. Einmal entstandene Vergleichsmuster seien sehr beständig, was auch notwendig und sinnvoll sei. Schließlich brauche man feste Orientierungen; die änderten sich im Leben kaum oder nur sehr langsam. Zudem neigten vor allem Deutsche zu gewohnten Handlungsmustern: „Wir sind möglicherweise zwanghafter als andere Kulturen und haben Angst vor Veränderungen“, sagt Krüger. Dies habe geschichtliche Gründe. Große Veränderungen seien oft verhängnisvoll gewesen. Insofern träumten viele Deutsche von Stabilität und hingen an Gewohntem. Schließlich sei die D-Mark gut 53 Jahre gesetzliches Zahlungsmittel gewesen. Doch vor allem in Essensdingen werden viele das Gefühl nicht los, dass gerade mit dem Euro alles deutlich teurer wurde.

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