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Das Verbraucherthema : „Fisch sollte eine Delikatesse sein“

Eine Fischtheke. Bild: dpa

Welchen Fisch darf man noch mit gutem Gewissen essen? Nicht viele, geht es nach Greenpeace. Andere Organisationen sind großzügiger. - Das Verbraucherthema.

          Die Frage im Restaurant, wie denn der Seeteufel, der auf der Speisekarte steht, gefangen wurde, kann die Bedienung schon mal in die Bredouille bringen. Umwelt- und Verbraucherschützer empfehlen aber genau das: nachzufragen. „In besseren Restaurants darf der Gast durchaus erwarten, dass beim Einkauf auf Nachhaltigkeit Wert gelegt wird“, sagt Susanne Umbach, Ernährungsexpertin bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vieles spricht für den Verzehr von Fisch. Fisch ist gesund. Er enthält hochwertiges Eiweiß, Omega-3-Fettsäuren, denen jede Menge gute Eigenschaften für die Gesundheit zugeschrieben werden, sowie wichtige Vitamine und Spurenelemente wie Jod und Selen. Nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung gehört Fisch ein bis zwei Mal die Woche auf den Speiseplan.

          Auch Zuchtfische sind keine Lösung

          Es spricht aber auch einiges dagegen. Viele Bestände in den Weltmeeren gelten als überfischt. Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace schlagen regelmäßig Alarm. Von rund 80 Arten, die in Kühltheken angeboten werden, rät Greenpeace inzwischen ab, nicht nur, weil Bestände bedroht sind, sondern auch weil der Fang der Umwelt schaden kann, etwa durch riesige Grundschleppnetze, die Korallenriffe schädigen.

          Auch Verbraucherschützerin Umbach stellt fest: „Fisch sollte ganz klar eine Delikatesse sein.“ Fisch sei knapp und werde in Zukunft noch knapper werden. Auch in Aquakulturen gezüchtete Fische seien nur „bedingt geeignet, der Überfischung etwas entgegenzusetzen“. Das Problem: Viele Zuchtfische sind Raubfische, das heißt, Fischmehl und -öle müssen zugefüttert und dafür wiederum Fische gefangen werden. Ein Kilogramm Lachs erfordere vier Kilogramm an anderen Fischen, weiß Umbach. „Aquakultur ist im Prinzip nur dann sinnvoll, wenn die Fische Pflanzenfresser sind.“

          „Massentierhaltung unter Wasser“

          Zudem sei Aquakultur „Massentierhaltung unter Wasser“. Das bringe Probleme wie Überdüngung mit sich und auch den Einsatz von Antibiotika, meint Umbach. Zuletzt gerieten deswegen Pangasius-Zuchtbetriebe in Vietnam in Verruf.

          Abgesehen davon sind Menschen in den nördlichen Ländern laut Umbach mit Eiweiß gut versorgt, anders als in Asien. Dort seien Bewohner auf Fisch als Eiweißquelle angewiesen, da kaum Fleisch gegessen werde. Für hiesige Verbraucher empfiehlt die Ernährungsfachfrau als Omega-3-Ersatz Rapsöl und Walnüsse.

          Orientierung beim Einkaufen geben Label wie das MSC-Siegel, das am weitesten verbreitet ist (siehe Info-Kasten). Auch Frischetheken können sich nach MSC-Standards zertifizieren lassen. Nach Angaben der Organisation ist das etwa bei Metro-Häusern wie Kaufhof der Fall, aber auch bei Edeka in bestimmten Regionen. Die Zertifizierung der Theke bedeute jedoch nicht, dass jeder Fisch MSC-gesiegelt ist. Das sei aufgrund der Logistik und Transportwege nicht bei allen Fischen möglich. Gängig sei das Siegel bei Fischen wie Seelachs, Scholle und zum Teil auch Dorsch.

          Für Verbraucherschützerin Umbach ist MSC jedoch nur ein Mindeststandard und eine Kompromisslösung, da das Siegel mit Blick auf den Handel entwickelt worden sei. Gründungsmitglied der Organisation war Unilever. So seien bestimmte Fangmethoden nicht per se verboten, sagt Umbach. Bei Greenpeace stehen Grundschleppnetze auf der Roten Liste.

          Besser als Fisch aus konventionellen ist der aus ökologischen Zuchtfarmen. In den Kühltruhen von Bio-Supermärkten liegt Fisch aus Aquakultur, der nach den Richtlinien der Bio-Anbauverbände Naturland und Bioland gekennzeichnet ist. Danach ist es etwa nicht erlaubt, für Aquakulturen extra Fischfang zu betreiben. Auch dürfen Netze nicht mit Chemikalien imprägniert werden. Die Verbände haben strengere Regeln als das EU-Biosiegel.

          Ob bio oder konventionell macht preislich nicht immer einen großen Unterschied. Zwei Wildlachsfilets mit MSC-Siegel von Berida etwa kosten im Discounter Penny zurzeit 2,89 Euro, das Pendant von Landur mit MSC-Siegel im Bio-Supermarkt Basic liegt bei 3,99 Euro, ist damit aber auch das günstigste Angebot. Knapp zwölf Euro kosten dort zwei Lachsfilets aus Aquakultur mit EU-Biosiegel.

          Auf den Verpackungen mit Siegel steht in der Regel, wo der Fisch gefangen wurde und auch die Fangmethode. Hilfen für Verbraucher, die beim Einkaufen alles richtig machen wollen, geben die Einkaufsratgeber von Greenpeace und WWF, die es auf Papier oder auch als Programm für das Handy gibt. Allerdings kommen sie mitunter zu anderen Ergebnissen, was die ohnehin schwierige Orientierung nicht einfacher macht.

          Was heißt das für die oben genannten Wildlachse von Berida und Landur? Beide wurden laut Kennzeichnung im Nordostpazifik gefangen. Damit ist der Fisch laut Greenpeace-Liste „noch empfehlenswert“, da auch die akzeptierten Fangmethoden angewandt wurden. Der WWF, der als weniger streng gilt, meint in seinem Ratgeber „Gute Wahl“. So ist auch bei Greenpeace Seeteufel laut Einkaufsliste grundsätzlich tabu, der WWF schränkt nur ein. Und ob die Bedienung im Restaurant eine Antwort auf die Frage weiß, wo der Fisch herkommt, bleibt eine spannende Frage.

          Hilfe beim Einkaufen

          Auch wenn der Begriff „Nachhaltige Fischerei“ von Wissenschaftlern, Umweltverbänden und der Fischindustrie unterschiedlich streng definiert wird, gibt es Label und Ratgeber, die Verbrauchern beim Einkaufen Orientierung geben.

          MSC:

          Das Siegel des Marine Stewardship Council (MSC), einer internationalen, gemeinnützigen Organisation, steht für einen Mindeststandard an umweltgerechtem Fang ausschließlich wildlebender Fische und ist inzwischen auf vielen Fischprodukten im Supermarkt zu finden. MSC bedeutet nach Angaben der Organisation, dass Fangmethoden umweltverträglich sind und Bestände verantwortungsvoll genutzt werden. Grundschleppnetze sind nicht generell verboten. Fischereitypen seien immer im Einzelfall zu betrachten, heißt es. Gegründet wurde MSC 1997 von der Umweltorganisation WWF und dem Lebensmittelkonzern Unilever. Seit mehr als zehn Jahren ist MSC eine unabhängige Organisation, die sich über Zuwendungen von Stiftungen, Treuhandgesellschaften und staatlichen Organisationen sowie über Lizenzgebühren für die Logonutzung finanziert. Laut MSC nehmen 280 Fischereibetriebe am MSC-Programm teil, 166 sind aktuell zertifiziert.

           

          ASC:

          Das Siegel des Aquaculture Stewardship Council (ASC) zeichnet seit 2011 Fisch aus nachhaltig geführten Zuchtanlagen aus und ist erst vereinzelt auf Fischverpackungen zu finden. Gegründet wurde der ASC von der Umweltorganisation WWF.


          Naturland und Bioland:

          Die beiden Bio-Anbauverbände haben besondere Richtlinien für die Öko-Aquakultur entwickelt. Ihre Vorschriften liegen teilweise über den Vorgaben der EU-Öko-Verordnung. Zu den Prinzipien zählen unter anderem, dass auf den Einsatz von Chemie und Antibiotika verzichtet und keine Fischerei eigens zu Futterzwecken von Fischen in Aquakultur betrieben wird.

           

          Einkaufsratgeber von WWF und Greenpeace:

          Die Umweltorganisationen Greenpeace und WWF gegen jeweils Einkaufsratgeber heraus, in denen sie die Fischarten benennen, von deren Verkauf sie abraten – entweder, weil die Bestände überfischt sind oder der Fang sich schädlich auf die Umwelt auswirkt. Informationen unter: www.wwf.de und www.greenpeace.de

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