https://www.faz.net/-hbv-9cbiv

Sparfüchse und Schnäppchenjäger : Wie Treuepunkte die Welt erobern

Heute schon einen Rabatt gesichert? Bild: Imago

Immer öfter zahlen die Menschen mit Treuepunkten und Bonusmeilen: Im Durchschnitt hat jeder Deutsche vier bis fünf Rabattkarten im Portemonnaie. Doch es gibt ein Problem.

          5 Min.

          Wir sind ein Volk von übereifrigen Sparfüchsen und gnadenlosen Schnäppchenjägern. Das erkennt man nicht nur an der im internationalen Vergleich traditionell hohen Sparquote hierzulande und den Ausverkaufsschlachten in den Einkaufsmeilen. Überdeutlich zeigt sich das auch daran, dass die Deutschen so ziemlich jeder Art von Payback- und Bonuspunkte-System verfallen sind, die die mit dem Verbraucher in Kontakt stehenden Unternehmen zu bieten haben.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das kann die Family-Card von Ikea sein oder die Rabattkarte des Cafés um die Ecke, die Lufthansa, die Bahn oder eine große Lebensmittelkette. Überall kann man sich seine Treue bezahlen lassen – in ganz unterschiedlicher Form. Sogar beim Discounter kann man noch Treuepunkte sammeln, obwohl es da eigentlich so oder so schon alles zu Billigpreisen gibt. Vier bis fünf Payback- oder Bonuskarten hat im Durchschnitt jeder Deutsche im Portemonnaie. Und es gibt kaum eine Kasse, an der beim Bezahlen nicht noch einmal nachgefragt wird, ob man Stammkunde sei. Gleiches gilt für Online-Bestellungen. Auch hier kann man sich Umsätze „bepunkten“ und gesammelte Punkte verrechnen lassen.

          Wer sofort zahlte, wurde belohnt 

          Das alles ist nicht neu. Denn der Rabatt hat eine lange Geschichte. Angeblich wurden 1901 in Hannover die ersten Rabattmarken ausgegeben – allerdings mitnichten als innovative Idee, die Kunden an sich zu binden. Vielmehr sollte auf sanfte Weise den Kunden die Unart des Anschreiben-Lassens ausgetrieben werden. Wer sofort zahlte, wurde belohnt – eine Art Skonto findiger Tante-Emma-Läden-Besitzer. Später dann, während der Weltkriege, der Weltwirtschaftskrise und Hyperinflation geriet das Belohnungsinstrument des Handels in den Hintergrund. In Zeiten äußerster Knappheit oder rapider Geldentwertung ergaben Rabatte keinen Sinn. Nach der Währungsreform war die Hamburger Drogerie Budnikowsky eine der ersten, die das Rabattmarkenkleben wieder einführte. Mit vielen Nachahmern.

          Bis Ende der 1990er Jahre hießen die bunten Heftchen, in denen man die Marken sammelte, Rabatt-Sparbücher, und sie suggerierten vor allem eines: Das Markensammeln ist bares Geld wert. Unkonventioneller wurde es erst Ende der 1970er Jahre in den Vereinigten Staaten. 1979 startete die Fluggesellschaft Texas International Airlines als erste ein Vielfliegerprogramm, American Airlines zog wenig später nach. 1993 folgte die Lufthansa, um ihr Meilensystem alsbald auszubauen und ihren Passagieren nicht nur vergünstigte Flüge, sondern auch Prämien anzubieten. In Lufthansa-Shops kann man auch einkaufen gehen – mit Meilen. Ohne ein eigenes „Miles and More“-Programm zieht heute keine Airline mehr in den Markt.

          Um den Wildwuchs zu ordnen, gab es sogar mal ein Rabatt-Gesetz, in den ziemlich genau geregelt war, welche Vorzüge wann wie wem zu gewähren waren. Das allerdings ist 2001 gefallen. Schon ein halbes Jahr nach der Abschaffung des unliebsamen Gesetzes, von dem lediglich die Buchpreisbindung geblieben ist, ließen die Unternehmen ihrer Kreativität in Sachen Kundenbindung freien Lauf. Eine wahre Kundenkarten-Hysterie rollte über den Einzelhandel hinweg, mit der man sich seine Treue vergüten lassen konnte.

          Topmeldungen

          Schwierige Zeiten für Studierende

          Wohnungsmarkt in Uni-Städten : Studenten-Buden werden fast unbezahlbar

          Der Wohnungsmarkt für Studierende ist trotz der Corona-Pandemie noch teurer geworden. Gleichzeitig bricht vielen der Nebenjob weg. Das Ergebnis: Jeder vierte muss sich Geld von Freunden oder der Familie leihen.
          Maske auf! Clemens Wendtner rät zum Mund-Nasen-Schutz.

          Infektiologe Clemens Wendtner : „Die zweite Welle ist da“

          Chefarzt Clemens Wendtner hat im Januar in München die ersten Corona-Patienten in Deutschland behandelt. Im Interview spricht er über Laxheit, Lüftungsanlagen – und warum die Jugend für die Eindämmung der Pandemie so wichtig ist.

          Hugh Laurie im Interview : „Gin hilft“

          Der frühere „Dr. House“-Darsteller Hugh Laurie erzählt, was ihm geholfen hat, den Lockdown in England zu überstehen, wie er Charles Dickens’ „David Copperfield“ wiederentdeckte und warum er heute leichter mit seinem Perfektionismus umgehen kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.