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Telefonieren im Ausland : Das Ende der überhöhten Handyrechnungen auf Reisen

Die Abschaffung der Roaming-Gebühren ist noch an Nebenbedingungen geknüpft. Das überwiegende Urteil der Branchenexperten lautet aber, dass die Tage der Roaming-Gebühren gezählt sind. Bild: Colourbox.com

Jetzt ist es amtlich: Im Jahr 2017 soll Schluss sein mit den hohen Roaming-Gebühren fürs Telefonieren und Surfen im Ausland. Aber was macht man bis dahin?

          3 Min.

          Es ist schon ein jahrelanger Streit – aber jetzt soll wirklich Schluss sein: Das Europäische Parlament hat beschlossen, die sogenannten Roaming-Gebühren abzuschaffen. Urlauber und Geschäftsreisende sollen von Juni 2017 an in aller Regel keine Extragebühren für die Handynutzung im EU-Ausland mehr zahlen müssen.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Roaming heißt nichts anderes als die Möglichkeit eines Mobilfunknutzers, ein anderes Mobilfunknetz als sein eigenes fürs Telefonieren oder Surfen zu benutzen – herumzustreunen (englisch „Roaming“). Die Abschaffung der Roaming-Gebühren ist zwar noch an Nebenbedingungen geknüpft. Trotzdem ist das überwiegende Urteil der Branchenexperten, dass die Tage dieser Gebühren damit gezählt sind.

          Bild: F.A.Z.

          Was aber macht man am besten bis 2017, wenn man ins Ausland fährt und nachher keine überhöhte Handyrechnung haben will? Das Internetvergleichsportal Verivox hat für die F.A.Z. die wichtigsten Tarife für Urlauber und Geschäftsreisende verglichen und einige Anhaltspunkten gegeben, ab wann sich die jeweiligen Reisetarife lohnen (siehe Grafik).

          Für Leute, die relativ wenig telefonieren und im Internet surfen, reiche meistens die sogenannte EU-Option aus, also die vergünstigten SMS, Telefonminuten und Surf-Einheiten, die jeder Anbieter in einem Tarif vorsehen muss, meinen die Tariffachleute. Wenn man ein paar SMS schicke, zweimal zu Hause anrufe, zweimal kurz google, benötige man keine weitere Tarifoption. Wer das Smartphone im Urlaub hingegen mehr nutzen wolle, sollte sich möglichst zwei Wochen vor Reiseantritt bei seinem Mobilfunkanbieter schlau machen, welche Angebote es gebe: Vor allem Prepaidkunden, also Leute mit vorab gezahltem Kartenguthaben, müssten solche Optionen nämlich bisweilen im Voraus freischalten lassen.

          „Anbieter muss nicht die günstigste Option voreinstellen“

          Wer hingegen einen Handyvertrag hat, bekommt in der Regel eine SMS, wenn er die Grenze überschreitet. Dann wird ihm ein Reisedatenpaket angeboten. Das größte Urlaubspaket bietet die Deutsche Telekom, ihre EU-„Flat“ überträgt einfach das gesamte Datenvolumen, das man in seinem Tarif gebucht hat, ins Ausland. Vodafone, Base und O2 haben jeweils Angebote, die von der Datenmenge her begrenzt sind.

          Diese Surfbudgets, die jeweils für einen Tag oder eine Woche angeboten werden, gibt es laut Verivox für wenig Geld: Wer sie voll ausnutzt, spart – nur weiß man oft nicht vorher, wie viel man nachher telefoniert und surft. Wer sich nicht sicher sei, ob er ein Zusatzpaket wirklich brauche, könne auch abwarten, bis die Warn-SMS des Anbieters komme, dass sein standardmäßig im Tarif vorgesehenes Volumen „beinahe aufgebraucht“ sei. Niemand müsse also direkt hinter der Grenze oder am ersten Urlaubstag auf das Angebot des Anbieters reagieren.

          „Wichtig ist zu wissen: Der Anbieter muss nicht die günstigste Option voreinstellen“, sagt Sven Ehrmann von Verivox. „Wer auf Reisen das mobile Internet so nutzen möchte wie zu Hause, sollte auf jeden Fall nach einer Zusatzoption Ausschau halten.“ Für Vielsurfer könne auch die Anschaffung einer Prepaidkarte im Reiseland sinnvoll sein. Dann bekommt man allerdings eine andere Telefonnummer, braucht also unter Umständen zwei Handys, um erreichbar zu bleiben.

          Spezialfall Kreuzfahrt

          Anders als in der EU sind die Roaming-Gebühren in Ländern wie der Schweiz oder der Türkei nicht gedeckelt. Es gibt zwar einige Tarife von Mobilfunkanbietern, bei denen auch beliebte Nicht-EU-Länder enthalten sind, aber das ist nicht durchgehend so. In der Schweiz gibt es auch Bestrebungen, die Roaming-Gebühren zu deckeln, die Entscheidung wurde aber aufs nächste Jahr verschoben. Außerhalb der EU ist deshalb der Kauf von Datenpaketen oft noch sinnvoller. Außerdem lässt sich im Smartphone das automatische Suchen von Netzen und das Aktualisieren von Internetdaten abstellen.

          Auf einen Spezialfall weist Martina Totz von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz hin: Auf Kreuzfahrtschiffen können die Handyrechnungen besonders hoch sein. Und zwar aus zwei Gründen: Zum einen läuft der Mobilfunkverkehr auf hoher See oft über Satelliten. Zum anderen sind deshalb auch rechtliche Regelungen zum Roaming teilweise nicht wirksam. Die Verbraucherzentrale hatte in letzter Zeit viele Fälle, bei denen auf diese Weise hohen Rechnungen zustande kamen. „Ein Megabyte Daten kann da schnell 25 Euro kosten“, sagt Totz. Die Verbraucherzentrale empfiehlt, sich beim Reiseanbieter genau über die Tarife zu informieren: Unter Umständen gebe es auf Schiffen auch billiges oder kostenloses W-Lan.

          „Preise werden an anderen Stellen erhöht“

          Zu der grundsätzlichen Frage, ob es sinnvoll und notwendig war, die Roaming-Gebühren gesetzlich zu regulieren, gibt es unterschiedliche Meinungen. Der Wettbewerbsökonom Justus Haucap meint, nein: Die Mobilfunkbetreiber stünden im Wettbewerb – alle Versuche, ihnen auf diesem Gebiet die Bildung eines Kartells nachzuweisen, seien fehlgeschlagen.

          „Es hätte gereicht, wenn die Mobilfunkkunden sich mehr über die Roaming-Gebühren informiert und ihre Entscheidung für einen Anbieter davon stärker abhängig gemacht hätten.“ Die Regulierung, für die sich die EU jetzt feiern lasse, sei nicht nur überflüssig, sondern schädlich.

          Aus zwei Gründen: „Zum einen erhöht sie den Konsolidierungsdruck – mehr Anbieter werden aus dem Markt verschwinden, das verringert den Wettbewerb zu Lasten der Kunden.“ Außerdem werde eine verdeckte Verlagerung von Kosten die Folge sein: „Wenn die Telekommunikationsanbieter keine Roaming-Gebühren mehr nehmen dürften, die Netze aber nicht billiger werden, erhöhen sie an anderen Stellen die Preise – und bieten etwa nicht mehr so stark subventionierte Geräte mit ihren Verträgen an.“

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