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Teure Münzrollen : Wenn das Bargeld doppelt so viel kostet wie sein Wert

Gerollt und nicht geschüttelt: Bares, für das Banken zusätzlich Geld verlangen. Bild: Julia Zimmermann

Banken verlangen immer häufiger Gebühren für Münzrollen. Das ärgert viele Einzelhändler und auch Privatleute. Doch warum kosten Münzen manchmal mehr als ihr eigener Wert?

          An manchen Tagen ist es wie verhext, das weiß jeder Einzelhändler: da zahlen alle Kunden mit Geldscheinen, selbst für einen Schokoriegel oder eine Flasche Wasser – und dann ist das Münzgeld ruckzuck weg. Nachschub in Form von Rollen gibt es bei der Bank, aber immer häufiger müssen die Einzelhändler dafür zahlen.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Mal sind es 30 Cent pro Münzrolle, mal 50 Cent, aber auch ein Euro pro Rolle ist keine Seltenheit mehr, was geradezu grotesk wirkt: In einer Rolle mit 1-Cent-Stücken sind 50 Münzen enthalten, das heißt: in dem Fall sind die Gebühren doppelt so hoch wie das darin enthaltene Bargeld.

          „Einzelhändler mit ihrem Bargeldbedarf sind prägend für unsere Kundschaft. Deswegen haben wir die Münzrollen bisher kostenlos angeboten“, heißt es bei der Stadt-Sparkasse Solingen. Zum 1. September ist es aber vorbei mit der Großzügigkeit. Nur bei Privatleuten oder Vereinen drückt man dann noch ein Auge zu, Geschäftskunden müssen für jede Münzrolle 50 Cent zahlen.

          Für Münzgeld an die Kasse

          „Dadurch wird die Beziehung zu unseren Kunden belastet“, räumt der Sprecher der Sparkasse ein. Das wolle man nicht, müsse es aber in Kauf nehmen – denn die Münzen kosten auch die Sparkasse eine Menge Geld. Hintergrund ist eine EU-Vorschrift, die den Kreditinstituten vorschreibt, alle Münzen auf ihre Echtheit zu prüfen. „Früher haben wir Rollen von Einzelhändlern bekommen, die viel Kleingeld hatten, und diese Rollen an den nächsten Einzelhändler weitergegeben.

          Das ist jetzt vorbei“, beschreibt der Sparkassensprecher das Problem. „Jetzt schickt jede Filiale ihre Münzen in die Zentrale, wo sie maschinell geprüft werden müssen.“ Zugelassen sind dafür übrigens nur Maschinen mit Sicherheitszertifikat von der Bundesbank, Kostenpunkt rund 200.000 Euro.

          Die Einzahlautomaten der Vergangenheit sind derweil schrottreif geworden – für die Umstellung galt eine Übergangsfrist von drei Jahren. Das bedeutet, dass bei vielen Instituten nicht nur Händler zur Kasse gebeten werden, die Münzrollen brauchen, sondern auch solche, die ihr Münzgeld abliefern wollen.

          Wenig Falschmünzen in Deutschland

          Der Imbiss-Buden-Betreiber mit dem sprichwörtlichen Mayonnaise-Becher voller Kleingeld hat bei seiner Sparkassenfiliale bald schlechte Karten, in Solingen und andernorts auch. Münzen und Scheine werden oft nur noch in sogenannten Safebags entgegen genommen, Kostenpunkt: hier 5, da 10 Euro pro Abgabe.

          Mit den Maschinen für die Münzprüfung ist es nicht getan. Wer bei einer Bank oder Sparkasse mit Bargeld zu tun hat, muss regelmäßig über ein Online-Tool der Bundesbank an Schulungen teilnehmen und sogar eine Prüfung ablegen. „Das erhöht zwar die Chance, falsche Münzen am Schalter zu erkennen, steht aber in keinem Verhältnis zum Aufkommen von Falschmünzen in Deutschland“, heißt es dazu beim Sparkassenverband Baden-Württemberg.

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          In ganz Deutschland werden jährlich nur rund 50.000 falsche Münzen entdeckt. Selbst wenn dies alles 2-Euro-Münzen wären, läge der Schaden lediglich bei 100.000 Euro für ganz Deutschland.

          Normcontainer mit viel Inhalt

          Die Bargeld-Prüfverordnung der EU, die seit Jahresbeginn in vollem Umfang wirkt, ist nicht der einzige Kummer, den die Banken mit Münzgeld haben. Schwierig ist gerade für kleine Institute die Sache schon seit dem Jahr 2011, als die Bundesbank damit begann, die Münzgeldversorgung auf Normcontainer zu beschränken.

          Was sich sperrig anhört, ist ein gewichtiges Problem, denn in jeden Normcontainer gehören 500 Rollenpackungen zu je 10 Geldrollen. Sprich: Wer alle acht Münzsorten bei der Bundesbank bestellt, bekommt fünf Tonnen Hartgeld im Wert von 314.000 Euro geliefert.

          Seither haben Dienstleister Konjunktur, die diese großen Geldmengen in handliche Beträge für den Bedarf kleinerer Institute aufsplitten – Kosten, die entweder im großen Kostenblock verbucht und damit letztlich von allen Bankkunden getragen oder den Händlern in Rechnung gestellt werden.

          Günstiger Handel mit Bargeld

          „Wir empfehlen unseren Sparkassen, für bestimmte Kundengruppen, die viel Bargeld einzahlen und auch brauchen, die Münzrollen zu bepreisen“, heißt es beim Sparkassen-Verband Baden-Württemberg. Wie weit die Gebühren schon verbreitet sind, weiß der Verband nicht, auch andere Bankenverbände vermeiden konkrete Angaben.

          Aber eine Folge ist für den Sparkassen-Verband klar zu erkennen: „Viele Banken haben sich inzwischen aus dem Münzgeld-Geschäft zurückgezogen. Es bleiben vor Ort nur noch Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die dieses aufwändige Geschäft betreiben, um die Bevölkerung und den Handel mit Bargeld zu versorgen.“

          Trotz aller Gebühren ist die Barzahlung immer noch beliebt im Einzelhandel – weil sie immer noch die billigste aller Zahlungsarten ist, wie Ulrich Binnebößel vom Einzelhandelsverband HDE sagt: „Wir warnen vor unnötigen gesetzlichen Vorgaben oder Einschränkungen.“ Wenn das Bargeld-Handling für die Händler immer teurer wird, während die Gebühren für Bank- und Kreditkarten sinken, könnte die Vorliebe fürs Bargeld weiter abnehmen.

          Ausland bezahlt ohne Bargeld

          Aktuell werden noch mehr als die Hälfte aller Umsätze im deutschen Einzelhandel mit Bargeld beglichen. Gemessen an der Zahl der Einkäufe liegt die Bargeld-Quote sogar bei etwa 80 Prozent, weil vor allem der kleine Einkauf schnell und unproblematisch mit Münzen und Scheinen möglich ist.

          In anderen Ländern ist das Bargeld schon viel weiter im Hintertreffen. Selbst einzelne Supermärkte arbeiten schon ganz ohne Bargeld, wie „Marqt“ in den Niederlanden. Erst in diesem Frühjahr hat Dänemark angekündigt, dass vom nächsten Jahr an Tankstellen, Restaurants und kleine Läden kein Bargeld mehr annehmen müssen.

          In Deutschland stößt so etwas noch auf Unbehagen. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov würden es drei von vier Befragten (74 Prozent) ablehnen, wenn der Annahmezwang für Bargeld wegfiele.

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