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Übernahme : Soll ich noch bei Condor buchen?

Damals in den 70ern: Condor fliegt als erste Charterlinie einen Jumbo B 747. Bild: Archiv Spaeth

Die Charterfluglinie Condor wird wohl verkauft. Dann können Flüge ausfallen. Wer gerade buchen will, fragt sich, ob er lieber die Konkurrenz wählt.

          Condor ist eine der beliebtesten deutschen Charterfluglinien. Bis 2009 gehörte sie noch teilweise zur Lufthansa, seitdem zum Reiseanbieter Thomas Cook. Dort ist Condor allerdings weniger beliebt. Immer wieder wollte Thomas Cook die Fluglinie loswerden, mal durch Fusion mit Air Berlin, mal mit Germanwings und TUIfly. Das hat aber nie geklappt. Jetzt hat Thomas Cook abermals angekündigt, Condor abstoßen zu wollen. Die Passagiere sind verunsichert: Gelten ihre Tickets für den Sommerurlaub auch nach einem Verkauf noch? Und wer gerade buchen will, fragt sich, ob er lieber die Konkurrenz wählt.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zunächst einmal scheint alles ganz einfach: Ein neuer Eigentümer übernimmt alle Rechte und Pflichten des Vorgängers. Das heißt, die Tickets gelten weiter, Passagiere müssen sich nicht sorgen. Nun kann es aber passieren, dass der neue Besitzer manchen Flug aus wirtschaftlichen Gründen gar nicht mehr anbieten will oder dass er Start- und Landerechte für bestimmte Zeitfenster (Slots) abgeben muss, weil die Wettbewerbsbehörden zu viel Marktmacht des neuen Eigentümers befürchten.

          Unterschieden werden muss dann zwischen einer Pauschalreise inklusive Flug bei einem Reiseanbieter und der eigenen Buchung des Fluges. Wer selbst den Flug bucht, hat erst einmal Pech gehabt, die Tickets werden nutzlos. Dann greift die EU-Fluggastrechteverordnung. Sie entschädigt bei Verspätungen und Flugausfall je nach Entfernung mit mehreren hundert Euro. Allerdings greift die Verordnung nicht, wenn die Fluggesellschaft die Flugstreichung mindestens zwei Wochen vorher ankündigt. Ein solcher Vorlauf wäre nach einer Condor-Übernahme zu erwarten. Die Fluglinie müsste dann nur den Ticketpreis erstatten, der Passagier müsste sich selbst einen neuen Flugschein besorgen.

          Kein Schadenersatz bei zumutbarem Ersatzflug

          Das kostet kurz vor Urlaubsbeginn meist mehr als bei einer Buchung Wochen vorher. Den Mehrpreis kann sich der Passagier dann über die Schadenersatzregeln nach dem Montrealer Übereinkommen zum Flugverkehr von Condor zurückholen. Das gilt auch für andere Mehrkosten eines späteren Ersatzfluges, zum Beispiel für eine zu viel bezahlte Übernachtung oder ein neues Zugticket für die Anreise zum Flughafen. Die Entschädigungen sind auf etwa 5000 Euro pro Buchung pro Person gedeckelt.

          Der Fluggast bekommt allerdings keinen Schadenersatz, wenn Condor einen Ersatzflug anbieten würde. Den muss er annehmen, wenn der Flug zumutbar ist. „Unzumutbar sind zum Beispiel Flüge, die frühmorgens, also vor etwa acht Uhr, starten – wenn der ursprüngliche Flug nicht auch ein Nachtflug war“, sagt Flugrechts-Experte Elmar Giemulla. „Auch ein anderer Flughafen muss nicht akzeptiert werden, wenn sich die Reisezeit dadurch deutlich verlängert. Genauso wenig wie eine andere Flugklasse, also etwa Economy statt Premium-Economy.“ Akzeptiert werden müsse aber ein Flug am Nachmittag statt am Vormittag und jede Fluggesellschaft.

          Wer den Ersatzflug ablehnt und selbst bucht, muss die Mehrkosten für die Fluglinie klein halten. Man sollte also nicht gerade den teuersten Flug zur Hauptverkehrszeit bei einer teuren Gesellschaft buchen, wenn es eine günstigere Alternative gibt. Wenn sich die Fluggesellschaft mit dem Schadenersatz ziert, macht die kostenlose Schlichtungsstelle Söp oft erfolgreich Druck.

          Bei einer Pauschalreise muss der Reiseanbieter einen Ersatzflug organisieren. Ist der nicht zumutbar, kann der Passagier selbst buchen, und es gelten die gleichen Entschädigungsregeln wie bei individueller Flugbuchung. Zusätzlich kann der Kunde für „entgangene Urlaubsfreuden“ rund 100 Euro am Tag geltend machen, wenn zum Beispiel ein deutlich späterer Flug den Großteil des ersten Urlaubstages raubt.

          Am wahrscheinlichsten ist aber, dass sich bei einer Übernahme von Condor gar nicht viel ändern wird. Denn Flugstreichungen aus wirtschaftlichen Erwägungen oder Anordnungen der Wettbewerbsbehörden greifen in der Regel nicht sofort, sondern zum Beispiel zum nächsten Flugplan, um einen Imageschaden und Schadenersatzzahlungen zu vermeiden. Für den nächsten Flugplan hat aber noch kein Passagier ein Ticket.

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