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Aufgepasst beim Wechsel : Achtung, Billigstrom!

Die Energiepreise in Deutschland sind zuletzt so kräftig gestiegen wie seit sieben Jahren nicht mehr. Bild: dpa

Wieder ist ein Anbieter von Billigstrom pleite. Wie sich Verbraucher schützen können.

          Die Suche nach dem billigsten Strom kann Verbraucher teuer zu stehen kommen. Hunderttausende Deutsche haben in den vergangenen Jahren auf Prämien und Guthabenzahlungen verzichten müssen, weil ihre Billiganbieter wie Teldafax, Flexstrom und Care Energy in die Insolvenz geschlittert sind. Dasselbe Schicksal droht nun auch etwa einer halben Million Kunden der Bayerischen Energieversorgungsgesellschaft (BEV).

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das 2013 gegründete Unternehmen, das in kurzer Zeit zu einer stattlichen Größe heranwuchs, hat in der vergangenen Woche die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Als Grund führt BEV die gestiegenen Energiebeschaffungspreise an, doch dies ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Denn das Geschäftsmodell des Billigstromanbieters erschien von Beginn an fragwürdig: Es beruhte einzig auf der Hoffnung, dass die mit hohen Prämien angelockten Kunden träge werden und über das erste, extrem günstige Vertragsjahr hinaus der BEV treu bleiben.

          Alles für den Platz im Vergleichsportal

          Ein ähnlich wackliges Geschäftsmodell verfolgen auch eine Reihe anderer Discounter. Was bedeutet, dass die nächste Pleite eines Billigstromanbieters wohl nur eine Frage der Zeit ist. Allein in den vergangenen zwei Jahren haben acht Strom-Discounter, große wie kleine, Insolvenz angemeldet. Zwar können Verbraucher den Tarifdschungel kaum durchdringen, eventuelle Fallstricke in den Verträgen nur schwer erkennen und das Geschäftsgebaren der Unternehmen nur mit Mühe einschätzen. Doch wer vor dem Wechsel des Stromanbieters auf ein paar verdächtige Dinge achtet, kann sich viel Ärger und Kosten ersparen.

          Vorsicht geboten ist vor allem bei Anbietern, die mit unerhört niedrigen Preisen und hohen Boni für sich werben, wie es BEV getan hat. Solche Discounter lassen es sich einiges kosten, um in den Vergleichsportalen auf einen der vorderen Plätze zu kommen. Sie bieten den Strom zu Preisen an, die kaum über den Anschaffungskosten liegen, versprechen Neukunden hohe Prämien und zahlen Vergleichsportalen wie Check24 und Verivox Provisionen.

          Das hat zur Folge, dass die Anbieter zwar schnell wachsen. Aber weil die Kunden cleverer sind als erhofft und nach einem Jahr gleich zum nächsten Billiganbieter springen, verdienen die Discounter kein Geld. „Zu günstige Stromtarife von Billiganbietern gehen nicht mehr auf, wenn sich zu viele Nutzer den regelmäßig vorhandenen Preissprung ab dem zweiten Vertragsjahr nicht gefallen lassen“, sagt Arik Meyer, Chef des Tarifaufpassers Switchup. Früher oder später laufen die Discounter Gefahr, den Ansprüchen der Kunden nicht mehr nachkommen zu können. Verbraucherschützer sprechen von „Wildwestmethoden“.

          Anbieter genau prüfen

          Für die Kunden bedeutet dies vor allem: nicht gleich das erstbeste Unternehmen auf der Liste eines Vergleichsportals wählen. So rät der Tarifoptimierer Wechselpilot: „Nehmen Sie das Unternehmen, das hinter dem Versorger steht, genau unter die Lupe.“ Am zuverlässigsten sind lange bestehende Firmen und staatliche Anbieter mit finanziellen Rücklagen.

          Zudem sollten Verbraucher unbedingt Erfahrungsberichte und Einschätzungen anderer Kunden beachten. Dabei sollte sich allerdings niemand auf die Bewertungen auf den Vergleichsportalen verlassen. Denn wenn dort vier oder gar fünf Sterne verteilt werden, bezieht sich die gute Bewertung oft nur auf den reibungslos verlaufenen Anbieterwechsel; wie es danach weitergeht, bleibt unberücksichtigt.

          Deshalb ist es angeraten, sich auf unabhängigen Bewertungs- oder Beschwerdeportalen wie Trustpilot und Reclabox die Erfahrungen bisheriger Stromkunden durchzulesen. Dort finden sich alarmierende Signale nach stets demselben Muster. Beklagt wird, dass die Strom-Discounter Prämien und Guthaben nicht oder verspätet auszahlen und die Preise nach der Mindestvertragslaufzeit um 30 Prozent erhöhen. Die Mitteilungen über Preiserhöhungen werden oft auf möglichst unauffällige Weise verschickt. E-Mails landen nicht selten im Spam-Ordner. BEV hat es im Dezember besonders arg getrieben und Kunden mit Preisgarantie gebeten, „einer vorzeitigen freiwilligen Preiserhöhung“ zuzustimmen.

          Auf Trustpilot haben die miserablen Bewertungen für BEV seit langem darauf hingewiesen, dass das Unternehmen seinen Kunden mehr versprochen hat, als es halten kann. Auch Reclabox ist ein guter Indikator für fragwürdige Geschäftsmodelle. Bei den Beschwerden über Stromanbieter findet sich BEV mit fast 2700 Beschwerden obenauf. Auf den Plätzen danach folgen Extra-Energie und Stromio, über die sich weit mehr als 1000 Kunden beklagen und damit mehr als über die schon insolventen Anbieter Teldafax und Flexstrom.

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