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Bezahlen ohne Bargeld : Es geht auch ohne Kreditkarte

Kreditkarte? Ein Blick auf die Alternativen lohnt sich Bild: Images.com/Corbis

Die Kreditkarte ist teuer und verführt zum Geldausgeben. Dabei gibt es meist bequeme Alternativen. Die sind sogar sicherer. Und lassen sich an mehr Orten einsetzen. Kaum zu glauben.

          3 Min.

          Die medizinische Kunst der Anästhesie hat mit der Welt des Geldes auf den ersten Blick rein gar nichts zu tun: Schließlich studieren Bankberater das Finanzwesen, nicht Medizin, und wissen darum eines nun wirklich nicht - wie man einen Menschen in Narkose versetzt.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dabei wäre es im übertragenen Sinne für sie eigentlich ganz einfach, ihren Kunden eine Art Beruhigungsspritze zu geben. Dafür nämlich würde eine einzige Bemerkung völlig ausreichen: „Darf ich Ihnen eine neue Kreditkarte anbieten?“ Forscher der Carnegie Mellon University im amerikanischen Pittsburgh sind es, die in einer Studie diesen auf den ersten Blick ziemlich seltsamen Zusammenhang entdeckt haben: „Kreditkarten wirken wie eine Betäubungsspritze.“ Auch Dominik Georgi, Bankenprofessor an der Frankfurt School of Finance & Management, sagt: „ Menschen tut es weh, Geld auszugeben, und Kreditkarten lindern anfangs diesen Schmerz. Die Nachwirkungen der Therapie aber sind erheblich.“

          Kreditkarten bewirken Kontrollverlust

          Schmerzen beim Geldausgeben? Kreditkarten mit Nachwirkungen? Wovon bitte redet der Mann? Rund 33 Millionen Kreditkarten sind in Deutschland im Umlauf, und für die meisten ihrer Besitzer ist klar: Die kleinen Karten machen das Leben leichter. Getreu dem Werbemotto des bekanntesten Anbieters: „Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen. Für alles andere gibt es Mastercard.“

          Schön wär’s. Denn so bequem es auch sein mag, Kreditkarten ständig einzusetzen, so leicht sich der Mensch auch an sie gewöhnt - am Ende ist der Kunde ohne sie oft besser dran. Weil Kreditkarten zum Geldausgeben verführen. Weil ihr Einsatz richtig teuer werden kann. Und weil sie sich gerade in Deutschland viel seltener benutzen lassen, als viele denken.

          Kreditkarten: Beliebt, aber teuer

          Warum aber sollten nun gerade Kreditkarten zum fröhlichen Geldverjubeln verleiten? Ist es doch eine gute Sache, neben Bargeld und Girokarte (der offiziellen Bezeichnung für die frühere EC-Karte) eine weitere Zahlungsalternative im Portemonnaie zu haben. Aber die Forscher in Pittsburgh haben in aufwendigen Experimenten festgestellt: Kreditkarten bewirken, dass viele Menschen die Kontrolle über ihre Ausgaben verlieren. Wie das passiert, lässt sich anhand unseres wichtigsten Organs nachvollziehen - des Gehirns.

          „Ein intransparentes Zahlungsmittel“

          Genauestens haben die Wissenschaftler die Hirnaktivitäten ihrer Probanden beim Einsatz verschiedener Bezahlarten verglichen. Ergebnis: Zahlten sie bar, zeigten ausgerechnet die Hirnregionen große Aktivität, in denen unser Schmerzempfinden verortet ist. Zahlten sie dagegen mit Karte, blieb im Schmerzzentrum alles ruhig. „Pain of Paying“ (der Schmerz des Zahlens) nennen die Forscher das Phänomen, Dominik Georgi erklärt es so: „Beim Zahlen mit Bargeld kommt es zu einem physischen Akt der Trennung, der uns Unwohlsein bereitet. Beim Einsatz der Kreditkarte hingegen haben wir nicht das Gefühl, etwas zu verlieren, und geben gerne mehr aus.“ Merke: weniger Schmerz, mehr Ausgaben.

          Wer sein Geld besser zusammenhalten möchte, verzichtet also auf die Kreditkarte. Nun könnte man einwenden: Müssten wir alle dann nicht konsequenterweise auch auf den Einsatz der EC-Karte verzichten? Wer damit eine Rechnung bezahlt, spürt dies schließlich auch nicht sofort.

          Aber es gibt einen gravierenden Unterschied: EC-Zahlungen werden direkt vom Konto abgebucht, sie hat der Kunde sogleich vor Augen, wenn er das nächste Mal seinen Kontostand in den Blick nimmt. Das schmerzt ebenfalls. Kreditkartenzahlungen dagegen bleiben erst mal unsichtbar: Sie werden erst am Monatsende vom Konto abgezogen. „Kreditkarten sind ein intransparentes Zahlungsmittel“, kritisiert Finanzprofessor Georgi.

          Fast immer gibt es Alternativen

          Zudem sind Mastercard, Visa und Co. häufig teuer: Während die EC-Karte in Deutschland in der Regel immer kostenlos ist, fallen bei Kreditkarten mitunter saftige Jahresgebühren an. 39 Euro verlangt beispielsweise die Deutsche Bank, 29,90 Euro die Commerzbank und 30 Euro die Targobank. Institute, die wie die DKB ihren Kunden die Jahresgebühr völlig erlassen, sind nach Angaben der FMH-Finanzberatung in Deutschland die klare Minderheit. Richtig ins Geld geht es außerdem, wenn die Kunden sich Kreditkarten zulegen, die in der Fachsprache auf den Namen „Revolving Credit Cards“ hören. Zu den Anbietern gehören nicht nur die Postbank oder die spanische Bank Santander, sondern auch der ADAC. Alle diese Karten haben eine Besonderheit: Ihre Besitzer können ihre Einkäufe in Raten abbezahlen - ihnen wird ein dauerhafter Kredit über mehrere Monate eingeräumt. Das klingt zunächst einmal gut. Für die Beträge, die am Ende eines Monats noch offen sind, kassieren die Anbieter jedoch deftige Zinsen: Sie liegen nach Angaben von FMH im Schnitt bei 14,4 Prozent. Geschätzt 3,3 Millionen solcher Karten gibt es mittlerweile in Deutschland. Tendenz: steigend.

          Nicht mal bei der Zahl der Einsatzorte liegt die Kreditkarte vorn. Sogar bei Mastercard heißt es: „In Deutschland gibt es mehr Akzeptanzstellen für Girokarten als für Kreditkarten.“ Ein Beispiel: Schon mal versucht, bei Aldi mit Kreditkarte zu bezahlen? Der Discounter nimmt nur Bares oder die EC-Karte. Genau wie viele Restaurants.

          Bei Einkäufen im Internet jedoch, so die Annahme vieler Online-Kunden, gehe es nun wirklich nicht ohne Kreditkarte. Aber Tatsache ist: Fast immer gibt es Alternativen. Und in vielen Fällen sind sie günstiger. Online-Tickets für die Deutsche Bahn lassen sich auch per sicherem Lastschriftverfahren buchen, Fluggesellschaften wie die Lufthansa bieten die Möglichkeit einer Online-Überweisung an, und wer sich beim Internet-Bezahlsystem Paypal registriert, kann damit bei vielen Online-Shops problemlos zahlen. Wirklich gebraucht wird die Kreditkarte eigentlich nur noch bei zweierlei: beim Buchen eines Mietwagens und beim Reservieren von Hotels im Ausland. Für alles andere gilt: Auf Schmerzmittel zu verzichten ist nicht nur gut für die Gesundheit. Sondern auch fürs Portemonnaie.

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