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Bargeldloses Zahlen : Bargeld als deutsches Kulturobjekt

Und ewig lacht das Bargeld, vor allem in Deutschland. Bild: dpa

Im sozialen Netzwerk Twitter kursiert eine auf den ersten Blick unscheinbare Grafik. Sie scheint zu bestätigen: Die Deutschen hassen Kartenzahlung. Eine kulturelle Angelegenheit?

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          Die Deutschen haben ein eigentümliches Verhältnis zum Geld. Geprägt von Misstrauen und Angst scheint es zu sein. Vor der (Hyper-)Inflation etwa, die es vor 94 Jahren zum letzten Mal gab und die auch nicht in Sichtweite ist, weil die Voraussetzungen dafür nicht annähernd erfüllt sind.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Sie scheinen auch dem zu misstrauen, was man nicht greifen kann – und so ist nur Bares Wahres. Manche gehen sogar so weit, dass sie noch nicht einmal dem Papiergeld vertrauen und am liebsten in Gold bezahlen würden, wenn der Bäcker denn auf den Krügerrand herausgeben würde.

          Schaut man auf einen internationalen Vergleich der Entwicklung von Zahlungsgewohnheiten, so legt auch dieser nahe, dass es sich hier um eine deutsche Eigenheit handelt. Die „Bond Vigilantes“, eine Gruppe britischer Rentenfondsmanager, hat die Entwicklungen in sechs entwickelten Ländern seit 2010 miteinander verglichen und die Grafik auf dem Kurznachrichtendienst Twitter nur mit dem Satz kommentiert: „Weiß jemand, aus welchem Grund die Deutschen ihre Einkäufe lieber bar anstatt mit Karte zahlen?“

          Denn die Unterschiede sind frappierend: Weniger als 20 Prozent der Einkäufe in Deutschland wurden 2015 demnach mit Karte bezahlt. In Australien und den Niederlanden waren es rund 50 Prozent, in Schweden gar rund 70. Auch ist der Trend zur bargeldlosen Zahlung in keinem der Länder so schwach ausgeprägt wie hierzulande. Ein interessanter Fall scheint dabei Schweden zu sein: Der Anteil der Kartenzahlung ist zwar so hoch wie in keinem anderen Land, war zuletzt aber wieder leicht rückläufig. Eine „natürliche“ Grenze für Kartenzahlungen?

          So instruktiv die Übersicht ist, so sollte man sie nicht überbewerten, sondern als Denkanstoß begreifen. Auch die Urheber weisen darauf hin, dass die Daten aufgrund unterschiedlicher Erhebungsmethoden nicht direkt miteinander vergleichbar sind. Für Deutschland stammen die jüngsten Daten aus 2015, für Kanada gar aus 2014.

          Aber interessant ist es doch alle mal, darüber nachzudenken, ob und warum ausgerechnet die Deutschen so viel mehr am Bargeld zu hängen scheinen.

          Vielleicht ist es wirklich kulturell bedingt: Denn die Vergleichsländer Australien, Kanada, Schweden, die Vereinigten Staaten und nicht zuletzt die Niederlande sind historisch vom Protestantismus, vor allem vom Kalvinismus geprägt.

          Dieser hat eine ganz eigene Arbeitsethik entwickelt, die mitunter auch als Grundlage des modernen Kapitalismus‘ gilt: Ob Gott einem Menschen gnädig ist, wurde zu Anbeginn der Zeit festgelegt. Der Mensch hat darauf keinen Einfluss, wirtschaftlicher Erfolg aber kann als Zeichen gewertet werden, sich im Gnadenstand zu befinden. Es erscheint plausibel, davon auszugehen, die faktisch größere Finanzaffinität in den betreffenden Ländern auf diese positive Wertung der Anhäufung von Reichtümern zurückzuführen.

          Nicht vollständig ins Bild passt vielleicht das eher lutheranische Schweden. Indes hatte sich auch Schweden frühzeitig von der katholischen Kirche gelöst und war im Dreißigjährigen Krieg wichtigster Unterstützer der deutschen Protestanten. Weitere Vergleiche wären da wohl mal ganz interessant.

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