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Wirtschaftswunder auf Pump: In den 1950er Jahren kostete ein Kühlschrank ein durchschnittliches Monatsgehalt. Bild: INTERFOTO

Wirtschaftswunder : Schulden machen lohnt sich

  • -Aktualisiert am

Deutschlands Wirtschaftswunder wäre ohne die Verschuldung der Privathaushalte nicht möglich gewesen. Doch vorher musste aus dem Laster des Schuldenmachens eine Tugend werden.

          Vor 60 Jahren, im Herbst 1958, begannen westdeutsche Großbanken, sich im Bereich der Kleinkredite zu engagieren und damit ins „Massengeschäft“ einzusteigen. Das war eine folgenschwere Entwicklung, für die bundesdeutsche Konsumgesellschaft und das Wachstum der Wirtschaft. Zehn Jahre zuvor hatte die Währungsreform zwar die ordnungspolitischen Weichen in Richtung Marktwirtschaft gestellt. Die Freigabe der Preise führte zu einer enormen Ausweitung des Warenangebots, aber ein Großteil der Konsumenten konnte sich die angebotenen Waren zunächst kaum leisten. 90 Prozent der Erwerbstätigen verfügten über Einnahmen, die unter 200 D-Mark lagen. Auch wenn die Löhne bald anstiegen und bei einem durchschnittlichen Vier-Personen-Arbeitnehmerhaushalt Mitte der 1950er Jahre immerhin bei etwa 500 D-Mark lagen, so kostete ein Kühlschrank zu dieser Zeit doch etwa ein Monatsgehalt. Noch im Sommer 1958 sprachen sich nach einer Umfrage des Divo-Instituts zwei Drittel der Bundesdeutschen gegen Raten- und für Barzahlung aus. Sich zu verschulden galt meist als moralische Belastung.

          Begriffe wie Schulden, Schuldenkrise, Staatsverschuldung haben grundsätzlich einen negativen Beiklang, der sich durch die jüngste Weltwirtschaftskrise noch verstärkt hat. Daran ist zu einem gewissen Grad auch der Begriff „Schulden“ durch seine etymologische Nähe zum Begriff „Schuld“ schuld, wobei letzterer mehrere Bedeutungsebenen umfasst. Die finanzielle Schuld führt dazu, in jemandes Schuld zu stehen, ihm oder ihr Geld zu schulden und damit in der Pflicht zu sein, diese Schulden auch zurückzuzahlen.

          Finanzielle Schuld in Form von Kredit (entstammt dem lateinischen „credo“, glauben/vertrauen) und moralische Schuld hängen eng miteinander zusammen. Kommt man der Verpflichtung zur Zurückzahlung der Schulden nicht nach, so entsteht nicht nur ein rechtliches, sondern auch ein Vertrauensproblem. Ebenso sind Schuld, Schulden und Sünde eng miteinander verknüpft – da kommen auch Religion und Konsum ins Spiel. Habgier, Neid und Völlerei – mindestens drei der sieben Todsünden im Christentum beziehen sich direkt oder indirekt auf Aspekte des Konsums und Verzehrs, und ein wesentliches Ziel des Christentums ist es, diese Sünden zu überwinden, zu sühnen, zu entschulden, zu vergeben und barmherzig zu sein.

          Aus dem Laster des Schuldenmachens wurde eine Tugend

          Doch sind Laster und Sünden ebenso wie Tugenden keine unveränderlichen Größen, sie wandeln sich im Zeitverlauf und passen sich dem gesellschaftlichen, ökonomischen und sozialen Wandel an. Was einst als Sünde definiert wurde, galt später als gesellschaftlicher Fortschritt. Niccolo Machiavelli wies im 16. Jahrhundert darauf hin, „dass manches, was als Laster gilt, Sicherheit und Wohlstand bringt“. Der Sozialtheoretiker Bernard Mandeville im 18. Jahrhundert und der Ökonom Adam Smith im 19. Jahrhundert zeigten, dass Eigennutz und Eigeninteresse nicht nur selbstsüchtigen Motiven entspringen, sondern auch gesamtgesellschaftlichen Nutzen haben konnten.

          Das Schuldenmachen war schließlich einer der Motoren der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und der Entfesselung der Marktkräfte. Ohne die Aufnahme von Krediten und die Rolle der Banken wären Investitionen in Kohlegruben und Stahlwerke, Eisenbahnnetze und Maschinenbauanstalten im Zeitalter der Industrialisierung nicht möglich gewesen. Langfristig kam es zu einer Neubewertung der Laster und Tugenden, von Schuld und Schulden, und das wirkte sich auch auf das private Haushalten aus. Auch dort wich die Vorstellung, dass die Aufnahme von Schulden moralisch verwerflich und unbedingt zu vermeiden sei, allmählich dem Wunsch, sich nicht allein durch diszipliniertes Sparen in ferner Zukunft, sondern mit Hilfe von Ratenkrediten hier und jetzt ein besseres Leben ermöglichen zu können.

          Doch waren seriöse institutionelle Voraussetzungen dafür bis weit ins 19. Jahrhundert in Deutschland kaum gegeben. Private Geldverleiher waren oft zwielichtige Gestalten, die nicht selten Wucherzinsen verlangten. Anders als Unternehmen und Unternehmer, die ihre Kredite über private Banken bezogen, standen dem „kleinen Mann“ bis zur Gründung von Sparkassen und Raiffeisenbanken keine entsprechenden Möglichkeiten zur Verfügung. Erst im Jahr 1926 eröffnete mit der Kundenkreditbank eine erste Teilzahlungsbank auch für Privatkunden. Während der Zeit des Nationalsozialismus stand die Propagierung des Sparens im Mittelpunkt, der Ausbau der Konsumgesellschaft musste aber spätestens seit Kriegsbeginn dem Ausbau der Rüstungswirtschaft weichen.

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