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Lukrative Einnahmequelle : Trotz der Nullzinsen bleibt der Dispozins oft zweistellig

Die Politik hat den Dispozins schon seit längerem als ein Thema erkannt. Bild: dpa

Die Banken langen beim Dispo immer noch zu. Die Regierung verspricht mal wieder Abhilfe.

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          Wundern kann man sich schon. Überall sind die Zinsen außerordentlich niedrig: beim Sparbuch, beim Tagesgeldkonto, bei vielen Staatsanleihen und selbst bei Hauskrediten. Nur bei den Dispokrediten, die man als Bankkunde in Anspruch nimmt, wenn man sein Girokonto überzieht, langen viele Banken weiter kräftig zu. Sie verlangen zum Teil noch zweistellige Prozentsätze, die man in der Niedrigzinswelt sonst höchstens noch von griechischen Staatsanleihen kennt.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Banken können dafür tausend Gründe nennen. Sie argumentieren, dass der Dispo ja gar nicht als dauerhafter Kredit gedacht sei und seine Zinsen deshalb nicht mit denen eines Raten- oder Hypothekenkredits vergleichbar seien. Sie sagen, der Dispo stelle ein kurzfristig nutzbares Angebot dar, dessen hohe Flexibilität sich in höheren Zinsen widerspiegele. Außerdem sei der Dispo ein Kredit, der gleichsam ohne Sicherheiten und zusätzliche Prüfung gewährt werde, darum müsse er naturgemäß teurer sein.

          Vieles spricht allerdings dafür, dass die Banken einfach deshalb so hohe Dispozinsen nehmen, weil sie gezahlt werden und eine lukrative Einnahmequelle darstellen. Die wenigsten Leute suchen ihr Girokonto schließlich danach aus, wo die Dispozinsen niedrig sind. Und wenn jemand erst mal bei einer Bank ist, wechselt er mit seinem Girokonto nicht so ganz leicht, weil das mit einigem Aufwand verbunden ist. Gerade wenn jemand erheblich im Minus ist, findet er auch nicht so ganz leicht eine neue Bank, die ihm sofort einen hohen Dispo einräumt.

          Kein Wunder, dass die Politik den Dispozins schon seit längerem als ein Thema erkannt hat, bei dem man leicht die Zustimmung vieler Wähler gewinnen kann. Es gab daher immer wieder Drohungen der Politik, man werde regelnd eingreifen, wenn sich nicht bald etwas ändere. Selbst das Bundeskartellamt wurde vor einigen Jahren eingeschaltet, allerdings ohne dass eine Strafe verhängt wurde.

          Höchste Dispozinsen verlangen kleinere regionale Institute

          Nun will Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) am Mittwoch in einer Woche einen Gesetzentwurf ins Kabinett bringen, der den Banken vorschreibt, die Dispozinsen zumindest im Internet zu veröffentlichen. Viele Banken tun das zwar auch heute schon. Aber vor allem kleinere Institute mit besonders hohen Dispozinsen hatten um diese in der Vergangenheit eine gewisse Geheimniskrämerei betrieben und die Höhe der Dispozinsen zum Beispiel auch auf Nachfrage am Telefon nicht verraten. Maas hofft, dass sich als Reaktion auf die neue Regelung demnächst im Internet Tabellen finden lassen, mit denen man die Dispozinsen aller Kreditinstitute vergleichen kann - ähnlich wie beim Tagesgeld. Und dass das den Wettbewerb zwischen den Banken anheizt, mit der Folge, dass die Dispozinsen sinken.

          Allerdings: Tabellen, mit denen sich die Dispozinsen vieler Banken vergleichen lassen, gibt es auch heute schon im Internet - auch wenn sie nicht vollständig sind. Das Problem scheint eher zu sein, dass diese Zinsen ja nicht das einzige Kriterium sind, nach dem jemand sein Girokonto auswählt. So gibt es Banken mit einer höheren Kontoführungsgebühr, bei denen die Dispozinsen dann niedriger sind. Im Extremen betreibt dieses Modell die Skatbank in Altenburg, die auch sonst mit 4,8 Prozent niedrige Dispozinsen hat: Dort gibt es neuerdings eine Flatrate fürs Girokonto; man zahlt 7,50 Euro im Monat und kann, wenn man einen regelmäßigen Gehaltseingang auf dem Konto hat, bis zu 2500 Euro Dispo in Anspruch nehmen, ohne Zinsen zahlen zu müssen.

          Zu den Banken mit niedrigen Dispozinsen gehören auch sonst einige Direktbanken wie die DKB, die DAB Bank und die ING-Diba (jeweils 7,5 Prozent). Die höchsten Dispozinsen verlangen einige kleinere regionale Institute. Einige Banken, wie die Targobank, bieten unterschiedliche Modelle für Girokonten an, von denen einige hohe, andere niedrige Dispozinsen haben.

          Bei den Sparkassen und Volksbanken gab es zuletzt ein Zeichen des guten Willens: Zumindest bei einem Teil der Institute wurde der sogenannte Überziehungszins abgeschafft. Bis dahin hatte man unterschieden, wie viel Zinsen man als Bankkunde zahlen muss, wenn man sein Konto innerhalb des genehmigten Rahmens (Dispozinsen) überzog oder darüber hinaus (Überziehungszinsen). Beim Überziehungszins hatte es auch Zinssätze von 20 Prozent und mehr gegeben. Die Direktbank ING-Diba hatte im vorigen Jahr für Schlagzeilen gesorgt, als sie verkündete, den Überziehungszins abzuschaffen. Daraufhin sind ihr einige Institute gefolgt, etwa die Hypovereinsbank.

          Banken müssen Kunden warnen, wenn sie ins Minus rutschen

          Überhaupt bescheinigte selbst die Stiftung Warentest den Banken, dass es schon im vorigen Jahr mit den Dispozinsen etwas besser geworden sei. Wenn man vergleiche, wie niedrig die Leitzinsen der Europäischen Zentralbank lägen, seien aber Dispozinsen von mehr als zehn Prozent immer noch schwer nachvollziehbar.

          Forderungen von Verbraucherschützern, die Dispozinsen gesetzlich zu deckeln, sollen im Bundeskabinett am Widerstand der Union gescheitert sein. Justizminister Maas selbst soll ursprünglich dafür gewesen sein. Verbraucherschützer hatten sich für eine Deckelung bei sieben Prozent ausgesprochen, die Linkspartei wollte die Grenze sogar schon bei fünf Prozent setzen.

          Weiter geplant ist dagegen, den Banken vorzuschreiben, die Kunden zu warnen, wenn sie längere Zeit ins Minus rutschen, und ihnen einen günstigeren Ratenkredit als Alternative zum Überziehen des Kontos anzubieten. Das soll immer dann greifen, wenn jemand mindestens drei Monate den Dispo beansprucht hat - oder das Minus den durchschnittlichen monatlichen Gehaltseingang übersteigt. Die ING-Diba hat das bereits eingeführt und schreibt Kunden an, die ins Minus gerutscht sind. Und die Commerzbank druckt seit vorigem Jahr zusätzliche Warnhinweise auf die Kontoauszüge.

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