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Niedrigzinspolitik : Wo bleibt eigentlich die Kreditexplosion?

Sitz der amerikansichen Zentralbank in Washington Bild: Reuters

Kritiker der Geldpolitik warnen seit Jahren vor einer Kreditschwemme und einer neuen Finanzkrise. Doch die Realität will sich einfach nicht so verhalten.

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          In der Gedankenwelt mancher Finanzmarktteilnehmer und Ökonomen geht es so: Wegen der sehr lockeren Geldpolitik der Notenbanken in den Industrienationen ist ein starkes Wachstum der Kredite und der Geldmengen unumgänglich. Daraus entsteht früher oder später eine hohe Inflation und eine neue Finanzkrise, weil die Banken unter der Last fauler Kredite ebenso in die Bredouille geraten werden wie in der großen Finanzkrise vor zehn Jahren. Und wer es besonders dramatisch mag, raunt noch etwas über einen Zusammenbruch des gesamten Geld- und Finanzsystems, der in der nächsten Krise zweifellos bevorstehe.

          Das Problem dieser Schwarzmaler ist: Die Realität will sich einfach nicht so verhalten. Obgleich die Leitzinsen historisch niedrig und die Bilanzen großer Notenbanken wie der Europäischen Zentralbank und der amerikanische Federal Reserve durch umfangreiche Anleihekäufe stark gewachsen sind, will sich in den meisten Wirtschaften der Industrienationen einfach kein starkes Wachstum der Kredite an die Privatwirtschaft einstellen.

          Das aber wäre eine wesentliche Voraussetzung für eine neue Krise. Denn Analysen früherer Krisen belegen, dass an ihrem Anfang meist eine exzessive Kreditvergabe der Banken an Privatpersonen oder Unternehmen – häufig für Immobilienfinanzierungen – standen.

          Doch obwohl sich die amerikanische Wirtschaft im neunten Jahr eines Konjunkturaufschwungs befindet und auch in anderen Industrienationen ein Wirtschaftswachstum beobachtet wird, nimmt die private Kreditvergabe der Banken, gemessen im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung (BIP), in vielen Ländern – Frankreich bildet eine Ausnahme – allenfalls mäßig zu.

          Dies gilt auch für die Vereinigten Staaten. Dort wird zwar seit Mai, und nicht selten in alarmistischem Ton, darauf verwiesen, dass die Kredite an private Haushalte ihren Stand des Jahres 2007, also dem Stand bei Ausbruch der Finanzkrise, übertroffen hätten. Das stimmt; so sind zum Beispiel die Wachstumsraten von Auto- und Studentenkrediten hoch.

          Aber die Höhe der Kredite alleine sagt wenig über ihre Tragbarkeit aus. Wichtig ist, die Höhe der Kredite in Relation zur Wirtschaftskraft zu stellen. Und da sieht die Entwicklung weniger dramatisch aus. Auch harte Kritiker der gegenwärtigen Geldpolitik räumen ein, dass einfache Antworten nicht ausreichen. Tradierte Geldtheorien seien derzeit nicht anwendbar, konstatiert Stefan Homburg (Universität Hannover) in einem Gastbeitrag für die „Ökonomenstimme“, ein schweizerisches Wirtschaftsblog: „Man muss bei der Beurteilung der Geldpolitik umdenken.“

          Irrtümer über Kredite sind weit verbreitet

          Ein erstes, immer noch sehr verbreitetes Missverständnis ist die Auffassung, Geschäftsbanken leiteten die ihnen von den Notenbanken zur Verfügung gestellten Gelder an die Kreditkunden der Banken weiter. Das könnte eine Geschäftsbank überhaupt nicht, weil ihre Kunden in der Regel kein Konto bei der Notenbank haben.

          Daraus folgt, dass sich eine „Geldschwemme“ auf den Konten der Geschäftsbanken bei der Notenbank, die sich unter anderem als Folge der Anleihekäufe der Notenbanken beobachten lässt, keineswegs zwangsläufig in der Wirtschaft ausbreitet. Das war früher nicht selten so; aber in den vergangenen Jahren ist kein enger Zusammenhang zwischen den Guthaben der Geschäftsbanken bei den Notenbanken und der Kreditvergabe in der Wirtschaft erkennbar.

          Ebenso wenig leiht eine Bank vorhandene Guthaben von Kunden aus, wenn sie einen Kredit vergibt. Auch dies ist, wie die Bundesbank schreibt, ein „weitverbreiteter Irrtum“ – und man findet ihn sogar bei Mitarbeitern in Banken.

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