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Niedrigzinspolitik : Wo bleibt eigentlich die Kreditexplosion?

Das Geld, das ein Kunde im Zuge einer Kreditaufnahme von seiner Bank oder Sparkasse erhält, ist ein in diesem Prozess von seiner Bank oder Sparkasse neu geschaffenes Geld. Normalerweise müsste das Volumen der Kredite in der Wirtschaft umso stärker steigen, je niedriger der Zins ist. In einzelnen Branchen, zum Beispiel in Deutschland auf dem Mark für Wohnimmobilien, ist dies auch der Fall. Aber als generelles Phänomen lässt es sich in den Industrienationen nicht beobachten. Und das liegt an den Banken ebenso wie an den potentiellen Kreditnehmern, Unternehmen und privaten Haushalten.

Für viele Banken erweisen sich die Eigenkapitalvorschriften sowie andere Regulierungen als ein Grund, der sie an einer kräftigen Vergabe von Krediten hindert. Die Vorstellung, in den vergangenen Jahren hätte das Bankgeschäft stark expandiert, ist nicht nur für europäische Krisenländer irrig. Zahlen der Bundesbank belegen, dass auch die Bilanzsumme der deutschen Kreditwirtschaft abgenommen hat – seit dem Jahre 2011 um immerhin fast 500 Milliarden Euro. In manchen Ländern, Italien ist ein Beispiel, haben hohe Gewinnausschüttungen die Bildung von Eigenkapital und damit das Potential für Kreditvergaben beschränkt.

Aber auch auf der Seite der potentiellen Kreditnehmer gibt es zahlreiche Gründe für Zurückhaltung. Wer mit deutschen Bankmanagern spricht, hört immer wieder: „Wir würden gerne mehr Kredite an Unternehmen vergeben, aber den deutschen Unternehmen geht es so gut, dass sie nicht viele Kredite brauchen.“

Umgekehrt geht es zum Beispiel in südeuropäischen Ländern vielen Unternehmen so schlecht, dass sie von ihren Banken keinen Kredit erhielten, wenn sie ihn beantragten. Ein Grund besteht darin, dass in Krisenländern Kreditsicherheiten wie Immobilien häufig an Wert verloren haben und die Banken aus gutem Grund keine unbesicherten Kredite vergeben wollen.

Zeit des kapitalintensiven Wachstums ist vorbei

Die digitale Revolution ändert zudem die finanziellen Bedürfnisse vieler Unternehmen. An die Stelle kreditfinanzierter Investitionen in Sachkapital wie Maschinen, die für die Industriegesellschaft typisch sind, treten immer mehr Investitionen in sogenanntes immaterielles Kapital, zu dem unter anderem Software oder Patente zählen.

Investitionen in immaterielles Kapital, zu denen auch beispielsweise Ausgaben für Forschung und Entwicklung oder die Weiterbildung von Mitarbeitern gehören, lassen sich meist nicht durch Kreditaufnahmen finanzieren, da keine materiellen Kreditsicherheiten mit ihnen verbunden sind.

Nach Schätzungen aus den Vereinigten Staaten haben dort um die Jahrtausendwende die Investitionen in immaterielles Kapital die traditionellen Sachinvestitionen übertroffen. Die Industriegesellschaft wird durch die Wissensgesellschaft abgelöst. Sogenannte „Superfirmen“ aus der digitalen Welt wie Microsoft, Apple, Google oder Amazon unterhalten riesige Finanzvermögen, weil sie gar nicht wissen, wie sie ihr gesamtes Geld für Sachinvestitionen verwenden sollen.

Tendenz zur Entschuldung hemmt Kreditwachstum

Vor allem in den Vereinigten Staaten haben die Banken vor der Finanzkrise versucht, die wegbrechenden Unternehmenskredite durch Immobilienkredite an Privathaushalte zu ersetzen. Dies ist eine Ursache der Finanzkrise gewesen.

Doch seit der Finanzkrise versuchen nicht nur in den Vereinigten Staaten hoch belastete Privathaushalte ihre Schuldenlast zu reduzieren. Dies hemmt die Nachfrage der Privathaushalte nach neuen Krediten und ist ein weiterer Grund, warum trotz sehr niedriger Zinsen in den Industrienationen das Kreditvolumen, anders als von den Schwarzmalern angekündigt, nicht explosionsartig zunimmt.

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Unser Sprinter-Autor: Timo Steppat

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