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Private Finanzen : Die ING Diba schafft den Überziehungszins ab

Gut gebrüllt, Löwe: Die neue ING-Diba Bankzentrale „Leo“ in Frankfurt Bild: Röth, Frank

Mit einfachen Sparangeboten wächst und verdient die ING Diba prächtig. Mit ihrer transparenten Zinspolitik setzt die Direktbank zudem die gesamte Branche unter Rechtfertigungsdruck.

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          Mit wenigen einfachen Sparangeboten hat die Direktbank ING Diba inzwischen so viele Spargelder eingesammelt wie in Deutschland nur noch Deutsche Bank und Postbank zusammen. Jetzt greift die Tochtergesellschaft des holländischen ING-Konzerns zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Wer mit seinem Girokonto im Minus ist und das Konto noch weiter über das vereinbarte Ausmaß („Dispo“) hinaus überzieht, muss keinen Strafzuschlag auf den ohnehin hohen Dispo-Zins mehr zahlen. Für Roland Boekhout, den Vorstandsvorsitzenden der ING Diba, ist der einheitliche Zins von 7,95 Prozent ein Beitrag zur Transparenz, den er auch anderen Banken empfiehlt. „Wir brauchen mehr Transparenz in der Bankbranche, um Vertrauen zurückzugewinnen“, sagte Boekhout am Freitag bei der Bilanzvorlage zu Journalisten.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nach Auskunft von Sigrid Herbst von der FMH-Finanzberatung macht neben der ING Diba nur noch die Sparda-Bank München keinen Zinsunterschied zwischen Girokonten im erlaubten Minus und Girokonten im geduldeten Minus. „Üblich ist bei den meisten Banken ein Zinsunterschied zwischen 4 und 5 Prozentpunkten“, sagt Herbst. Stärker langt die Targo-Bank auf Online-Konten zu. Für die geduldete Überziehung verlangt die frühere Citibank 16,99 Prozent, für den Dispo 8,99 Prozent. Im üblichen Rahmen mit Überziehungs- und Dispo-Zins bewegen sich Commerzbank (17,4/11,9), Deutsche Bank (15,9/11,9), Postbank (16,9/12,05) und Hypo-Vereinsbank (16,15/11,15). Die ING Diba verlangte bisher 12 und 8,5 Prozent.

          Boekhout sprach sich dafür aus, dass alle Banken in Deutschland eine zentrale Übersicht über ihre Zinskonditionen im Internet schaffen sollten. Auch die frühere Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) hatte sich im Sommer 2013 dafür ausgesprochen, um das „Zinsversteckspiel der Banken“ zu beenden. Eine „Markttransparenzstelle“ wäre nach Ansicht der ING Diba am besten bei der Stiftung Warentest aufgehoben. Sie müsste dann auch von den Banken finanziert werden, schlug Boekhout vor.

          Die Diba weiß nicht, wohin mit ihrem Geld

          Mit ihrer Transparenzoffensive setzt die ING Diba die Konkurrenz gehörig unter Druck. Banken mit Einlagenüberschuss leiden wie Privatleute zurzeit unter den extrem niedrigen Zinsen. Banken mit Filialnetz arbeiten zudem mit deutlich höheren Fixkosten als die Diba. Der Dispozins und der oft zweistellige Überziehungszins sind da seltene und umso willkommenere Ertragsbringer. Verbraucherschützer kritisierten lange, dass alle Zinsen seit 2008 gesunken seien, nur nicht der Dispo-Zins. Inzwischen müssen die Banken ihren Dispo-Zins an einen Referenzzins binden. Der hohe Zinsaufschlag aber ist geblieben. Bankenvertreter rechtfertigen ihn gerne als eine Art Warnschuss für den Kunden, der sein Ausgabeverhalten ändern müsse. Boekhout hält dagegen: „Wir gehen natürlich auf die Kunden zu, die ihren Kreditrahmen überschreiten. Aber ein Strafzins hilft dem Kunden nicht.“

          Auch auf ein anderes Kundenärgernis reagiert ING Diba: Weil es viele Beschwerden von Bestandskunden gebe, nehme man jetzt den Zins für Neukunden auf 1,25 Prozent zurück. Damit bleibt ein Zinsvorteil von 0,25 Prozentpunkten gegenüber Altkunden. Boekhout versteht den Ärger der Bestandskunden über die Vorzugsbehandlung der Neukunden. „Wer aber wachsen will, für den gibt es bisher keine andere Lösung.“

          Und Boekhouts Institut wächst stürmisch. Mit 8,1 Millionen Kunden, 500.000 mehr als im Vorjahr, erzielte die Diba 2013 einen Rekordgewinn vor Steuern von 691 Millionen Euro. Zum Vergleich: Der Commerzbank-Konzern kam im Jahr 2013 mit 11 Millionen Privatkunden, darunter 2,8 Millionen der Direktbank Comdirect, auf einen Vorsteuergewinn im Privatkundengeschäft von 223 Millionen Euro. Rund ein Drittel dieses Gewinns dürfte die Comdirect beigesteuert haben. Zum Erfolgsgeheimnis der Diba gehört auch ein schlankes Produktangebot, das die Bank wenig komplex macht und mit immerhin 3.400 Mitarbeitern viel effizienter arbeiten lässt als Wettbewerber. So muss sie nur 46 Cent aufwenden, um einen Euro Ertrag zu erwirtschaften.

          Die um 9 Prozent auf 104 Milliarden Euro gewachsenen Spargelder bringen der Diba nun aber ein Luxusproblem ein: Sie weiß nicht so recht, wohin mit dem Geld. Boekhout formulierte es so: „Es ist schwierig für uns, die Bilanz zu füllen.“ Das hat auch damit zu tun, dass die deutsche Bankenaufsicht es nicht erlaubt, dass große Teile des in Deutschland aufgebauten Liquiditätsüberschusses zur niederländischen Mutterbank transferiert werden. Um ihre Spareinlagen einzusetzen, ist die Diba deshalb vor drei Jahren in das Kreditgeschäft mit deutschen Unternehmen eingestiegen. Dieses soll durch die Einstellung von Branchenexperten von zuletzt 5 Milliarden Euro (67 Prozent mehr als im Vorjahr) aus weiter kräftig wachsen, ebenso wie das Geschäft mit Verbraucherkrediten. Auf die Risiken dieser Strategie angesprochen gelobte Boekhout, dabei vorsichtig vorzugehen und schlechte Bonitäten zu meiden.

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