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Mastercard&Co : Verführerische Plastikkarte

Überall prangen ihre Logos: Seit 65 Jahren zieht die Kreditkarte um die Welt. Bild: AP

Die Kreditkarte wird 65 Jahre alt. In Deutschland wächst ihre Beliebtheit rasant. Das Schuldenmachen ist offenbar in Mode. Vor allem bei höheren Beträgen zahlen Verbraucher mit Karte.

          3 Min.

          Gründungsmythen gehören zu Unternehmen einfach dazu. Da verwundert es nicht, dass es auch bei Kreditkarten – genauer gesagt, bei dem Unternehmen Diners Club – solch einen Gründungsmythos gibt. So soll Frank McNamara seine Freunde in ein New Yorker Restaurant namens Major’s Cabin Grill eingeladen haben. Der Wein schmeckt und das Fleisch ist vorzüglich, die Gespräche am Tisch sind lebhaft. Doch die Peinlichkeit folgt am Ende: McNamara hat seine Brieftasche in einem anderen Mantel vergessen. Es folgt ein unangenehmes Hin und Her mit Kellner, später Oberkellner und sogar dem Manager des Restaurants.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Schließlich gewährt man dem Gast einen Zahlungsaufschub. Als Garantie hinterlässt dieser eine Visitenkarte, die auf der Rückseite signiert ist. McNamara schwört sich, dass so etwas nie wieder vorkommen soll, und erfindet die erste Kreditkarte der Welt: Sie besteht lediglich aus einem braunen Stück schmuckloser Pappe und berechtigte den Inhaber, in manchen Restaurants in New York anschreiben zu lassen. Der Name liegt dann auch nah: Diners Club.

          Allerdings: Die ganze Geschichte ist erlogen, ausgedacht vom findigen PR-Agenten Matty Simmons, der später nicht ganz zufällig nach Hollywood wechselte. Die Karte setzte sich nur sehr langsam durch: Im Jahr 1950 konnten sich nur 200 Mitglieder für den Diners Club erwärmen. Das ist schwer vorstellbar heutzutage, wo doch an jeder Ladentür Visa- und Mastercard-Symbole prangen und die Kredit-Plastikkarten in gut 29 Millionen Portemonnaies in Deutschland zu finden sind.

          Bezahlen mit unechten Kreditkarten

          Doch damals, in den frühen fünfziger Jahren, war der Kredit oder gar das Bezahlen auf Rechnung äußerst verpönt. Das änderte sich erst ein paar Jahre später, als viele neue Konsumgüter wie Fernseher und Autos auf den Markt kamen und die aufstrebende Mittelschicht diese unbedingt besitzen wollte – eben auch unter Zuhilfenahme eines Kredites, und damit auch unter Mithilfe der Kreditkarten.

          American Diner verhalf damals erst der Beitritt des Multimillionärs Alfred Boomingdale zum Durchbruch – durch seine Reputation, aber vor allem durch sein Kaufhaus, in dem mit American Diner bezahlt werden konnte. Bei diesen ersten Karten handelte es sich um die sogenannten „unechten Kreditkarten“. Diese sind nicht etwa gefälscht, bei ihnen werden lediglich alle Rechnungsbeträge während der Abrechnungsperiode zusammengerechnet.

          Plastikgeld: Mehr Karten und noch mehr Umsatz.
          Plastikgeld: Mehr Karten und noch mehr Umsatz. : Bild: F.A.Z.

          Am Ende des Zeitraums erhält der Karteninhaber eine Rechnung, die er auf einmal begleicht. Die Bank gewährt dem Karteninhaber quasi einen kurzfristigen Kredit, der aber sofort wieder abbezahlt werden muss. Von diesen gibt es rund 24,8 Millionen Stück in Deutschland, mit denen ihre Besitzer etwa 2 Transaktionen im Monat ausführen.

          Deutschlands Kreditkartenmarkt wächst langsamer

          Dem gegenüber steht die „echte“ Kreditkarte. Diese gibt dem Kunden einen richtigen Kredit mit unbegrenzter Laufzeit. Dieser hängt bei manchen Karten vom monatlichen Verdienst ab, bei anderen wird die Überziehungslinie nicht nachvollziehbar gezogen. Diesen Kredit muss der Karteninhaber nicht in einem Mal abbezahlen. Je nach Karte kann monatlich zum Beispiel eine feste Rate festgelegt werden oder ein fixer Betrag, um den Kredit zu bedienen.

          Immerhin 3,9 Millionen solcher Karten sind in Deutschland in Gebrauch. Die Bankenbranche verdient an diesen Karten durch Überziehungszinsen gut mit. Da verwundert es auch nicht, dass die Bank of America sie erfand – und daran beinahe zugrunde ging, da sie Kunden ohne Überprüfung der Kreditwürdigkeit aufnahm. Auch Verbraucherzentralen warnen davor, diese Karten zu benutzen.

          In Deutschland haben die Kreditkarten traditionell einen schwerereren Stand. Denn jede Bank hierzulande bietet ein Girokonto mit dem Dispositionskredit an. Man darf also mehr Geld ausgeben, als eigentlich auf dem Konto ist. Schon das sollten Kontoinhaber nur in Ausnahmefällen tun.

          Mehr Karten – mehr Transaktionen

          Mit einer echten Kreditkarte baut man oft noch eine zweite Kreditlinie auf, die der Kunde bedienen muss – der erste Schritt in die Überschuldung ist getan. Schöpft man zum Beispiel die Überziehung der Kreditkarte von 5000 Euro komplett aus, fallen Überziehungszinsen in Höhe von 500 bis 800 Euro im Jahr an. Für Verbraucher ist ein Jahreskredit fast immer deutlich günstiger.

          Die Zahl der Kreditkarten wächst in Deutschland zwar langsam, so verzeichnet die Bundesbank in den vergangenen 5 Jahren einen Anstieg um etwa 20 Prozent auf gut 29 Millionen Stück. Doch die Zahl der Transaktionen, die über das Plastikkärtchen getätigt werden, ist mit fast 60 Prozent rasant gewachsen – die Verbraucher nutzen sie also dem Anschein nach wesentlich häufiger. Laut einer Studie des Instituts für Handelsforschung werden online etwa 17 Prozent der Transaktionen mit Kreditkarten bezahlt. Besonders beliebt ist die Kreditkarte demnach bei höheren Beträgen.

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