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Kredite für Null-Zinsen : Kuriosum oder neue Normalität?

Für Werbung und Kundengewinnung nimmt die Santander Bank ein Minus bei den Krediten in Kauf. Bild: Reuters

Gleich zwei verschiedene Finanzinstitute bieten jetzt Kredite bis 1000 Euro für drei Jahre ohne Zinsen an. Deren Ziel ist die Neukunden-Gewinnung. Wird sich diese Strategie durchsetzen?

          Im Werbeschreiben für ein ungewöhnliches neues Angebot wird ausdrücklich auf die Europäische Zentralbank (EZB) hingewiesen. Immer weiter habe die Notenbank ihren Leitzins gesenkt, bis er nur noch bei mickrigen 0,05 Prozent liege, schreibt das Internetportal „Check24“ in der Begründung für sein Angebot „Kredit ohne Zinsen“. Davon sollten nun auch die Verbraucher profitieren. Darum biete man einen Kredit über 1000 Euro für eine Laufzeit von 36 Monaten ganz ohne Zinsen an. „Umsonst“, wie das Portal schreibt. Frei nach dem Motto: Als Sparer haben Sie sich lange genug über die Null-Zins-Ära geärgert – genießen Sie diese historisch einzigartige Zeit doch lieber als Profiteur eines unentgeltlichen Kleindarlehens.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Was steckt dahinter? Gibt es wirklich inzwischen nicht nur Sparbücher, auf denen man keine Zinsen bekommt, sondern auch Kredite, für die man nichts mehr zahlen muss? Und wenn ja: Warum vergibt ein Unternehmen solche Kredite?

          Zwei deutsche Portale bieten Kredite ohne Zinsen

          Immerhin ist das neue Angebot kein Einzelfall: Es gibt nach Angaben der FMH-Finanzberatung in Frankfurt im Augenblick zwei Anbieter in Deutschland, bei denen man solche Kredite ohne Zinsen bekommen kann und hinter denen keine Betrüger stecken. Bei beiden Angeboten bekommt man 1000 Euro für 36 Monate ohne Zinsen. In beiden Fällen ist das Angebot zunächst bis Ende Januar befristet, die Unternehmen behalten sich aber eine Verlängerung vor. Es gibt dabei eine Bonitätsprüfung, wer die nicht besteht, bekommt den Kredit nicht. Beteiligt sind jeweils ein Internetportal und eine Bank. Es geht den Unternehmen um einen Werbeeffekt, vor allem um Neukundengewinnung – ähnlich wie bei den höheren Tagesgeldzinsen, die einige Online-Banken ausschließlich für diese Zielgruppe anbieten.

          Das erste Angebot kommt vom Internetportal Smava, einem sogenannten Fintech, also einem techniklastigen kleinen Bank-Konkurrenten. Es vermittelt Kredite von privat an privat, aber auch Bankkredite und will dafür werben und bekannter werden. Beim Null-Zins-Angebot arbeitet Smava mit der Fidor Bank zusammen. Dabei subventioniert die Internetplattform den Kredit offenbar in der Form, dass sie die Zinsen der Bank für diese Zeit für den Kunden übernimmt. Sie gibt einen „Zinsbonus“, wie Smava das nennt, muss also ein gewisses Werbebudget zur Verfügung stellen und steckt das Geld in die Zins-Subventionierung statt beispielsweise in Fernsehwerbung oder Anzeigen.

          Damit hofft Smava offenbar, zusätzliche Kunden zu gewinnen, mit denen man dann weiteres Geschäft machen kann. „Wer sich 1000 Euro leiht, der hat möglicherweise noch mehr Kreditbedarf“, erklärt Max Herbst von der FMH-Finanzberatung die Überlegung zum Cross-Selling, dem Abschluss lukrativer Geschäfte nach einem Lockangebot.

          Für die Kundengewinnung wird Minus in Kauf genommen

          Hinter dem zweiten Angebot, das vom Vergleichsportal Check24 kommt, steht Kredite 24, ein sogenanntes „White label“ (gleichsam eine Billigmarke) der Santander Consumer Bank, der deutschen Tochtergesellschaft der größten spanischen Bank. Hier scheint das Geschäftsmodell etwas anders zu sein als bei Smava, zumindest hört man das aus Kreisen der Beteiligten. Hier sei es nicht so, dass das Internetportal die Zinsen der Bank subventioniere. Vielmehr biete Santander selbst die Kredite unentgeltlich an, um hierzulande neue Kunden zu gewinnen – auf Check24 entfielen nur die Kosten für Werbung und Vertrieb. Möglicherweise ist das aber auch eine spitzfindige Unterscheidung – in beiden Fällen haben Internetportal und Bank ein Interesse an Werbung und Kundengewinnung und nehmen dafür geplant ein Minus bei den Krediten in Kauf.

          Wahnsinnig teuer sei diese Form der Neukundengewinnung jedenfalls nicht, rechnet Herbst vor. Die Beträge seien sehr überschaubar und entsprächen dem, was üblicherweise für die Neukundengewinnung ausgegeben werde. Bei einem Kredit über 1000 Euro auf 36 Monate verzichte Santander auf rund 42 Euro Zinsen, dafür spare die Bank 2 bis 3 Prozent Provision, die sonst für einen Vermittler fällig würden. Für drei Jahre rechne man 4 Euro Verwaltungskosten. Die Bank selbst könne sich relativ günstig refinanzieren, für Spareinlagen zahle sie rund 0,8 Prozent im Jahr. „Alles in allem hat die Bank für etwa 16 Euro einen neuen Kunden gewonnen“, meint Herbst.

          Ob das jetzt die „neue Normalität“ wird, daran haben aber sogar die Beteiligten große Zweifel. „Kredite ohne Zinsen werden wohl eher die Ausnahme bleiben“, heißt es bei Check24. Immerhin hat das Internetportal auch bei seinen ganz regulären Zinsen für Ratenkredite, die es vermittelt, einen starken Rückgang registriert: Um rund 10 Prozent seien die Zinsen dafür allein im vergangenen Jahr gesunken, in den vergangenen fünf Jahren sogar um rund 30 Prozent. Aber auch bei FHM hält man es nicht für wahrscheinlich, dass Null-Zins-Kredite jetzt so häufig würden wie Lockangebote in den Vergleichstabellen zum Tagesgeld.

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