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Macht Schulden, kauft Häuser : Der ungewöhnliche Rat des EZB-Vizepräsidenten an deutsche Sparer

EZB-Vizepräsident Vítor Constâncio findet, dass die Deutschen den Nullzins zu wenig nutzen (Archiv). Bild: dpa

Die Deutschen nutzen den Nullzins zu wenig, findet der scheidende EZB-Vizepräsident Vítor Constâncio. Deswegen rät er zum Häuserkauf auf Pump. Bei der Bundesbank überzeugt das allerdings nicht jeden.

          Der scheidende EZB-Vizepräsident Vítor Constâncio hat sich kritisch über den geringen Immobilienbesitz der Deutschen und ihre Zögerlichkeit bei der Aufnahme von Krediten zum Hauskauf geäußert. Gleichzeitig wehrte er Kritik an der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank ab. „Die Deutschen könnten die niedrigen Kreditzinsen für sich nutzen. Dafür müssten sie sich etwas mehr verschulden, aber das mögen viele einfach nicht“, sagte der Portugiese, der seit 18 Jahren im Rat der EZB sitzt und seit acht Jahren Vizechef der Zentralbank ist, gegenüber der Zeitschrift „Spiegel“.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Auf ihn folgt in wenigen Tagen der Spanier Luis de Guindos als EZB-Vize. Constâncio zeigte sich verwundert darüber, dass die unterschiedlichen Kulturen und traditionellen Haltungen in Europa in Finanz- und Schuldenfragen so dauerhaft das Verhalten der Bürger prägen.

          Die Deutschen hätten viel stärker „von der Situation profitieren“ können, fügte Constâncio hinzu. Stattdessen ließen die Sparer „zu viel Geld einfach auf dem Konto liegen, statt es in andere Anlagen mit höheren Erträgen zu investieren“, kritisierte er.

          Constâncio nicht der erste Notenbänker der mahnt

          Nach dem langen Anstieg der Börsen seit dem Einbruch vor neun Jahren sei zwar eine Korrektur irgendwann zu erwarten. Die Geschichte zeige, dass es an den Börsen nicht immer nur aufwärtsgehen könne. Wie groß die Korrektur ausfallen werde, wisse niemand. „Aber niemand geht von einer großen Krise aus“, sagte Constâncio, es sei denn, es komme zu einer wirklich großen geopolitischen Krise, fügte er hinzu.

          Die Aussagen des scheidenden EZB-Vize, der Ende Mai aus seinem Amt scheidet, sind etwas ungewöhnlich für Notenbanker, die normalerweise Anlagetipps für die Bürger vermeiden. In ähnlicher Weise wie Constâncio hat aber auch schon EZB-Chef Mario Draghi die deutschen Sparer ermahnt, nicht allein das Sparkonto zu nutzen. „Die Sparer haben es mit ihren Anlageentscheidungen auch selbst in der Hand, wie hoch ihre Erträge ausfallen, auch in Zeiten niedriger Zinsen. Die Sparer müssen ihr Geld nicht nur auf dem Sparbuch anlegen, sondern haben auch andere Möglichkeiten“, sagte Draghi vor zwei Jahren in einem Interview. Ähnlich hat sich Bundesbankpräsident Jens Weidmann geäußert.

          Negative Realzinsen schon weit vor der Finanzkrise

          Constâncio äußerte, er könne die Sorgen vieler Sparer wegen der von der EZB mitverursachten Niedrigzinsen zwar verstehen. „Doch früher ging es deutschen Sparern nicht gerade besser“, sagte er. Vor der Euro-Einführung habe der Zins für Einlagen zwar bei 2,25 Prozent gelegen, doch sei die Inflationsrate etwas höher gewesen, so dass die Realzinsen negativ gewesen seien.

          Diese Aussage bezieht sich offenbar auf die letzten Monate vor Beginn der Währungsunion 1999. Die Bundesbank hat früher darauf hingewiesen, dass es auch schon vor der Finanzkrise negative Realzinsen gab, nämlich in den siebziger Jahren, in den frühen neunziger Jahren und den Jahren nach der Jahrtausendwende. Bankkunden erhielten damals ebenso wie heute auf Spareinlagen keine inflationsausgleichende Verzinsung. Allerdings waren damals die Zinsen auf Staatsanleihen real deutlich positiv.

          Dies ist derzeit nicht der Fall. Die Zinsen der Staatsanleihen hat die EZB durch ihr Kaufprogramm gedrückt. Wie Constâncio sagte, gibt es an den Märkten die Erwartung, dass die Leitzinsen der EZB von derzeit null erst Mitte 2019 wieder steigen werden.

          Der indirekte Rat von Constâncio an die Deutschen, sich jetzt zu verschulden, um Immobilieneigentum zu erwerben, mag in der Bundesbank nicht jeden überzeugen. Die deutschen Währungshüter haben in ihren regelmäßigen Berechnungen eine Überbewertung der Preise für Wohnungen in den sieben Großstädten wie München, Hamburg, Berlin und Frankfurt ausgemacht. Diese Überbewertung betrage mittlerweile 35 Prozent. Das bezieht sich aber nur auf Wohnungen in den besonders gesuchten Städten, auf dem Land seien die Preise nicht überbewertet.

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