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Notfonds schrumpft : Bausparkassen zapfen immer stärker Reserven an

Hausbau ja, aber immer weniger mit Bausparkredit Bild: dpa

Die niedrigen Zinsen bringen die Bausparkassen in die Klemme: Der Notfonds ist um mehr als die Hälfte gesunken. Manche Institute haben keinen Puffer mehr.

          Die Bausparkassen sind durch die historisch niedrigen Zinsen in eine Bredouille geraten. Immer mehr Kunden lassen hoch verzinste Altverträge ungenutzt und kassieren für ihre Einlagen attraktive Zinsen, während immer weniger Bauspardarlehen abgerufen werden. Hier sind die zu einem früheren Zeitpunkt vereinbarten Zinsen inzwischen teuer im Vergleich zu anderen Immobilienkrediten. Die Einlagenseite profitiert auch davon, dass viele Kunden einen Bausparvertrag abschließen, um sich die jetzt günstigen Zinsen für einen späteren Zeitpunkt zu sichern. Das führt zu einem schwindenden Zinsüberschuss, die wichtigste Ertragsquelle der zwölf privaten Bausparkassen sowie der acht öffentlich-rechtlichen Landesbausparkassen (LBS).

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wie aus dem am Montag veröffentlichten Monatsbericht der Bundesbank hervorgeht, ist der Zinsüberschuss der 20 Institute zwischen 2012 und 2017 um 20 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro zurückgegangen. Die Bausparkassen steuern dieser Entwicklung entgegen, indem sie Hunderttausende Altverträge gekündigt haben, was im vergangenen Jahr der Bundesgerichtshof unter bestimmten Bedingungen als zulässig einstufte.

          Trotzdem gibt es auf der Zinsseite keine Entwarnung, solange die Europäische Zentralbank ihre sehr lockere Geldpolitik mit Negativzinsen fortsetzt. Eine weitere Entwicklung in den Bilanzen der Bausparkassen muss als Alarmsignal betrachtet werden: Der Fonds zur bauspartechnischen Absicherung, eine Art Notfallfonds für schwere Zeiten, ist seit 2012 um 70 Prozent gesunken. Allein im vergangenen Jahr entnahmen die Bausparkassen aus diesem Krisenpuffer die Hälfte. Derzeit umfasst er noch 637 Millionen Euro.

          Wem stehen die Gelder zu?

          „In den Fonds befinden sich Gelder, die eigentlich den Bausparern zustehen“, sagte der Finanzfachmann der Grünen im Bundestag, Gerhard Schick. Der Fonds zur bauspartechnischen Absicherung sei ein besonderer Sicherheitspuffer der Bausparkassen, erklärte ein Sprecher des Verbandes der privaten Bausparkassen auf Anfrage der F.A.Z. Seinen Worten zufolge dienen die darin enthaltenen Gelder dem Schutz der Bauspargemeinschaft als Ganzes. Er widersprach der Aussage Schicks: Es handele sich bei dem Fonds nicht um Gelder, die dem Bausparer zustehen. Die Mittel des Fonds stammten vielmehr aus dem versteuerten Gewinn der Bausparkasse und hätten daher Eigenkapitalcharakter im Sinne einer Gewinnrücklage.

          Nach Angaben der Bundesbank nutzten die Bausparkassen abermals die mit Inkrafttreten des geänderten Bausparkassengesetzes und der Bausparkassen-Verordnung zum Jahresende 2015 eingeführte flexiblere Verwendung dieses Fonds und lösten zum Teil erhebliche Beträge auf. Davon machen die Kassen nach den Worten von Schick weiterhin regen Gebrauch, so dass der Puffer bei einigen Kassen bereits aufgebraucht sei. Eher entspannt zeigt sich die Entwicklung bei den acht Landesbausparkassen (LBS), deren Notfallfonds nur um 2 Millionen auf 186 Millionen Euro sank. Deutlicher fiel das Minus bei den privaten Bausparkassen aus, die ihre Reserven um 60 Prozent auf 451 Millionen Euro reduzierten.

          Dass dieser Notfonds deutlich gesunken ist, führte der Sprecher des Bausparkassenverbands überwiegend auf Umschichtungen in den Reserven zurück. So hat der Marktführer, die zu den Volks- und Raiffeisenbanken zählende Bausparkasse Schwäbisch Hall, ihren Fonds von 702 auf 279 Millionen Euro reduziert. Gleichzeitig stiegen die Eigenmittel von 3277 auf 3749 Millionen Euro. Die Mittel wurden also in den Fonds für allgemeine Bankrisiken umgeschichtet, der den Eigenmitteln zugerechnet wird. Diese Maßnahme ist auf eine stärkere Kreditvergabe außerhalb des Bauspargeschäfts zurückzuführen. Aber andere Bausparkassen wie zum Beispiel die Debeka stärkten nicht ihr Eigenkapital, sondern besserten mit Hilfe von Fondsentnahmen ihre Ertragslage auf.

          Die Debeka Bausparkasse, die Aachener Bausparkasse, die Alte Leipziger Bauspar und die Signal Iduna Bauspar haben ihren Notfallfonds inzwischen ganz aufgezehrt. Nach Angaben des Bausparkassenverbands ist es gesetzlich zulässig, den Fonds dazu zu verwenden, um das Institut auf einem soliden Ertragspfad zu halten. „Konkret ging es hier um den neuen gesetzlichen Verwendungszweck: Sicherung der für den nachhaltigen Betrieb des Bauspargeschäfts erforderlichen kollektiv bedingten Zinsspanne.“

          Wie aus den Bundesbank-Statistiken im Monatsbericht hervorgeht, haben die Bausparkassen sowohl im Jahr 2017 als auch 2016 sonstige betriebliche Erträge von jeweils rund 700 Millionen Euro ausgewiesen. Dieser Posten speist sich vor allem aus dem Notfallfonds und lag auffallend deutlich über den Vergleichswerten der Vorjahre.

          Die Schere im klassischen Bauspargeschäft, dem sogenannten Kollektivgeschäft, geht immer weiter auseinander. Die Bauspardarlehen beliefen sich im vergangenen Jahr auf 12,5 Milliarden Euro. Insgesamt haben die 20 Institute Kredite über 133 Milliarden Euro ausgereicht. Damit machen die Bauspardarlehen inzwischen weniger als ein Zehntel aus. Dagegen dominiert das Kollektivgeschäft die Einlagen: Von insgesamt 180 Milliarden Euro sind darauf 170 Milliarden zurückzuführen.

          Bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall machen die Bauspardarlehen an den Krediten nur noch 6,3 Prozent aus. Im Jahr zuvor waren es noch 8 Prozent. Mit 21 Prozent erreicht hier die Deutsche Bausparkasse Badenia den höchsten Wert vor der LBS Ostdeutschland mit knapp 19 Prozent. Bei Wüstenrot, der Nummer zwei, sind es knapp 14 Prozent.

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