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Neue EU-Richtlinie : Ältere Kunden kommen schwerer an Baukredite

Wer für den Alterswohnsitz einen Kredit aufnehmen möchte, sollte sich auf Schwierigkeiten einstellen. Bild: dpa

In Zeiten der Niedrigzinsen bietet es sich an, in die eigenen vier Wände zu investieren. Ein neues Gesetz macht aber vielen älteren Kunden und jungen Familien einen Strich durch die Rechnung.

          Wer sein Haus abbezahlt hat und nun auf den Ruhestand zugeht, für den dürfte die altersgerechte Sanierung der Immobilie in Zeiten der Niedrigzinsen verlockend sein. Für sagenhafte 1,5 Prozent können sich Kunden inzwischen bei manchen Banken auf 20 Jahre Baugeld leihen. Da liegt eine Investition in die Zukunft der vier Wände nahe. Doch gerade Kunden im gehobenen Alter kommen inzwischen immer schwieriger an Kredite. Und nicht nur die; auch bei jungen Familien und Selbständigen schauen viele Kreditinstitute inzwischen äußerst genau hin und müssen am Ende oft passen.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Schuld daran ist die Wohnimmobilienkreditrichtlinie der Europäischen Union, die im März in deutsches Recht umgesetzt wurde. Seither müssen die Banken genau nachweisen, dass ein Kunde seinen Kredit bis zum Lebensende tilgen kann. Der Wert des Eigenheims oder auch mögliche Wertsteigerungen in der Zukunft spielen nun kaum noch eine Rolle; viel wichtiger ist dagegen, dass der Kreditnehmer seine Raten zu jeder Zeit aus seinem zu erwartenden Einkommen zahlen kann.

          Keine Immobilienblase wie in den Vereinigten Staaten

          Der ursprüngliche Gedanke der Richtlinie war ein guter: im Taumel der Niedrigzinsen sollten die Banken niemanden in eine Hausfinanzierung treiben, die ihn bei wieder steigenden Zinsen in den Ruin führen könnte. Eine Immobilienblase wie einst in den Vereinigten Staaten oder Spanien sollte verhindert werden.

          Doch in der Praxis erhalten nun auch Interessenten, die noch vor einem Jahr als gerngesehene Kunden gegolten hätten, keine Finanzierung mehr von der Bank. Bei älteren Kunden müssen die Banken nun mit einberechnen, dass sie vor Ablauf der Darlehenslaufzeit sterben könnten. Bei jüngeren setzen sie teilweise sehr vorsichtige Prognosen für die künftige Gehaltsentwicklung und die daraus resultierenden Rentenansprüche an. Auch einberechnete mögliche Elternzeiten schlagen sich nun negativ nieder. Die Vorsicht hat einen Grund: Sollte der Kunde tatsächlich einmal in Zahlungsschwierigkeiten geraten, könnte er sein Kreditinstitut nun nach dem neuen Gesetz wegen Falschberatung verklagen.

          Der Sparkassenverband Bayern schlägt nun Alarm. Die am Dienstag veröffentlichte Umfrage der Deutschen Bundesbank zum Kreditgeschäft der Banken im zweiten Quartal 2016 zeigten nach Ansicht von Verbandspräsident Ulrich Netzer, dass wegen des neuen Gesetzes weniger Wohnungsbaukredite vergeben würden. „Um Verbraucher generell vor wackligen Kreditentscheidungen zu schützen, wird in Kauf genommen, dass einzelne Entscheidungen negativ ausfallen müssen“, sagt Netzer. „Vorhaben, die früher noch finanziert worden wären, müssen heute teilweise abgelehnt werden.“

          Richtlinien deutlich gestrafft

          Die Umfrage der Bundesbank zeige, dass, während die Kreditvergabestandards im Firmenkunden- und im Konsumentenkreditgeschäft nahezu unverändert blieben, einige der befragten Institute ihre Richtlinien bei der Vergabe von Wohnungsbaukrediten an private Haushalte per saldo deutlich gestrafft haben. Netzer warnte daher abermals vor unerwünschten Nebeneffekten der eigentlich als Verbraucherschutzregelung konstruierten Richtlinie. Vor allem kritisiert er die aus seiner Sicht verschärfte Umsetzung in Deutschland: „Wenn die neuen Bestimmungen zu einem Rückgang der Immobilienkreditvergabe führen, dann läuft eindeutig etwas schief. Wir stellen insgesamt wieder einmal fest, dass der deutsche Gesetzgeber bei der Umsetzung der EU-Richtlinie über das Ziel hinausgeschossen ist.“

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