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Familienplanung : Können wir uns ein drittes Kind noch leisten?

Bild: Sigrid Olsson/PhotoAlto/laif

Zwei Kinder liegen bei vielen Familien im Budget. Vom dritten Kind an wird es teuer. Großfamilien müssen genau rechnen.

          Vor kurzem dachten Maya und Klaus, sie hätten ihr Ziel erreicht. Ihr Familienziel nämlich: Beide sind Ende dreißig, haben zwei Kinder und sind jetzt eine ganz normale deutsche Familie. Wenn Frauen Kinder bekommen, so sagt die Statistik, sind es - im Laufe ihres Lebens - fast immer zwei. Vater, Mutter und zwei Kinder, das war auch für Maya und Klaus lange das Familienmodell. Inzwischen sind ihre beiden Mädels zwei und vier Jahre alt, und weil beide so süß und lustig sind, sagen die Eltern jetzt: Sie wollen mehr. Sie würden gern ein drittes Kind bekommen, einen Jungen vielleicht. Seitdem haben sie angefangen zu diskutieren, zu recherchieren und zu kalkulieren. Denn sie sind sich nicht sicher, ob das Familieneinkommen wirklich für drei Kinder reicht.

          Nadine Oberhuber

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Beide verdienen gut, er in der Technikbranche, sie in einem sozialen Beruf. Maya und Klaus heißen in Wirklichkeit anders, an der Frage, die sie sich stellen, ändert das aber nichts: Können wir uns ein drittes Kind leisten? Oder müssten wir dann auf zu vieles verzichten? Eine größere Wohnung müsste dann her, auf die Sitzbank vom Peugeot passen auch keine drei Kindersitze, und der Familienurlaub in Frankreich wird noch teurer. Der größte Posten in der Familienrechnung ist aber die Kinderbetreuung: Schon jetzt geben die beiden knapp 1000 Euro für zwei Kitaplätze in der Großstadt aus. Ob sie weitere 500 Euro stemmen können, rechnen sie noch. Einen Puffer hätten sie nicht mehr, wenn sie das Wagnis „3. Kind“ angingen, darum zögern sie. Für zwei Drittel aller Befragten sind finanzielle Ängste der Hauptgrund zu sagen, wir bekommen kein Kind, fand eine Studie der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen heraus.

          Rund 450 Euro kostet ein weiteres Kind

          Die Entscheidung für oder gegen ein drittes Kind ist eine der schwersten in der Familienplanung, bestätigen Psychologen und Soziologen. Es ist die Schwelle, über die sich viele nicht wagen. Ein Kind bekommt man, wenn beide einen Kinderwunsch haben. Das zweite folgt meist schnell nach. „Wenn wir schon eine Familie gründen, dann richtig“, sagten sich auch Maya und Klaus. Für viele Eltern fühlt sich die Familie erst mit zwei Kindern komplett an. Auch, weil das Einzelkind dann ein Geschwisterchen zum Spielen hat. Doch danach ist oft Schluss. Nur jeder zehnte Haushalt mit Kindern bringt es auf drei Geschwister, das vierte Kind ist die absolute Ausnahme und wird nur in drei Prozent aller Familien hineingeboren. „Für den psychischen Benefit der Eltern reichen zwei Kinder“, so hat es der Demograph David Alich einmal zusammengefasst. Ökonomen drücken es so aus: „Mehr als zwei Kinder vermitteln keinen weiteren Nutzen.“ Dabei steigen die Kosten pro Kind nicht linear, sondern das erste Kind ist, ökonomisch gesehen, das teuerste. Danach machen sich Verbundeffekte und Synergien bemerkbar: Kleidung wird aufgetragen, Spielsachen und Möbel mehrfach verwertet.

          Trotzdem sind mehr Kinder natürlich teuer. Die rund 450 Euro, die ein weiteres Kind laut Angaben des Statistischen Bundesamts (Destatis) zusätzlich kostet, weil es Essen, Kleidung, Freizeitbeschäftigung und Warmwasser braucht, sind ja längst nicht alles. Wenn die Mutter ihren Beruf nicht aufgibt, was sie immerhin in der Hälfte aller Familien nicht tut, werden hohe Kosten für Kita oder Kinderbetreuung fällig. Und die schlagen umso heftiger zu Buche, wenn auch die anderen Kinder noch betreut werden müssen. Oder wenn die Mutter zwar weiterarbeitet, aber ihre Arbeitszeit deutlich reduziert - was in Drei-Kind-Familien die Regel ist, belegt der Monitor Familienforschung des Familienministeriums. Nur jede siebte Mutter von drei Kindern arbeitet Vollzeit; mit zwei Kindern ist es jede fünfte; mit einem Kind sogar jede dritte. Dafür suchen sich Mütter mit drei Kindern häufiger Minijobs.

          Kaum Ermäßigungen für Großfamilien

          So entgeht der Familie viel Einkommen, was die arbeitenden Väter nicht immer ausgleichen können. Auch diese entgangenen Einnahmen, die Opportunitätskosten, müssen Familien mitzählen, wenn sie die Rechnung für oder gegen ein drittes Kind aufmachen. Im Schnitt, so sagen die Zahlen des Destatis, müssen die Eltern von drei Kindern gut 4000 Euro netto mit nach Hause bringen, um ihren Lebensstandard zu halten. Rund 500 bis 700 Euro mehr als mit zwei Kindern. Viele Paare schaffen das nicht, deshalb ist in Großfamilien das Armutsrisiko höher. Vereinfacht lässt sich sagen, dass jeder fünfte Haushalt mit drei Kindern in Armut lebt, während die übrigen 80 Prozent begüterte Familien sind. Bisher zumindest ist es noch so, dass vor allem diejenigen Frauen drei Kinder bekommen, deren Männer sehr gebildet sind und hohe Einkommen haben.

          Nun hilft der Staat den Kinderreichen mit Transfereinkommen wie dem Kindergeld. Tatsächlich macht das - unabhängig von der Familiengröße - aber nur rund zehn Prozent des Haushaltseinkommens aus. Das Elterngeld fängt auch nur im ersten Lebensjahr des Kindes die größten Kosten ab. Maya und Klaus bekämen 1240 Euro plus 124 Euro Geschwisterzuschlag und 190 Euro Kindergeld. Insgesamt würden die 1554 Euro zumindest Mayas abermalige Berufspause abfedern. Und wenn das Jüngste 14 Monate alt wäre, käme die Älteste schon in die Schule, so müssten sie weiterhin bloß zwei Kitaplätze zahlen - wenn Mayas Arbeitgeber mitmacht.

          Auf Familienermäßigungen dagegen dürfen Großfamilien beim Zoo- oder Schwimmbadbesuch kaum hoffen, geschweige denn im Restaurant. Für viele Mittelschichteltern ist aber das eigentliche Problem, dass sie nicht drei Kinder irgendwie durchbekommen wollen, sondern sich von ihrem Qualitätsanspruch verabschieden müssen. Bei den ersten Kindern nehmen sie sich noch vor, viel in die Bildung zu investieren. Doch drei Plätze auf einer Privatschule können sich wirklich die wenigsten leisten.

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