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Energiepreise : Vorsicht vor den billigen Stromanbietern

Bild: Rüchel, Dieter

Im Januar steigen die Strompreise so stark wie seit Jahren nicht mehr. Das macht Billiganbieter attraktiv. Doch die günstigen Tarife gelten nur, wenn fürs ganze Jahr bezahlt wird. Das ist riskant.

          Pottenstein ist ein süßes Örtchen nördlich von Nürnberg. Wer dort wohnt, hat angesichts der schönen Landschaft und beeindruckender Höhlen eigentlich Glück. Doch jetzt wird er sich kräftig ärgern. Wer vom ortsansässigen Stromversorger seine Energie bezieht, erlebt die höchste Preiserhöhung Deutschlands. Um 22 Prozent steigen die Tarife.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch nicht nur Pottenstein, ganz Deutschland leidet. Mehr als 600 Versorger heben die Preise im Januar an, 33 Millionen Haushalte sind betroffen. Die Aufschläge sind mit knapp 12 Prozent die höchsten seit 2004. Eingebrockt hat uns das vor allem der Ökostrom. Die Subventionierung durch die Verbraucher klettert im Januar um rund 50 Prozent. Aber auch die Gebühren, die für das Durchleiten von Strom durch die Netze bezahlt werden müssen und auf die Kunden überwälzt werden, steigen - um acht Prozent.

          Billigstromanbieter locken Kunden

          Angesichts solch happiger Preiserhöhungen haben die Billigstromanbieter leichtes Spiel. Auch sie erhöhen zwar die Preise, sind aber immer noch günstiger als die Stadtwerke oder die großen Konzerne Eon und RWE. Immer mehr Kunden denken da über einen Wechsel nach. Der mit 520.000 Kunden größte Billigstromanbieter Flexstrom verzeichnete im November nach eigenen Angaben 25 Prozent mehr Neukunden als im Vorjahr.

          Überraschend ist das nicht: In Tarifvergleichen taucht Flexstrom regelmäßig ganz oben als günstigster Anbieter auf. Mit ihm kann ein vierköpfiger Haushalt je nach Stadt bis zu 600 Euro im Jahr im Vergleich zum billigsten Tarif des örtlichen Grundversorgers sparen. Die allgemeine Preiserhöhung am Markt im Januar könnten die Kunden da leicht wieder reinholen.

          Bei Monatstarifen sind Billiganbieter gar nicht mehr so günstig

          Doch führend ist Flexstrom auch in anderer Hinsicht: bei der Zahl der Beschwerden, der Menge anhängiger Gerichtsverfahren und als Folge im negativen Image. Kein anderer Stromanbieter bekommt seit Jahren so viel öffentliche Prügel wie Flexstrom. Vor wenigen Tagen hat das Unternehmen all das noch auf die Spitze getrieben. Kurz bevor es erstmals am Kapitalmarkt eine Anleihe begeben wollte, spekulierten die Zeitungen über eine mögliche Pleite des Unternehmens. Flexstrom musste die neue Anleihe verschieben.

          Solche Gerüchte fallen auf fruchtbaren Boden, seit im Sommer 2011 der Billiganbieter Teldafax insolvent wurde. Der hatte von seinen Kunden eine Vorauszahlung für das ganze Jahr verlangt - so wie das auch Flexstrom macht. Als Teldafax pleiteging, war das Geld der Kunden verloren.

          Nun scheint zwar Flexstrom mit seinen Tochterfirmen Löwenzahn und Optimal Grün finanziell besser dazustehen als Teldafax. Das Berliner Unternehmen macht Gewinn. Und es bietet die Möglichkeit, auch monatlich zu bezahlen. Dann wäre eine Insolvenz nur noch ein kleines Problem für die Kunden. Denn dann wäre gerade mal eine Monatsrate verloren. Und Strom bekämen sie trotzdem. Denn bei Insolvenz springt automatisch der lokale Stromversorger ein - allerdings zu meist deutlich höheren Preisen. Der Haken: Bei den Monatstarifen sind viele Billiganbieter gar nicht mehr so günstig. Denn sie müssen dann den Strom vom Produzenten zunächst vorfinanzieren. Das senkt den Spielraum für niedrige Preise.

          Jahreszahlung hat seine Tücken

          Richtig günstig sind Flexstrom & Co. also nur bei Jahreszahlung. Selbst wenn man die Insolvenzgefahr als klein einschätzt, lohnt sich der Wechsel nur, wenn der üppige Neukundenbonus von teilweise mehr als 100 Euro auch tatsächlich bezahlt wird. Die Bedingungen dafür sind missverständlich formuliert. Manchmal fließt der Bonus nur, wenn der Kunde sich mehr als ein Jahr an den Stromanbieter bindet. Im zweiten Jahr sind die Preise aber oft nicht mehr so günstig.

          Hinzu kommt: Lange Wartezeiten bei Rückfragen müssen Kunden in Kauf nehmen, denn die Callcenter sind klein. Die Flexstrom-Garantie, dass alle E-Mails in 24 Stunden beantwortet werden, klingt schöner, als sie ist. Die schnelle Antwort ist meist nicht mehr als eine Eingangsbestätigung. Fazit: Ein Wechsel vom lokalen Stromversorger zur Konkurrenz lohnt sich. Aber es muss nicht immer der scheinbar günstigste Anbieter sein. Und wer bei seinem örtlichen Versorger bleiben will, sollte dort zumindest den billigsten Tarif wählen und nicht den teuren Grundversorgungstarif.

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