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Energieautarker Fertigbau : Ein Haus versorgt sich selbst

Für eine optimale Sonnenernte muss die Dachfläche mit den Sonnenkollektoren und den Photozellen nach Süden ausgerichtet sein Bild: Michael Löwa

Ein Solarpionier hat ein Musterhaus entworfen, das Strom und Wärme produziert und noch genug Energie fürs Elektroauto übrig hat. Das energieautarke Haus wandelt Licht in Strom.

          5 Min.

          In einer Fertighaus-Mustersiedlung in Lehrte bei Hannover steht ein nicht besonders auffälliges Haus. Allein die Ambition ist gewaltig. Das Gebäude soll eine Ziegelstein gewordene Unabhängigkeitserklärung sein. Die Bewohner, geplant wurde für zwei Erwachsene und zwei Kinder, werden unabhängig von den Stromversorgern, von Erdgas- oder Heizöllieferanten und sogar vom Staat und dessen Förder- und Fiskalpolitik. Und schließlich müssen selbst Tankstellen auf die Bewohner des energieautarken Hauses verzichten. Vorausgesetzt, die Rechnungen gehen auf.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Und dazu soll das Ganze noch eine saubere Sache sein: Die sogenannte erneuerbare Energie liefert Strom und Wärme. Die Bewohner können ihre Immobilie vom Stromnetz und von der Gasleitung abklemmen und müssen trotzdem nicht fürchten zu frieren oder im Dunkeln zu sitzen. Das Wichtigste am Haus ist aber nach Angaben seiner Planer, dass es bezahlbar ist: So hingestellt wie in Lehrte mit seinen 162 Quadratmetern Wohnfläche kostet es 363.000 Euro. Es fehlt allerdings noch das Grundstück, das zu klein nicht sein darf. Und einen Keller hat die Muster-Immobile der Hausbau-Firma Helma Massivhaus auch nicht. Er würde noch einmal zusätzlich 30.000 bis 50.000 Euro verschlingen.

          Die Idee: Energie sparen und gleichzeitig produzieren

          Das Wunderhaus ist möglich mit Geräten und Technik, die heute für jeden zu kaufen ist. Das behauptet der Vordenker der energieautarken Immobilie, der ostdeutsche Solar-Pionier Timo Leukefeld. Er hat zusammen mit den Firmen Solarwatt, Helma Massivbau und Sunstrom das Haus geplant und gebaut. Die Grundidee geht so. Die Strategie der Unabhängigkeitskämpfer hat zwei Elemente: Brutal Energie sparen und die Energie selbst produzieren.

          Architektonische Herausforderung: Der Wassertank fasst 9300 Liter und reicht vom Erdgeschoss bis unters Dach.

          Leukefeld hat sich im ersten Schritt Gedanken gemacht, wie er den Verbrauch mindestens halbiert, ohne dass Spaß und Bequemlichkeit auf der Strecke bleiben. Das Ergebnis ist ein ganzes Spar-Paket: Das Einschrauben von Energiesparlampen und LED liefert den geringsten Beitrag. Die Küche ist komplett mit Geräten höchster Energieeffizienz ausgestattet. Das bringt schon etwas mehr, unrealistisch ist es auch nicht. Wer heute baut, setzt in der Regel eine neue Küche ein. Viele jetzt gekaufte Küchengeräte sind schon sparsam.

          Intelligente Gebäudesteuerung spart zusätzlich Strom

          Den höchsten Effekt hat aber der Kniff, Waschmaschine und Geschirrspüler mit von Sonnenkollektoren vorgewärmtem Wasser (zwischen 50 und 60 Grad) zu befüllen. Gewöhnlich fressen diese weißen Hausgeräte besonders viel Strom, weil sie kaltes Wasser elektrisch auf die gewünschte Betriebstemperatur bringen. Für die Befüllung mit dem warmen Wasser braucht es allerdings eine Waschmaschine mit extra Warmwasseranschluss oder Vorschaltgerät, die Geschirrspülmaschine kann direkt mit dem warmen Wasser befüllt werden.

          Wie eine Praline: Außen harter Stein, die Füllung ist eine weiche Masse aus Mineralgranulat. Der Stein macht extra Dämmplatten überflüssig.

          Zum ganzen Sparprogramm kommt noch eine intelligente Gebäudesteuerung, die alle Geräte, die im Standby-Betrieb laufen, komplett abschaltet. Sie hat noch mehr drauf, zum Beispiel kann sie Fenster öffnen, wenn Sensoren zu viel CO2 in der Luft messen und wieder schließen, wenn die Atemluft wieder frisch ist.Alle einzelnen Sparanstrengungen zusammen bewirken, dass der Durchschnittsverbrauch der vierköpfigen Durchschnittsfamilie sich auf 1300 Kilowattstunden im Jahr einpendelt. Das ist ungefähr ein Drittel des Normalverbrauchs, der bei 4000 Kilowattstunden im Jahr liegt. Familien mit einer elektrischen Wärmepumpe, wie sie unter anderem von der Bundesregierung propagiert und gefördert wird, verbrauchen noch mehr Strom.

          Sonnenkollektoren liefern Wärme im ganzen Haus

          Das energieautarke Haus ist nicht nur sparsam, es ist auch sein eigenes Kraftwerk. Den Strom liefert eine sogenannte dachintegrierte Photovoltaikanlage (Hersteller Solarwatt). Übersetzt heißt das, die Solarmodule ersetzen die Dachziegel. Die Photovoltaik beansprucht die untere Hälfte des Daches. Die verbleibende nach Süden ausgerichtete Dachfläche ist für die Sonnenkollektoren reserviert. Sie erwärmen Wasser in einem gut gedämmten stattlichen 9300 Liter-Tank, der mitten im Haus steht und vom Erdgeschoss bis unters Dach reicht. Das erhitzte Wasser hält in dem Tank lange die Temperatur und liefert die Wärme, die über Fußbodenheizungen in den Zimmern verteilt wird.

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