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Ein Selbstversuch : Eine Woche ohne Web

Ohne Internet ist bei mir soziale Funkstille. Oder habe ich die falschen Freunde? Bild: dpa

Nadine Oberhuber hat sich vom Netz abgeklemmt und festgestellt: Ein Leben ohne Internet ist möglich. Aber lustig ist es nicht. Und vor allem braucht man plötzlich viel mehr Zeit.

          Jetzt reden sie zum Glück wieder mit mir. Ein paar Tage lang dachte ich, ich hätte meinen Urlaub vermasselt, meine Vereinskollegen vergrätzt und ein paar Freunde verloren - in nur einer Woche.

          Nadine Oberhuber

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das fand ich reichlich absurd: Freundschaften, die wir seit Jahren pflegen und die an schwierigen Situationen eher wachsen als leiden, sollen sich plötzlich verlaufen, weil man sich mal ein paar Tage abklemmt von der digitalen Welt? Sieben Tage lang habe ich privat das Internet nicht angefasst, ich wollte sehen, wie das ist, wenn ein Mensch, der in der Welt von heute lebt, sich ausschließlich der Kommunikationsmittel von gestern bedient. Auf was er verzichtet, was er im Gegenzug gewinnt und vor allem, ob ein Leben ohne Internet überhaupt noch machbar ist.

          Ich kenne tatsächlich Menschen, die sich dem Anschluss an die Moderne einfach verweigert haben. In deren Haus es keinen funktionsfähigen Internetanschluss gibt, nicht mal einen internetfähigen Rechner, geschweige denn ein Smartphone, das sich übers Mobilfunknetz ins World Wide Web einwählt. Es sind Menschen, die im Laufe ihres Lebens viele technische Evolutionsstufen mitgemacht haben. Die aber bei der Erfindung des Bildschirmtexts steckengeblieben sind, weshalb sie die Abfrage der Fußballergebnisse dort schon für Echtzeitkommunikation halten.

          Braucht man das Internet für Privates?

          Alles was danach kam, ist für sie „neumodischer Kram“. Sie haben noch nie eine E-Mail geschrieben, noch keinen Chatroom betreten und noch nie etwas im Internet bestellt. Ab und zu rufen sie bei mir an und fragen, ob ich im Internet etwas nachsehen kann, wie die Adresse eines Spezialarztes oder die Nummer des Schweizerischen Schifffahrtsverbandes. Dann frage ich mich jedes Mal, wie man ohne Netz überhaupt noch leben kann.

          Wir Untervierzigjährigen würden zu fast 100 Prozent diese Frage mit „gar nicht“ beantworten. So gut wie 100 Prozent von uns sind regelmäßig im Internet unterwegs, belegt der (N)Onliner-Atlas 2012, die größte Studie zur Internetnutzung hierzulande. Von den 40- bis 50-Jährigen nutzen es knapp 90 Prozent. Erst ab 70 dünnen sich die Reihen der Computerabhängigen merklich aus, da ist nicht einmal jeder Dritte im Netz aktiv. Ich wollte mich eine Woche lang fühlen wie sie. Zumindest privat, denn beruflich überlebe ich so keinen Tag. Aber braucht man das Internet wirklich für Privates?

          Am Ende des ersten Tages lautete meine Antwort noch „nein“. Es war ein Sonntag, das Wetter gut und der Tagesausflug mit Freunden lustig. Doch schon am zweiten Tag fing es an: „Ich schicke euch noch die Fotos herum“, hatte ich den anderen versprochen. Später fiel mir ein, dass das ja ohne Internet und E-Mail gar nicht ging. Sie müssten sich eine Woche gedulden - oder zu mir zur Diashow kommen, so wie früher, da machte man das auch. Aber schickte man die Einladungen per Post oder rief man alle an? Ich stellte fest, dass ich gar nicht die Telefonnummern von allen hatte, die Freunde meiner Freunde funke ich sonst per Mail an. Die würde ich also so schnell nicht mehr treffen.

          Weder Online-Shopping noch Online-Banking

          Beinahe hätte ich noch ein anderes Treffen verpasst, eines, zu dem ich dienstags mit dem Zug fuhr. Meine Fahrkarten buche ich sonst im Internet, eine Sache von drei Minuten. Am Schalter der Bahn verbrachte ich morgens um halb acht eine halbe Stunde und kam immer noch nicht zum Zug. Am Ende rannte ich panisch zum Gleis und löste das Ticket beim Schaffner, mit zehn Prozent Aufschlag.

          Auch die Abwicklung meiner Bankgeschäfte kostete mich in dieser Woche viel Zeit. Statt für die Strom- und Telefonrechnung einfach daheim aufs Knöpfchen zu drücken, hielt mich jede Überweisung in Atem. Zum ersten Mal wusste ich, wofür ich eine Filialbank bezahlte: dafür, dass sie fußläufig entfernt tatsächlich eine Filiale mit Überweisungsautomat besaß. Für den Fall, dass ich darin auf einen Schalterangestellten treffen wollte, müsste ich aber wirklich warten, bis ich 70 wäre. Vorher werde ich es bei meinen Arbeitszeiten kaum zu ihren Öffnungszeiten schaffen.

          Am Donnerstagabend verfluchte ich meine internetfreie Zeit. Eigentlich wollte ich noch ein paar Rad-Ersatzteile besorgen, aber Online-Shopping fiel ja aus. Pro Jahr geben wir Deutschen 30 Milliarden Euro im Internet aus, für Bücher, Musik, Kleidung und Elektronik. Auf die 475 Euro pro Kopf komme ich dabei nicht ganz, aber die ganz großen und nervigen kleinen Sachen lege ich ganz gern in Internetwarenkörbe. So werden sie mir nach Hause gebracht.

          Offline leben dauert seine Zeit

          Diesmal hechtete ich in der Mittagspause in die Stadt, arbeitete dafür länger und musste einen Abendtermin versetzen. Offline leben dauert einfach seine Zeit. Zu allem Überfluss rief noch eine Freundin an und fragte, weshalb ich gestern nicht zum Vereinstreffen gekommen sei. Sie hätte mir doch extra eine Mail geschrieben. Irgendwie lief mein Sozialleben in dieser Woche an mir vorbei. Ältere Leute behaupten ja gern, das Internet verhindere persönliche Kontakte. Bei mir ist eher ohne Internet soziale Funkstille. Oder habe ich die falschen Freunde?

          Sogar unser Urlaub war in dieser Woche purer Stress. Für eine Rundtour in den Bergen hatte ich mich angeboten, die Pensionen zu buchen. Und kann mir jetzt mal jemand erzählen, wie man das ohne Internet machte? Ich dachte kurz darüber nach, bei der Auslandsauskunft die Telefonnummern sämtlicher Fremdenverkehrsbüros sieben italienischer Täler abzufragen, auf ihre Prospekte zu warten und dann Pensionen abzutelefonieren. Entschied mich dann aber für die pragmatische Variante: Das mache ich nächste Woche, wenn ich wieder ins Internet darf. Stattdessen ging ich abends endlich mal wieder mit Buch ins Bett.

          Meine Mitfahrer fanden das wenig witzig. Ich traf sie am Tag nach meinem Selbstversuch und sagte nur: „Ich komme direkt aus der Steinzeit - und möchte nie wieder dorthin. Und jetzt: Lasst uns zusammen ins Internet gehen, wir wollen doch nach Italien fahren.“

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