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Ein Besuch im Casino : In Spielbanken ist niemand systemrelevant

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Rien ne va plus: Roulette-Teller im Mollerbau der Spielbank in Bad Homburg Bild: Frank Röth

Der Begriff Casino wird seit ein paar Jahren als Schimpfwort für die Börse benutzt. Dabei spielt im Casino jeder mit seinem eigenen Geld. Ein Besuch in der Spielbank in Bad Homburg.

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          Dass Psychologie an der Börse noch eine Rolle spiele, ist vielleicht der modernste Trugschluss, den man sich gegenüber einem Rechenzentrum erlauben kann. Noch gibt es sie aber: Anleger, die persönlich entscheiden, wie und wo sie ihr Geld anlegen. Folgen sie den gängigen Ratschlägen, ruht ihre Anlageentscheidung eher auf Kalkülen als auf Gefühlen. In einem mehrheitlich von Programmen gesteuerten Marktgeschehen macht es aber doch kaum einen Unterschied. Wollte man im Spiel ums Geld als Person etwas gelten, müsste man in ein Casino gehen.

          „Die Menschen, die heute in eine Spielbank gehen, wollen gesehen werden“, sagt Lutz Schenkel, der seit einem halben Jahr die Spielbank in Bad Homburg führt. So, wie der Mensch aus den Börsen gedrängt wurde, scheint es, zog es ihn in die Spielbank hinein. Allein um Geld geht es in Spielbanken nämlich immer weniger. „Früher holten Gäste ihre Bündel heraus“, sagt Schenkel. Heute allerdings seien die Spielbanken weniger Ort des Geldes als der Geselligkeit. Damit folgt das Schicksal der Spielbanken einer allgemeinen Entwicklung: Seit der digitalen Wende und dem Aufkommen moderner Smartphones spielen Menschen häufiger und länger. Apples erste eigenständige App für das iPhone war beispielsweise ein Pokerspiel. Die Gründe für die anfänglich daraus erwachsene Angst, die auch Schenkel teilte, hat sich aber doch nicht bestätigt: Die neuen Spielgeräte stehen nicht in Konkurrenz zu den Casinos. Sie sind stattdessen ihr Testfeld. Wer in eine Spielbank gehe, tue das heute sehr bewusst, sagt der Spielbankleiter.

          Das Casino als Ort der Begegnung

          Trotzdem haben aber auch in Casinos Maschinen Einzug gehalten. Die Spielbank-Tradition in Bad Homburg geht in das Jahr 1841 zurück, als der erste Saal eröffnete, der heute noch als Großer Saal für das Roulette benutzt wird. Für das in den Achtzigern aufgekommene Automatenspiel wurde angebaut. Gäste, die mit den Automaten vorliebnehmen, steuern heute mehr als die Hälfte der Umsätze bei und fühlten sich daher zu Unrecht als „Underdogs“, sagt Schenkel. Spielbanktypisch sind die Automatenspieler – zurückhaltend, gerätefixiert und gewinnorientiert – allerdings nicht. „Wer früher mit 1000 Mark vorne lag, der spielte weiter, wollte noch mehr und ist dann vielleicht doch mit einem Minus nach Hause gegangen. Heute nehmen die Leute 500 Euro lieber mit nach Hause und hören auf“, sagt Schenkel. Dabei habe man auf das sich verändernde Spielverhalten schon reagiert und mehr Freispiele und Features, also Gründe für kleine Glücksmomente, in die Spielabläufe integriert.

          Einem größeren Wandel unterlag das Spiel am Tisch. An ihm hätten heute Aspekte der Unterhaltung die wichtigsten Funktionen inne, sagt Schenkel. Mit Roulette- und Black-Jack-Spielern sei man schnell im Gespräch, die Gäste suchten geradezu den Kontakt untereinander und nutzten das Casino als Ort der Begegnung. Junggesellenabschiede in einer Spielbank seien schon nicht mehr ungewöhnlich. „Und kaum noch jemand bleibt die ganze Nacht“, sagt Schenkel. Die durchschnittliche Verweildauer schwankt derzeit zwischen eineinhalb und zwei Stunden. Und wie die Zeit, ist auch das Budget der Gäste begrenzt. Die Spielbank wurde zu einem Ort, in dem „viele für 50 oder 100 Euro gut unterhalten werden wollen“, sagt Schenkel. Die Gäste eröffneten ihr Abendprogramm in Spielbanken oder kämen zum Ausklang. Um sie ein wenig länger zu halten, werden auch in Bad Homburg die angegliederten Restaurants, Lounges und Discos kontinuierlich ausgebaut. „Den Geldgedanken schieben wir dabei bewusst nach hinten“, sagt Schenkel.

          In Deutschland gilt nur die Regulierungen der Spielbanken

          Die enge Verknüpfung des Glücksspiels mit der Suchtgefahr gerate dabei nicht aus den Augen, sagt Schenkel. In Schleswig-Holstein, wo Schenkel zuletzt nahe Hamburg für eine Spielbank arbeitete, suchte seine Spielbankgruppe als erste den Kontakt zur Suchtberatung und unterstützte deren Bemühungen mit einem sechsstelligen Betrag, bevor der Glücksspielstaatsvertrag derartige Regelungen übernahm. Heute allerdings hätten die gesetzlichen Regulierungen überhandgenommen, sagt Schenkel. Jeder Gast muss am Eingang registriert werden, um seine Daten mit einer Suchtkartei abzugleichen. Zudem gebe es ständige Kontrollen wegen des Geldwäschegesetzes. Der Staat vermeide es allerdings, eine grundsätzliche Entscheidung darüber zu treffen, was er – neben Abgaben in Höhe von 80 Prozent – wolle, sagt Schenkel.

          So hätten sich in der Schweiz die Bürger für stark regulierte Spielbanken und ein generelles Verbot aller anderen Glücksspielmöglichkeiten ausgesprochen. In Deutschland gelte dagegen nur das eine, die Regulierungen der Spielbanken, ohne dass im Gegenzug Online-Kasinos, Spielhallen und Sportwettcafés ähnlich reguliert würden. Für Spielbanken gelte daher ein enges Korsett, mit dem sie im Wettbewerb kaum bestehen könnten, sagt Schenkel. Und obendrein käme das Glücksspiel wegen der nebulösen Konkurrenz von seinem schlechten Ruf nicht weg.

          Das Spiel bleibt stets ein Glücksspiel

          Heute seien die Spielbanken „Dinosaurier“, sagt Schenkel und beschreibt damit auch ein Szenario des Aussterbens: „In sechs bis acht Jahren wird es eine Reihe von Spielbanken, die nicht so günstig liegen wie wir in Bad Homburg, in dieser Form nicht mehr geben.“ Vielen Casinos fehlten Stammgäste, die das Spiel der seltenen, aber finanzstarken Gäste ausglichen. Wenn auch das mathematische Argument ein anderes ist, im Einzelfall bleibt es stets ein Glücksspiel – auch für die Bank. So müsse man immer damit rechnen, dass an einem Abend 70.000 Euro von einem Gast mitgenommen würden, der dann so bald nicht wiederkomme um das Geld wieder einzusetzen, sagt Schenkel. Erst vor wenigen Tagen sei genau das passiert.

          Das Spiel bleibt stets ein Glücksspiel, sagt Schenkel, der damit auch Poker meint, obwohl es immer wieder Versuche gibt, das Kartenspiel als Geschicklichkeitsspiel auszulegen. Dieser Illusion dürfe man sich bei keinem, von einer Spielbank angebotenen Spiel hingeben, sagt Schenkel. „Trotzdem ist Poker ein hochspannendes, faszinierendes Spiel, dass in jedem Fall in eine Spielbank gehört“, auch wenn man es nicht im stressigen Cash Game, sondern im Turniermodus spiele, sagt Schenkel. Wenn man sich ein Limit setze, das Spielende akzeptiere und die Zeit bis dahin als Wettkampf unter Gleichen ansehe, sei man bestens unterhalten. Und forderte man lieber die Bank heraus, spiele man eben Black Jack. Dass die Spielbanken heute so schlecht wegkämen und der Begriff „Casino“ sogar als Schimpfwort für das Börsengeschehen herhalten müsse, ärgert Schenkel dabei maßlos. Im Casino spiele schließlich jeder mit seinem eigenen Geld, und niemand behaupte, systemrelevant zu sein.

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