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Durch Bewertungsreserven : Lebensversicherer zahlen mehr aus

Uwe Laue, Vorstandsvorsitzender von Debeka Bild: dpa

Bewertungsreserven sorgen momentan für höhere Renditen, können den Abwärtstrend von kürzer laufenden Lebensversicherungen aber nicht umkehren. Verträge mit sehr langer Laufzeit sind kaum betroffen - Versicherer wie Europa und Debeka glänzen sogar mit Spitzenleistungen.

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          Die Kapitalerträge der Lebensversicherer werden geringer. Wegen der Finanzkrise und der hohen Langfristrisiken bringen die ersten Anbieter Produkte auf den Markt, deren Zinsgarantien nicht mehr auf die gesamte Laufzeit gewährt werden. Der durchschnittliche Zinssatz gut bewerteter Staatsanleihen über die vergangenen zehn Jahre ist so niedrig, dass eine Absenkung des Garantiezinses unter die derzeit üblichen 1,75 Prozent bald erforderlich sein könnte.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Und was machen die Auszahlungen der Unternehmen? Sie steigen erstmals seit vielen Jahren gegenüber dem Vorjahr. Egal, ob Verträge mit zwölf, 20 oder 30 Jahren Laufzeit - wer Ende dieses Jahres seine Police ausbezahlt bekommt, erhält im Durchschnitt eine höhere Rendite auf seine Beiträge als ein Jahr zuvor. Für einen Vertrag über 30 Jahre steigt er um 0,04 Prozentpunkte auf 5,05 Prozent, wie die aktuelle Ablaufanalyse des Branchendienstes Map-Report zeigt.

          Große Renditeunterschiede

          Wer über drei Jahrzehnte jeden Monat 100 Euro eingezahlt hat, erhält somit im Branchenschnitt 84.500 Euro - 600 Euro mehr als jemand, dessen Vertrag zwölf Monate vorher auslief. Bei zwölf Jahre laufenden Verträgen ist der Renditeunterschied noch größer: Der Ertrag stieg von 3,12 auf 3,29 Prozent, die ausgezahlte Leistung von 17.700 auf 17.900 Euro.

          Der Grund für diese Entwicklung sind die vieldiskutierten Bewertungsreserven der Versicherer. Ihre festverzinslichen Papiere steigen im Marktwert umso höher, je niedriger der derzeitige Marktzins ist. Bilanziell wird ein höherer Wert ausgewiesen, woran die Versicherten beteiligt werden müssen. Ein höherer Ertrag wird aber erst dann realisiert, wenn die Papiere auch tatsächlich veräußert werden.

          Neue Leben, Huk-Coburg und Europa auf den ersten drei Plätzen
          Neue Leben, Huk-Coburg und Europa auf den ersten drei Plätzen : Bild: F.A.Z.

          Technisch lösen die Versicherer die Beteiligung an den Bewertungsreserven dadurch, dass sie den Kunden mit auslaufenden Verträgen einen höheren Anteil am Überschuss zuweisen. Dadurch wird den anderen weniger gutgeschrieben. Ein Reformversuch der Bundesregierung scheiterte im Vermittlungsausschuss des Bundesrats.

          Dieser Sondereffekt kann aber nicht den langfristigen Trend umkehren. Vor allem für die kürzer laufenden Policen zeigt sich, wie die verschlechterten Anlagebedingungen am Kapitalmarkt durchschlagen. Bekam ein Kunde vor zehn Jahren noch eine Beitragsrendite von 5,43 Prozent auf einen Vertrag mit zwölf Jahren Laufzeit, liegt sie nun um mehr als 2 Prozentpunkte niedriger.

          Europa zahlt höchste Ablaufleistung

          Weniger stark macht sich diese Entwicklung bei sehr lang laufenden Verträgen bemerkbar. Die Rendite einer Kapitallebensversicherung mit 30 Jahren Laufzeit sank seit einem Jahrzehnt nur um etwa einen Prozentpunkt. Dadurch wird die Eigenschaft der Policen sichtbar, einen Risikoausgleich über die Zeit zu leisten.

          Die Spitzengruppe der leistungsstärksten Verträge verändert sich entsprechend auch kaum über die Jahre. Die höchste Ablaufleistung bekommen im Durchschnitt aller drei Vertragsarten die Kunden der Europa ausgezahlt. Danach folgen die ebenfalls stets hoch bewerteten Gesellschaften Debeka, HUK-Coburg und Neue Leben. Bei den kurz laufenden Policen schneiden die Postbank Leben und Interrisk besonders gut ab.

          Die Neue Leben erzielt Bestwerte bei den 30-Jahres-Verträgen. Wie groß der Unterschied zwischen einer guten und einer weniger leistungsstarken Lebensversicherung ist, zeigt sich an den Zahlen: Wer vor 30 Jahren eine Police der Neue Leben abschloss, erhält 100.785 Euro ausgezahlt - und damit gut 25.000 Euro mehr als ein Kunde der äußerst vertriebs- und wachstumsstarken R+V, die immerhin noch den 20. Platz erreicht.

          Marktführer Allianz erreicht immerhin den sechsten Platz beim Mittelwert der drei Vertragstypen. Weitere führende Anbieter schneiden deutlich schlechter ab: Die Ergo landet auf dem 28. Platz gerade noch in der Top 30, Zurich und Axa dagegen schaffen es nicht in diese Gruppe. Kapitallebensversicherungen sind als Anlageprodukte umstritten. Verbraucherschützer kritisieren die Kombination aus Altersvorsorge und Absicherung der Hinterbliebenen für den Todesfall.

          Auch die einkalkulierten Kosten für den Vertrieb und die Verwaltung der Verträge sehen sie als unangemessen hoch an. Hier allerdings haben sich die Gesellschaften in den vergangenen Jahren verbessert, wie ein Vergleich der Rendite auf den Beitrag und der Rendite auf den Sparanteil zeigt.

          Im vergangenen Jahrzehnt ist der Abstand zwischen beiden geringer geworden. Für einen 30 Jahre laufenden Vertrag sank er von 0,97 auf 0,64 Prozentpunkte. Heute wird also ein geringerer Anteil des Beitrags für Kosten des Versicherers aufgewendet. Es geht stattdessen mehr in die Altersvorsorge.

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