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Verbraucherpreise : Deutschland vor dem nächsten Inflationsschub

Der Anstieg der Lebensmittelpreise gegenüber dem Vorjahr ist von Monat zu Monat stärker geworden. Bild: dpa

F.A.Z.-Preisbericht: Im Oktober könnte die Inflationsrate auf mehr als 10 Prozent steigen. Das dürfte schmerzen.

          3 Min.

          Auf Deutschlands Verbraucher dürfte eine neue Teuerungswelle zukommen. Nach dem Benzinpreisschock, der Preisrally bei vielen Lebensmitteln und dem Teuer-Urlaub steht nach Einschätzung von Ökonomen von Oktober an eine neue Runde steigender Preise an. Die Verschnaufpause bei der Inflationsrate durch Eingriffe der Ampel-Koalition ist schließlich bald vorbei. In den zurückliegenden zwei Monaten waren die Inflationsraten hierzulande zwar weiterhin hoch gewesen. Die Entwicklung aus dem Frühjahr hatte sich im Sommer aber nicht unvermindert fortgesetzt, wie der aktuelle F.A.Z.-Preisbericht zeigt (siehe Grafik). Das dürfte sich aber bald wieder ändern – zum Ärger vieler Verbraucher.

          Vorübergehender leichter Rückgang

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Während die Inflationsrate dieses Jahr bis zum Mai bis auf 7,9 Prozent gestiegen war, ist sie in den Monaten Juni mit 7,6 Prozent und Juli mit 7,5 Prozent etwas niedriger ausgefallen. Ähnlich, wenn auch auf höherem Niveau, entwickelten sich die Zahlen für die deutsche Inflation nach der europäischen Berechnungsweise des Harmonisierten Verbraucherpreisindex HVPI: Von 8,7 Prozent im Mai ging es runter auf 8,2 Prozent im Juni und 8,5 Prozent im Juli; eine kleine Entlastung.

          Das hatte vor allem zwei Ursachen: Auf der einen Seite machten sich staatliche Eingriffe beim Verkehr in Deutschland auch in der Inflationsrate bemerkbar; nämlich die befristete Senkung der Energiesteuer auf Kraftstoff, der sogenannte „Tankrabatt“, und das günstige 9-Euro-Ticket für den Nahverkehr der Bahn. Auf der anderen Seite sind zeitweise auf den internationalen Märkten viele Rohstoffpreise gesunken, vom Kupferpreis, wegen seiner Indikatorfunktion für die Gesundheit der Weltwirtschaft auch „Dr. Copper“ genannt, bis hin zum Ölpreis. Der Grund: Die Investoren an den Märkten machten sich Sorgen um eine globale Rezession – denn die könnte die Rohstoffnachfrage fallen lassen.

          Auch wenn die Inflation insgesamt nicht ungebremst weiter kletterte, hatten Verbraucher in Deutschland auf vielen Gebieten unter Preissteigerungen zu leiden. Am stärksten verteuerte sich gegenüber dem Vorjahr Energie mit plus 35,7 Prozent. Hier war im Juli allerdings eine etwas niedrigere Steigungsrate als in den Vormonaten zu beobachten. Dagegen ist der Anstieg der Nahrungsmittelpreise von Monat zu Monat immer noch stärker geworden. Die Preissteigerung lag im Durchschnitt auf Jahressicht zuletzt bei 14,8 Prozent. Dahinter steckt beispielsweise eine Beschleunigung des Preisanstiegs bei Brot- und Getreideerzeugnissen. Aber auch Molkereiprodukte wie Quark und Sahne waren stark im Preis gestiegen, auch Eier. Salat beispielsweise war dagegen wieder günstiger geworden.

          Anstieg im Oktober erwartet

          „Im August dürfte sich die Inflation in Deutschland wenig ändern und im Bereich von 7,5 Prozent liegen“, prognostiziert Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank. Der Wegfall des 9-Euro-Tickets und des Tankrabatts im September werde die Inflation dann um etwa einen Prozentpunkt erhöhen. Im Oktober dürfte die Gasumlage die Inflationsrate abermals nach oben springen lassen. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) habe für die Gasumlage eine Spanne von 1,5 bis 5 Cent je Kilowatt genannt, wobei die endgültige Höhe noch festgelegt werde. „Fiele die Gasumlage mit 1,5 Cent niedrig aus, würde die Inflation im Oktober auf gut 9 Prozent steigen“, meint Krämer. „Bei 5 Cent würde sie wohl über der Marke von 10 Prozent liegen.“ Auf die Bürger komme „ein weiterer massiver Inflationsschub“ zu, warnt Ökonom Krämer: „Das schmälert ihre Kaufkraft empfindlich – das Rezessionsrisiko steigt.“

          Noch wird über eine mögliche Verlängerung des 9-Euro-Tickets für die Bahn diskutiert. Der Tankrabatt dagegen hat weniger Freunde, sein Ende zum 31. August dürfte besiegelt sein. Wenn beides wegfällt, werde die Inflation im September wieder einen Prozentpunkt höher ausfallen als sonst, schätzt auch Karsten Junius, Ökonom der Bank Sarasin. Zudem dürfte die Hitzewelle im Sommer – wie alle Temperaturschwankungen – zu höheren Preisen für frische Nahrungsmittel führen. „Zusätzlich beschert sie uns Niedrigwasser auf dem Rhein, was die existierenden Versorungs- und Lieferengpässe eher noch verschärft.“ Die für den Sommer untypische Covidwelle habe zudem zu einem hohen Krankenstand geführt, der die Arbeitskräfteknappheit sicherlich noch verstärkt habe, meint Ökonom Junius: „Dies dürfte vor allem im Dienstleistungssektor spürbar sein, in dem der Nachholbedarf der Konsumenten ohnehin hoch ist.“

          Auch Holger Schmieding, der Chefvolkswirt des Hamburger Bankhauses Berenberg, erwartet für August zunächst eine nahezu unveränderte Inflationsrate. Es gebe allerdings gewisse Unsicherheiten: „Einiges hängt davon ab, ob der dramatische Anstieg der Gaspreise für Neukunden den Verbraucherpreisindex bereits im August teilweise erreicht hat“, sagt er. „Mit dem Auslaufen des Tankrabatts und des 9-Euro-Tickets und den höheren Gaspreisen müssen wir uns von September an für den Rest des Jahres auf Inflationsraten um 10 Prozent oder kurzzeitig sogar leicht darüber einstellen.“

          Eigentlich hatten viele Ökonomen gehofft, dass ein sogenannter statistischer Basiseffekt im weiteren Verlauf des Jahres die Inflationsraten etwas dämpfen könnte. Im Laufe des Jahres 2021 war der Ölpreis deutlich gestiegen. Je weiter daher jetzt das Jahr 2022 fortschreitet, desto mehr werden Ölpreise aus diesem Jahr mit gestiegenen Ölpreisen aus dem vorigen Jahr verglichen – der Preisanstieg auf Zwölf-Monats-Sicht fällt nicht mehr so stark aus. Allerdings gibt es jetzt andere Preissteigerungen, von denen Verbraucher getroffen werden. „Vermutlich werden die höheren Kosten für Strom und vor allem Gas einschließlich der neuen Umlage zunächst die Basiseffekte aus dem Anstieg der Energiepreise vor einem Jahr mehr als ausgleichen“, meint Ökonom Schmieding: „Von etwa Februar 2023 an dürften die Vorjahresraten der Inflation aber kräftig zurückgehen.“

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