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Teure Süßigkeiten : Der Schoko-Schock

Teure Zeiten für Schokoliebhaber Bild: dpa

Früher gab es 100-Gramm-Schokoladentafeln für knapp einen Euro – doch die Preise klettern immer weiter nach oben. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe.

          Es sind schwierige Zeiten für alle Liebhaber einer schönen Tafel Schokolade. Jahrelang hatten sie eine Gewissheit, egal welchen deutschen Supermarkt sie auch betraten: Der Preis einer 100-Gramm-Tafel betrug, Edelmarken wie Lindt ausgenommen, nie mehr als 99 Cent. Diese Preisgrenze schien unverrückbar – wenigstens eine Verlässlichkeit im unübersichtlichen Lauf des Weltgeschehens.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Damit, liebe Schokoladenfreunde, ist es vorbei. Denn in den vergangenen Wochen hat eine stattliche Anzahl von Preiserhöhungen Deutschlands Süßwarenregale heimgesucht. Begonnen hat alles mit einem Schokoladenhersteller, dem man aufgrund seiner sympathischen Werbesprüche („Quadratisch. Praktisch. Gut.“) so viel Chuzpe eigentlich gar nicht zugetraut hätte – mit Ritter Sport. Seit Anfang April beträgt die unverbindliche Preisempfehlung des Herstellers für seine normale Vollmilchschokolade „Alpenmilch“ 1,09 Euro und für alle Nuss-Sorten gar 1,29 Euro.

          Ritter Sport ist damit nicht alleine. Denn auf einmal wird in manchem Supermarktregal auch für die 100-Gramm-Tafeln des Konkurrenten Milka aus dem Mondelez-Konzern ein Preis von 1,09 Euro angezeigt. Zwar weisen die Hersteller unisono darauf hin, dass sie auf die Preisgestaltung im Lebensmittelhandel keinen Einfluss hätten. Zwar kosten noch längst nicht in jedem Supermarkt Ritter-Sport- oder Milka-Tafeln mehr als einen Euro, und auch Sonderangebote gibt es weiter zuhauf. Doch dies alles ändert eines nichts: Ein Zurück unter die einst heilige 1-Euro-Schwelle wird es wohl so schnell nicht wieder geben.

          Nun scheint es naheliegend, den Schokoladenherstellern die ganze Schuld daran zu geben. Selbstredend wollen sie mit ihren Tafeln Geld verdienen, immerhin vertilgt jeder Deutsche im Schnitt 90 davon pro Jahr. Doch mit dieser Erklärung allein würde man es sich etwas zu einfach machen. Schließlich riskieren die Hersteller, dass die Kunden wegen der Preiserhöhungen von ihrer Schokolade nichts mehr wissen wollen.

          Kakaofrucht ist keine einfache Pflanze

          Schuld an dem ganzen Tohuwabohu ist stattdessen, dies muss man so hart sagen, die Kakaofrucht selbst. Außerdem das Weltklima, nicht zu vergessen der Ferne Osten, nur zu einem kleineren Teil die Hersteller. Und ja: Auch die Haselnuss trägt dafür Verantwortung.

          Fangen wir mit der Kakaofrucht an, sie kann sich schließlich nicht wehren. Auch wenn sie an beeindruckenden Bäumen mit der erhabenen wissenschaftlichen Bezeichnung Theobroma cacao wächst (Theobroma heißt Speise der Götter), ist die Kakaofrucht eine recht kapriziöse Pflanze. Sie braucht Schatten, viel Feuchtigkeit und tropische Temperaturen. Sind die Bedingungen nicht so, wie sie es gerne hätte, kommt es nicht zur vollen Blüte. Die Deutschen haben keine einfache Pflanze zu ihrer Lieblingssüßigkeit erkoren.

          Nun kommt das Weltklima ins Spiel. In den wichtigen Herstellungsländern Elfenbeinküste und Ghana wüteten zu Anfang des Jahres die gefürchteten Harmattan-Winde, die Wüstensand und extreme Trockenheit mit sich brachten, ausgerechnet zur Haupterntezeit. Man darf vermuten: Die Kakaofrucht war nicht amüsiert. Die Ernterückgänge waren jedenfalls beträchtlich, an der Börse erhöhte sich der Kakaopreis je Tonne unter Schwankungen auf bis zu 2300 britische Pfund und damit deutlich mehr als in den Vorjahren.

          Gleichzeitig aber ist die Beliebtheit von Schokolade in Asien gestiegen, womit wir beim Fernen Osten wären. Asiaten zählten wegen ihrer mitunter ausgeprägten Laktoseintoleranz lange nicht gerade zu den Schokoladenliebhabern, doch dies hat sich zuletzt sehr verändert. Denn Asien hat die Bitterschokolade für sich entdeckt: Sie enthält kaum Milch, dafür aber besonders viel Kakao. Was daraus folgt, weiß jeder Wirtschaftsstudent im ersten Semester: Steigt die Nachfrage bei geringerem Angebot, erhöht sich der Preis. Genau das hat sich auf dem Kakaomarkt ereignet.

          Teure Folgen des Jahrhundertfrosts in der Türkei

          Was aber hat es nun mit der Haselnuss auf sich, die ja auch zu den Schuldigen zählt? Speziell in Deutschland ist Nussschokolade besonders beliebt – bei Ritter Sport beispielsweise ist die Sorte „Voll Nuss“ der Bestseller. Das Problem für die Hersteller ist nun: Der Preis für Haselnüsse ist in den vergangenen zwei Jahren noch viel stärker gestiegen als der Kakaopreis – und somit natürlich auch die Produktionskosten von Nussschokolade. Kostete ein Kilogramm Haselnüsse lange Zeit im Schnitt sechs Euro pro Kilo, erhöhte sich der Preis 2014 zwischenzeitlich auf stattliche 16 Euro je Kilo und liegt nun immer noch bei zehn Euro.

          Der Grund für diesen Anstieg: Im Jahr 2014 ist der Haselnuss Schlimmes widerfahren. Im wichtigsten Anbaugebiet, dem türkischen Schwarzmeerraum, brach damals im Frühjahr überraschend der Frost aus und vernichtete große Teile der Ernte. Rund zwei Drittel der weltweit geernteten Haselnüsse stammen normalerweise aus der Türkei. Von den Folgen dieses Jahrhundertfrosts hat man sich noch immer nicht richtig erholt.

          Führen die höheren Preise der 100-Gramm-Tafeln nun dazu, dass die Deutschen insbesondere Ritter-Sport-Schokolade im Regal liegen lassen? Der Hersteller verneint dies. Entspannung ist trotzdem nicht in Sicht. Die Kakaopreise werden weiter steigen, sind sich Rohstoffexperten sicher. Das lässt für den Schokoladenpreis nichts Gutes vermuten. Der Weltuntergang wäre es allerdings nicht, wenn demnächst ein paar Tafeln weniger in unserem Einkaufskorb landen. Ist ja ohnehin gesünder.

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