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N26-Gründer Stalf : Der Bankenschreck

Immer schön lässig bleiben: Valentin Stalf, 30, in dem Büroräumen von N26 in Berlin Bild: Andreas Pein

Valentin Stalf kündigte seinen Job, um eine Bank zu gründen. Mit der Konto-App N26 hat er aus dem Nichts 200.000 Kunden gewonnen. Mit brutalem Ehrgeiz und kalkuliertem Charme.

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          Würde man sich den typischen Gründer eines Startup-Unternehmens vorstellen, sähe er wohl so aus wie Valentin Stalf. Der Mann trägt im Büro gern kurze Hose und Turnschuhe, er ist erst 30 Jahre alt und doch bereits für 140 Mitarbeiter verantwortlich. Stalf lacht oft und gerne, er beginnt viele Sätze mit „Cool“ und beendet sie mit „geil“ – anders gesagt: Im Zurschaustellen von Lässigkeit ist Valentin Stalf nur schwer zu schlagen. Nicht ohne Grund hat ihn das Boulevardblatt „Bild“ unlängst zum „Mister Lässig“ der Bankenwelt ausgerufen.

          Dennis Kremer
          (dek.), Geld & Mehr

          Doch diese Gelassenheit im Auftritt darf man nicht mit Lockerheit in der Sache verwechseln: Stalf hat innerhalb von nicht einmal zwei Jahren mehr als 200000 Kunden für N26 (vormals Number 26) gewinnen können – eine Konto-App, mit der sich das eigene Girokonto vollständig vom Smartphone aus verwalten lässt. Das klingt nach einer ziemlich simplen Idee, aber Stalf zählt zu den Ersten, die sie tatsächlich in die Tat umgesetzt haben. Gerade in der jüngeren Zielgruppe der 18- bis 35-Jährigen ist die App derzeit der Renner.

          Mehr als nur Großmäuligkeit

          Dies hat namhafte Investoren wie Paypal-Gründer Peter Thiel oder Li Ka-Shing, einen der reichsten Chinesen, angelockt: Mehr als 50 Millionen Dollar haben sie Stalfs Firma insgesamt zur Verfügung gestellt. Wie zum Dank wettert der junge Gründer mit schöner Regelmäßigkeit gegen die etablierte Finanzwelt: „Die Spezialität vieler Banken war es lange, Filialen zu gestalten – sie sind nicht gerade die Stärksten in der Digitalisierung und zu weit entfernt von den Digital Natives.“ Ein bisschen Großmäuligkeit, das lernt jeder Marketingstudent im ersten Semester, hat noch nie geschadet, wenn man bekanntwerden will.

          Aber bei N26 ist es mehr als dies. Das Berliner Start-up ragt unter all den neuen Finanzunternehmen heraus, die derzeit unter dem Oberbegriff „Fintech“ Furore machen, weil es innerhalb kürzester Zeit eine stattliche Anzahl an Kunden von sich überzeugen konnte. Und weil es einen Schritt weiter geht als viele Konkurrenten: Seit einigen Wochen besitzen die Berliner eine Banklizenz, die im Euroraum nur der erhält, der ein aufwendiges Prüfverfahren übersteht. Jetzt können sie ganz offiziell mitspielen im Konzert der Großen.

          Job gekündigt, um Bank zu gründen

          Die Geschichte des gebürtigen Wieners Valentin Stalf ist ein Lehrstück darüber, wie man in Zeiten des Internets quasi aus dem Nichts Unternehmen auf die Beine stellen kann, zu deren Aufbau früher Jahre nötig gewesen wären. Sie zeigt aber auch, wie bedrohlich nahe selbst erfolgreiche Gründer wie Stalf dem Abgrund immer wieder kommen.

          Eine Bank gründen: Schon allein dies hört sich reichlich irre an in Zeiten, in denen die Aktienkurse der wichtigsten deutschen Banken fast täglich neue Tiefstände erreichen. Wie kommt man auf so etwas?

          Valentin Stalf ist erkennbar von sich selbst angetan, wenn er an jenen Tag vor gut vier Jahren zurückdenkt, an dem sein Jugendfreund Maximilian Tayenthal (heute sein Finanzvorstand) und er ihre Jobs kündigten, um N26 auf den Weg zu bringen. „Wir wollten etwas starten.“

          In der Wohnung Pläne geschmiedet

          Stalf hatte vorher ein gutes Jahr bei Rocket Internet gearbeitet, „eine der besten Schulen für Gründer, die es in Deutschland gibt“. Die Beteiligungsfirma der Samwer-Brüder investiert in unzählige Start-ups und hilft diesen dabei, groß zu werden. Stalf betreute eher aus Zufall zwei junge Finanzfirmen und hatte Blut geleckt. „Man hat oft Respekt vor etablierten Organisationen wie einer Bank. Bei Rocket lernt man, keine Angst zu haben: Du willst eine Bank gründen? Just do it.“

          So locker wie das klingt, war das Ganze aber natürlich nicht. Ohne Gehalt, nur mit ein paar zehntausend Euro an Erspartem saßen die beiden in ihren Wiener Wohnungen zusammen und schmiedeten Pläne.

          Eine Prepaid-Kreditkarte für Kinder wollten sie zunächst auf den Markt bringen, bei der Eltern die Ausgaben ihrer Kinder mit Hilfe einer Konto-App im Blick behalten konnten – Name „Papayer“. Genial fanden die beiden das, doch bald stellte sich heraus: In Wien gab es kaum IT-Fachleute, die bereit waren, eine solche App zu konstruieren. Schließlich war nicht klar, ob das Ganze ein Erfolg werden würde. Schnell stand für die beiden jungen Gründer fest: Sie mussten weg aus Wien.

          „Papayer“ kein durchschlagender Erfolg

          Kurz überlegten sie, ob sie es lieber in London oder doch in Berlin versuchen sollten (die Bankenmetropole Frankfurt stand nie zur Debatte), dann war klar: Die deutsche Hauptstadt würde es sein. Vergleichsweise günstige Mieten, viele junge und ehrgeizige Menschen – dort, so waren sich Stalf und Tayenthal sicher, würden sie die Mitarbeiter finden, die sie suchten und die sie bezahlen konnten.

          Ein Jahr nur etwa dauerte es, dann war „Papayer“ auf dem Markt, aber Valentin Stalf hatte unruhige Nächte. Zwar kam seine Konto-App gut an, aber die Eltern nutzten sie nicht, um ihre Kinder zu kontrollieren, sondern für sich selbst. „Es war zwar eine schwierige Entscheidung, aber da wussten wir: Wir mussten alles abbrechen und weiterentwickeln.“

          Eine Konto-App für Erwachsene, das war jetzt das neue Ziel. Nur ging das Geld allmählich zur Neige, mancher Mitarbeiter zweifelte, wollte nicht wieder von vorne beginnen. Die Sache drohte zu scheitern.

          Die Investoren überzeugt

          Es war Stalfs Charme, der das Projekt rettete. Es ist ein sehr kalkulierter Charme, der für einen Geschäftsmann überlebenswichtig sein kann. Der junge Österreicher kann Menschen mit Verschmitztheit und unermüdlichem Redefluss in die Richtung lenken, in die er sie treiben möchte.

          So gelang es ihm in dieser heiklen Phase tatsächlich, neue Investoren für N26 zu finden: Erst stieg der in der Szene bekannte Wagniskapitalfonds Earlybird ein. Später, die schwierigste Phase war da schon überwunden, erhielt er eine E-Mail aus New York. Das Team von Peter Thiel, erster Investor von Facebook, wolle einige Millionen anlegen. Eine Woche darauf saßen Thiels Leute in Berlin und durchleuchteten Stalfs Business-Konzept von allen Seiten. Aufgeregt sei er gewesen, gibt der Österreicher zu. Nötig war das nicht: Thiels Fonds ist bis heute an Bord.

          Geld verdienen ist schwer

          Wer die App ausprobiert, ahnt, was Investoren und Kunden daran gefällt: Dort findet man beispielsweise alle seine Ausgaben übersichtlich geordnet vor – Restaurantbesuche werden zu einer Rubrik zusammengefasst, Reisen zu einer anderen. Bei jeder Kontobewegung erhält der Kunde zudem sofort eine Push-Mitteilung auf sein Handy.

          Die Frage ist nur: Wird das reichen, um auf Dauer Erfolg zu haben? Im Wochentakt kündigen nun auch die großen Banken neue Finanz-Apps an. Stalf fürchtet sich nicht: „Es ist nicht so einfach, eine gute App zu programmieren.“

          Es ist allerdings auch nicht so einfach, mit einer App Geld zu verdienen. Im Juni verursachten die N26-Leute einen Aufschrei im Internet: 500 Kontoinhabern wurde gekündigt, weil sie mit der Kreditkarte, die es zur App kostenlos dazugibt, ständig Geld abhoben – eine teure Angelegenheit für N26. Bei jeder Abhebung am Geldautomaten entstehen dem Start-up Kosten zwischen 1,50 Euro und 2 Euro. Jetzt hat man die Zahl der kostenlosen Abhebungen auf fünf im Monat beschränkt.

          Girokonto als Einstieg

          Valentin Stalf sagt, er habe daraus gelernt, man müsse besser kommunizieren. Doch der Vorfall legt die Schwäche seines Geschäftsmodells gnadenlos offen: Ohne kostenloses Girokonto ist sein Angebot für die junge Zielgruppe wohl kaum attraktiv. Wie aber will N26 dann in Zukunft Geld verdienen?

          Die Antwort ähnelt ironischerweise stark dem Vorgehen der traditionellen Banken. Das Girokonto ist nur der Einstieg. Am Ende sollen die Kunden alle ihre Bankgeschäfte über die App abwickeln: Kredite aufnehmen, Geld anlegen, Sparen. Dazu hat N26 bereits die ersten Kooperationen mit anderen Startups angekündigt. Kostenlos ist das dann natürlich nicht mehr. Man darf gespannt sein, wie geil die Zielgruppe dies finden wird.

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