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Denkfehler, die uns Geld kosten (27) : Keiner will der Letzte sein

  • -Aktualisiert am

Bild: Bengt Fosshag

Kunden können nie ganz sicher sein, ob ihr Geld bei der Bank wirklich sicher ist. Allein, weil sie Angst haben vor einem Sturm auf die Geldhäuser, stürmen sie dorthin. Das hält keine Bank aus.

          Im Film „Der zerrissene Vorhang“ kommt der Wissenschaftler Michael Armstrong, gespielt von Paul Newman, in eine unangenehme Lage: Er und seine Verlobte werden im Ost-Berlin des Kalten Krieges von der Stasi gejagt. Ihre Flucht führt die beiden in eine Ballettvorstellung, wo sie ihre Fluchthelfer treffen sollen. Mitten in der Vorstellung bemerkt Armstrong, dass alle Ausgänge des Theaters von Stasi-Leuten versperrt werden - ein Entkommen scheint unmöglich. Da hat Armstrong eine Idee: Mitten in der Vorstellung springt er auf und ruft lauthals „Feuer“. Die Wirkung ist überwältigend: Alle Gäste des Balletts rennen panikartig zu den Ausgängen; im Chaos gelingt Armstrong und seiner Verlobten die Flucht.

          Was im Film funktioniert, funktioniert bisweilen auch in der Realität: Bricht in einem Theater ein Feuer aus, so dürfte das größere Risiko darin bestehen, von der Menge, die zu den Ausgängen flieht, totgetrampelt zu werden - nicht das Feuer, die Panik ist der Feind. Würden alle Insassen des Theaters geordnet zu den Ausgängen gehen, würde weniger passieren. Doch selbst wenn jeder weiß, dass niemandem etwas passiert, wenn alle die Ruhe bewahren, kann es zu einer Massenpanik kommen. Warum, ist klar: Wer zuerst am Ausgang ist, hat die höhere Überlebenswahrscheinlichkeit. Ähnlich wie die Ereignisse im Ost-Berliner Theater muss man sich eine Bankenpanik, einen sogenannten Bank Run vorstellen: Würde jeder die Nerven behalten, wäre alles halb so schlimm.

          Wollen alle Kunden ihr Geld gleichzeitig, ist die Bank pleite

          Um das zu verstehen, muss man wissen, wie eine Bank funktioniert. Eine Bank leiht die Ersparnisse ihrer Kunden an andere Kunden aus, wobei sie den Kunden, denen sie das Geld leiht, höhere Zinsen berechnet, als sie den Kunden zahlt, deren Geld sie entgegennimmt. Ein Geschäftsmodell mit Risiko: Da die Bank das Geld, das ihre Kunden einzahlen, weiterverleiht, hat sie nie so viel Geld in der Kasse, wie sie all ihren Kunden schuldet. Ziehen alle Kunden auf einen Schlag ihre Einlagen ab, ist die Bank illiquide.

          Eine Voraussetzung für das Funktionieren einer Bank ist also das Vertrauen der Kunden, dass die Bank ihr Geld nicht verzockt. Solange der Kunde glaubt, dass er sein Geld jederzeit abheben kann, wird er das nicht tun. Gefährlich wird es erst, wenn der Kunde zweifelt, dass sein Geld bei der Bank sicher ist - dann kommt es zum Theater-Effekt: Alle Kunden haben Angst vor einem Zusammenbruch der Bank und ziehen deswegen ihr Geld ab, die Bank bricht zusammen. Das Misstrauen der Kunden bringt dann auch eine kerngesunde Bank zu Fall. Das ist das gleiche Dilemma wie bei der Theater-Panik: Würden alle Kunden geduldig warten, bis die Bank die Gelder, die sie verliehen hat, wieder einsammelt, dann würde jeder wieder an sein Geld kommen.

          Wer zuerst kommt, kriegt sein Geld zurück

          Das Problem der Kunden aber ist, dass sie sich nicht sicher sein können, dass ihr Geld bei der Bank wirklich sicher ist. Deswegen gilt wie im Falle des Theaters: Jeder ist sich selbst der Nächste, wer zuerst am Ausgang ist, überlebt, respektive bekommt sein Geld zurück. Komme ich zu spät an den Schalter, so sind die wenigen Reserven, welche die Bank hat, bereits an andere Kunden ausgezahlt, und ich sehe mein Geld nie wieder.

          Beim kleinsten Anzeichen von Unsicherheit also lohnt es sich, den Bankschalter zu stürmen, in der Hoffnung, dass man nicht der Letzte ist; diese Strategie wird individuell betrachtet um so richtiger, je mehr man weiß, dass ja selbst eine gesunde Bank an einem Bank Run zerbricht. Es reicht also die Angst vor einem Bank Run, um einen solchen auszulösen.

          Vertrauen schaffen

          Welche Medizin hilft? Die Banken müssen erstens alles tun, um Bedenken der Kunden bezüglich der Sicherheit ihres Geldes zu zerstreuen, zweitens müssen sie ausreichend Sicherheitsreserven vorrätig halten - was sie aber Geschäft und Rendite kosten. Drittens müssen Banken darauf achten, dass sie keine Gelder an Hasardeure und Wolkenkuckucksheimbauer verleihen - je sorgfältiger sie Kredite vergibt, umso geringer das Risiko eines Bank Run.

          Auch die Politik muss etwas tun: Kurzfristig friert man die Konten der Bankkunden ein, mit dem Effekt, dass sich diese noch rascher zu den Ausgängen bemühen werden, um ihr Geld zu bekommen, bevor die Bankschalter schließen.

          Mehr Sicherheiten bilden

          Besser ist es da, die Banken zu zwingen, mehr Sicherheitsrücklagen zu bilden und mehr Sorgfalt bei der Vergabe von Krediten walten zu lassen. Alleine die Existenz solcher staatlichen Standards beruhigt das Publikum und senkt das Risiko einer Bankenpanik. Eine weitere Maßnahme ist ein Einlagensicherungsfonds, in den die Banken einzahlen, der einspringt, wenn die Kunden der Bank ihr Geld tatsächlich verlieren. Die Existenz eines solchen Fonds reduziert die Gefahr eines Bank Runs, allerdings um den Preis, dass im Ernstfall gute Banken für die Verbindlichkeiten schlechter Banken geradestehen. Hilft auch diese Reißleine nichts, bleibt die ultimative Waffe, die Angela Merkel und Peer Steinbrück im Zuge der Bankenkrise 2008 auspackten, als sie öffentlichkeitswirksam erklärten, dass die Bundesregierung für alle Bankeinlagen geradestehe. Natürlich hätte die Bundesregierung das nie gekonnt, musste sie aber auch nicht, jedenfalls nicht, solange man vermuten kann, dass die Banken nicht alle Kundengelder verzockt haben. Diese Garantie war ein psychologischer Kniff: Wenn alle Welt glaubt, dass die Bankeinlagen sicher sind, dann sind sie auch sicher.

          Aufklärung, die billigste Politik, hilft wohl nur im Film: In „Ist das Leben nicht schön“ verhindert James Stewart einen Bank Run, indem er den panischen Bankkunden erklärt, wie eine Bank funktioniert. Doch selbst das reicht nicht, so muss er die aufgebrachte Menge beruhigen, indem er 2000 Dollar locker macht, um Geld auszuzahlen. Gedacht war das Geld für seine Flitterwochen. Heute würde das kaum reichen, um eine Bankenpanik zu verhindern.

          Der Autor lehrt Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Pforzheim.

          Der „Bank Run“-Effekt

          Die Falle

          Wenn jeder fürchtet, dass sein Geld auf der Bank nicht mehr sicher ist, droht ein Bankencrash als sich selbst erfüllende Prophezeiung. Panik ist ansteckend.

          Die Gefahr

          Selbst gesunde Banken fallen einer Bankenpanik zum Opfer; das kann das gesamte Bankensystem zum Einsturz bringen, mit entsprechenden Folgen für die Realwirtschaft: Kontrakte können nicht mehr bezahlt werden, Investitionen nicht mehr finanziert werden, im schlimmsten Fall bricht das gesamte Zahlungssystem zusammen.

          Die Abhilfe

          Für den Bürger: Ruhe bewahren, Notreserve zulegen, das Geld nur bei soliden, seriösen Banken anlegen; möglicherweise über mehrere Institute streuen. Für die Banken: Solide Geschäfte betreiben. Für die Politik: Eine solide Bankenregulierung schaffen, die für ausreichend Mindestreserven sorgt, das Geschäftsgebahren der Banken überwacht und verhindert, das kranke Banken gesunde Institute anstecken können.

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