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DB hält an Maßnahmen fest : Wird die Bahn jetzt teurer?

Reisende am Hauptbahnhof in Berlin: Rund fünf Millionen Menschen in Deutschland haben eine Bahncard Bild: dpa

Die Bahncard wird nicht abgeschafft. Sagt die Bahn. Sie will aber im Fernverkehr mehr Geld verdienen. Irgendetwas passt da nicht zusammen.

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          Am Morgen des vergangenen Donnerstags überraschte der Hessische Rundfunk die Bahnfahrer mit der Nachricht, die Bahn wolle die Bahncard abschaffen. Der Aufschrei in den Medien war nicht viel kleiner als bei der einst geplanten Abschaffung der Speisewagen: Den ganzen Tag über war die Bahn hektisch bemüht, die Nachricht wieder einzufangen. „Das ist völliger Quatsch“, wetterte Bahnchef Rüdiger Grube mittags am Rande eines Termins in Hannover. Und am Nachmittag fühlte sich Personenverkehrs-Vorstand Ulrich Homburg sogar genötigt, eine Art „Bestandsgarantie“ für die Bahncard abzugeben. Hochoffiziell.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          War’s das damit? Handelte es sich nur um eine „dreiste Falschmeldung“, wie die Bahn glauben machen wollte? Vorsicht. Richtig ist wohl eher: Die Bahn hat erhebliche Schwierigkeiten mit dem Grundprinzip der Bahncard. Und will an dessen Anreizwirkungen etwas ändern, auch wenn sie die Karte nach diesem öffentlichen Aufschrei so schnell nicht mehr abschaffen kann. Die Formulierung, die man sich im Bahnmanagement überlegt hat, lautet: Man wolle das Bahncard-System „weiterentwickeln“.

          Wo ist das Problem? Ein internes Papier der Bahn hat die ganze Aufregung ausgelöst. In ihm wird der Hintergrund angedeutet, der das ganze Wirrwarr etwas erklärt.

          Der Mechanismus der Bahncard funktioniert so: Ein Bahnfahrer zahlt einmal einen festen Betrag, etwa 255 Euro für die Bahncard 50 in der zweiten Klasse, und bekommt dafür ein Jahr lang 50 Prozent Rabatt auf allen Strecken. „Up-Front“-Zahlung heißt das Prinzip im Jargon des Geheimpapiers der Bahn, „Vorweg-Bezahlen“. Das begünstigt bewusst Leute, die viel Bahn fahren: Mit jeder zusätzlichen Fahrt hat sich die Bahncard mehr gelohnt. Man bekommt eine Art Mengenrabatt.

          „Bahncard ahmt die Kostenstruktur des Autos nach“

          Zugleich ist das Prinzip eine Hürde für alle, die nur einmal Bahn fahren – zum teureren Preis.

          Nun hat es eine bemerkenswerte Veränderung gegeben. Als die Bahncard eingeführt wurde, im Oktober 1992, da haben die Leute die Kosten für eine Bahnfahrt vor allem mit den Kosten für eine Autofahrt verglichen. Die Bahncard hat damals diese Rechnung zugunsten der Bahn korrigiert. Wenn die Leute nämlich die Kosten für eine Autofahrt überschlagen haben, rechneten sie vor allem mit dem Benzinpreis. Den Anschaffungspreis und auch Reparatur und Wartung hatten sie ja ohnehin schon bezahlt. „Sunk costs“ nennen das die Ökonomen, „untergegangene“ Kosten.

          Dank Bahncard war das bei der Bahnfahrt damals auf einmal ähnlich, da gab es nun auch „sunk costs“. „Die Bahncard ahmt die Kostenstruktur des Autos nach“, sagt der Ökonom Justus Haucap. Wer die Bahncard einmal gekauft hat, rechnet ihren Preis bei der Entscheidung für eine einzelne Fahrt nicht mehr mit. Die Folge: Im Vergleich mit dem Auto stand die Bahn besser da als vorher.

          Jetzt aber hat die Bahn eine neue Konkurrenz: die Fernbusse. Nach allem, was man hört, hatten die Bahnmanager völlig unterschätzt, wie viel sie das an Umsatz kosten würde. Allein für dieses Jahr wird mit einem Umsatzverlust von mehr als 120 Millionen Euro gerechnet; Tendenz weiter steigend.

          Fleißig punkten: Prämien für Fahrten mit der Bahn

          Die Klientel der Fernbusse aber rechnet ganz anders als die klassischen Bahnkunden: Viele dieser Leute sind Gelegenheitsfahrer, die mit unterschiedlichen, relativ billigen Verkehrsmitteln unterwegs sind. Wenn sie im Internet eine Fahrt planen, vergleichen sie den Buspreis mit dem Bahnpreis. Und da schneidet die Bahn oft fürchterlich schlecht ab. Dabei ist das Prinzip der Bahncard, das Dauerfahrer belohnt und Gelegenheitsfahrer bestraft, zusätzlich ungünstig für die Bahn. Schließlich ist Bahnfahren ohne Bahncard ziemlich teuer.

          Deshalb will die Bahn ran an das alte Bahncard-Prinzip „Up-Front“. Wenn man das Prinzip umdreht, die günstigen Preise für mehr Leute öffnet und eine Karte einführt, mit der Bahnfahrer wie Fluggäste bei „Miles & More“ Punkte sammeln und anschließend einen Rabatt bekommen, so schreckt man die Gelegenheitsfahrer weniger ab.

          „Quatsch“: Bahnchef Grube dementiert das Ende der Bahncard
          „Quatsch“: Bahnchef Grube dementiert das Ende der Bahncard : Bild: Pein, Andreas

          Das ist gemeint, wenn im Geheimpapier der Bahn steht: „Die Bahncard wird zum Kundenkonto.“ Verglichen wird das Prinzip auch mit Rabattmarken oder Kundenkarten im Supermarkt: Man sammelt Punkte – und bekommt anschließend eine Gegenleistung.

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