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Vergeltungszölle der EU : Wie teuer wird nun die Jeans aus Amerika?

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Seit Freitag hat die EU Vergeltungszölle auf amerikanische Produkte verhängt. Bild: dpa

Seit heute gelten Vergeltungszölle auf amerikanische Produkte wie Whiskey, Jeans und Motorräder. Das sollten Verbraucher jetzt wissen.

          Die Verbraucher in Deutschland müssen durch die von der EU verhängten Vergeltungszölle auf amerikanische Produkte wie Jeans, Whiskey, Mais und Motorräder früher oder später mit Preissteigerungen rechnen. Davon geht die Außenhandelsvereinigung des deutschen Einzelhandels (AVE) aus.

          „Im Lebensmittelbereich könnten höhere Preise schon bald spürbar sein, weil hier die Margen besonders gering sind. Bei der Mode wegen der langfristig vereinbarten Kollektionen etwas später“, sagte AVE-Präsident Matthias Händle. Doch Anlass zu Hamsterkäufen besteht nicht, wie eine Umfrage unter Branchenverbänden ergab.

          Beispiel Jeans: „Die meisten Jeans kommen gar nicht aus den Vereinigten Staaten“, betont Thomas Rasch vom Modeverband Deutschland Germanfasion. Auch wenn die Hosen Namen wie Levi’s oder Wrangler trügen, produziert würden sie meist „in der Türkei oder sonst wo“. Die Vergeltungszölle seien ein politisches Signal, werden aber keine spürbaren Auswirkungen auf den deutschen Textilmarkt haben, ist der Branchenkenner überzeugt. Wenn überhaupt, dann treffe es einzelne besonders hippe Teile aus den Kollektionen von amerikanischen Designern, aber bei denen spiele der Preis ohnehin nur eine untergeordnete Rolle. Fakt ist:

          Ausweichen auf andere Lieferanten

          Von den gesamten deutschen Textilimporten in Höhe von 32,6 Milliarden Euro im vergangenen Jahr kamen gerade einmal Waren im Wert von 67 Millionen Euro oder 0,2 Prozent aus den den Vereinigten Staaten. Damit schafften es die Vereinigten Staaten nicht einmal unter die Top 25 der Textillieferanten für die deutschen Kleiderschränke.

          Etwas anders ist die Situation bei Agrarprodukten wie Reis, Mais oder Orangensaft. Bei Mais etwa sind in Amerika immerhin der drittgrößte Lieferant für die EU, wie Wienke von Schenck von der Agrarmarkt-Informations-Gesellschaft (AMI) betont. Doch auch hier kommt ein wesentlich größerer Teil der Ware aus der Ukraine und aus Brasilien. Bei Reis sind China, Indien und Indonesien wichtige Lieferanten, bei Orangensaft Brasilien und China.

          Bekannte Verbraucher-Produkte aus Amerika: Ab Freitag schraubt die EU die Zölle auf sie nach oben.

          „Importeure werden versuchen, wo möglich auf Lieferanten aus anderen Ländern auszuweichen“, prognostiziert AVE-Präsident Händle deshalb. Doch auch wenn dies in einigen Fällen nicht gelingt, dürften die Auswirkungen für die deutschen Verbraucher häufig nicht so gravierend sein, wie es der 25-prozentige Strafzoll vermuten lässt. „Bei vielen Produkten werden sich die Strafzölle nicht eins zu eins in den Verbraucherpreisen widerspiegeln“, betont Christian Böttcher vom Handelsverband Lebensmittel.

          Preissteigerungen nicht sofort spürbar

          Denn die Produkte würden häufig noch veredelt, bevor sie in den Handel gelangten. Der aus Amerika importierte Mais wird laut AMI ganz überwiegend als Tierfutter verwendet und landet deshalb später eher in Form von Rindersteaks auf dem Tisch. Außerdem wird Mais häufig zu Tortillas, Chips oder Corn Flakes weiterverarbeitet. Die Kosten für den Mais inklusive Zusatzzoll seien dann nur noch ein Teil der gesamten Herstellungskosten - und nicht unbedingt der wichtigste.

          Nach Einschätzung des AVE-Präsidenten haben die Verbraucher ohnehin noch eine Atempause, bis die Preissteigerungen bei ihnen ankommen. „Es ist unwahrscheinlich, dass wir sofort höhere Preise sehen werden“, meint Händle. Zum einen liege noch einiges an Ware bereits verzollt in den Lagern. Zum anderen verhindere der harte Wettbewerb im deutschen Handel, dass höhere Importkosten eins zu eins an die Verbraucher weitergereicht würden.

          Die großen deutschen Supermarktketten und Discounter hielten sich zunächst mit Prognosen über die künftige Preisentwicklung zurück. „Ob, wann und in welchem Umfang sich die Strafzölle auf ausgewählte amerikanischen Produkte preislich auswirken werden, kann derzeit noch nicht vorhergesagt werden“, hieß es bei Rewe. Edeka wollte sich „aus Wettbewerbsgründen“ nicht äußern. Auch Aldi Süd schwieg lieber.

          Schmerzhaft spürbar könnten die Zölle aber durchaus für eingefleischte Liebhaber typisch amerikanischer „Spezialitäten“ wie Bourbon Whiskey oder Harley Davidson Motorräder werden. Harley Davidson kündigte bereits an: „Wir untersuchen zurzeit die möglichen Auswirkungen auf unsere Kunden und unser Geschäft.“

          Mit den am Freitag in Kraft getretenen Vergeltungszöllen von 25 Prozent unter anderem auf Whiskey, Jeans, Reis, Mais und Motorräder aus Amerika reagiert die EU auf zuvor von Präsident Donald Trump verhängten Sonderabgaben auf Stahl- und Aluminiumprodukte aus Europa. Bei Importen nach Amerika werden seit Anfang Juli Zölle in Höhe von 25 Prozent bei Stahl und 10 Prozent bei Aluminium aus Europa fällig. Auch Mexiko und Kanada fallen unter die neuen Abgaben. Sie alle halten die Zölle für nicht vereinbar mit den Regeln der Welthandelsorganisation WTO.

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