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Duty-Free-Urlaubsorte : Wo Zollhüttchen auf der Skipiste stehen

Das schweizerische Samnaun unweit von Ischgl lockt mit günstigen Angeboten. Bild: Your_Photo_Today

Rabatte von 50 Prozent: Duty Free gibt’s nicht nur an Flughäfen, sondern auch in Europas Ferienorten. Das sollten Sie bei der Buchung Ihres nächsten Ski-Urlaubes beachten.

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          Das Tiroler Ischgl ist ein weltweit bekanntes Eldorado für Skifahrer: Mehr als 40 Lifte und Bahnen und mehr als 200 Pistenkilometer finden sich dort – eines der größten Gebiete in Österreich – und eine international berüchtigte Après-Ski-Szene an der Talstation. Aber die größte Besonderheit überrascht den Skifahrer in 2700 Meter Höhe, wenn er die Sesselbahn verlässt. Dort steht ganz unvermittelt ein verschneiter Container, ein Zollhäuschen. Das hat der österreichische Zoll aufgestellt, denn wenige Meter weiter ist die Europäische Union zu Ende, und die Schweiz beginnt.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Skifahrer nehmen das kaum wahr, sie fahren einfach hinüber ins Nachbarland, denn das Skigebiet ist grenzüberschreitend mit einem gemeinsamen Ticket zu entdecken. Die Fahrt ins Engadin hat seinen Reiz, die Berghütten locken mit Rösti und anderen Schweizer Leckereien. Aber sie bietet noch eine andere Besonderheit: Eine Shoppingtour am Rande der Piste, unten im Dorf Samnaun. Die ist attraktiv, denn die Preise liegen deutlich unter denen in Österreich oder Deutschland. Vor allem Tabak gibt es deutlich billiger. Die Stange Zigaretten gibt es zum halben Preis, auch Alkohol, Parfum und Süßwaren sind teilweise etwas günstiger, wie ein Preistest der F.A.S. zeigt.

          Das liegt am speziellen Status von Samnaun: Denn die 800-Seelen-Gemeinde ist zollfreies Gebiet. Dieses Privileg hat sie seit 1892. Sie war damals nur von Tirol aus erreichbar, es fehlte eine Zufahrtstraße von der Schweiz aus. Die Zentralisation des schweizerischen Zollwesens im Jahre 1848 setzte dem Handel mit Tirol schlagartig ein Ende. Damit verloren die Einwohner von Samnaun eine wichtige Einnahmequelle. Die Zollfreiheit sollte ein Ausgleich dafür sein. Auch nach Bau einer Straße von der Gemeinde in die restliche Schweiz 1912 durften die Bewohner das Privileg behalten.

          Es hat heute zur Folge, dass auf die Waren nur sehr wenige Abgaben erhoben werden. Diesen Preisvorteil geben die Händler weiter und haben ein Geschäftsmodell daraus gemacht. Der Duty-Free-Verkauf, den die Touristen vor allem von den Flughäfen kennen, ist einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren der Gemeinde. Überall im Skigebiet wird dafür geworben. Rund 50 Läden gibt es mittlerweile im Ort, der direkt mit Skiern durchfahren, aber auch per Seilbahn von Ischgl erreicht werden kann. Wer dann mit seinen Einkäufen wieder nach Österreich kommt, muss die erlaubten Freimengen und Freibeträge von 300 Euro beachten, damit die Waren nicht nachträglich versteuert werden müssen. Deswegen hat der österreichische Zoll im Skigebiet ein Zollhäuschen aufgestellt, das aber meist leer ist. Er kontrolliert die Skifahrer auf Skiern.

          Samnaun ist nicht das einzige Gebiet in Europa, das wegen Sonderregelungen für Zoll und Steuern zu einem Einkaufsparadies für Touristen geworden ist. In den Alpen gibt es Ähnliches noch im norditalienischen Skigebiet Livigno an der Grenze zur Schweiz, gar nicht so weit weg von Samnaun. Aber auch in wärmeren Gefilden locken solche Shoppingidyllen. Zum Beispiel auf den Kanarischen Inseln, in Gibraltar oder am Berg Athos in Griechenland, in Nordzypern oder den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla in Nordafrika. Oder nördlicher auf den britischen Kanal- sowie den finnischen Ålandinseln. Und in den außereuropäischen Gebieten Frankreichs (etwa Martinique) und den Niederlanden (Curaçao). Und sogar in Deutschland auf Helgoland und in Büsingen bei Basel.

          Zollrechtliche Ausnahmen auf europäischer Ebene

          Diese Gebiete gehören alle staatsrechtlich zur Europäischen Union (bis auf Samnaun), aber nicht zum europäischen Zollgebiet oder zumindest nicht zum EU-Steuergebiet, in dem Mindestsätze für Verbrauchs- und Mehrwertsteuern gelten. Sie können dann zwar lokale Abgaben erheben, tun dies aber oft nicht, um den Einzelhandel anzukurbeln. Der Sonderstatus ist überall Jahrzehnte alt und blieb auch erhalten, als der Duty-Free-Verkauf im europäischen Binnenmarkt 1999 abgeschafft wurde. Begründet wurde das in der Regel mit einer geographischen Benachteiligung, sei es als Insel oder als entlegenes Dorf in den Bergen. Schon auf dem Weg in diese Sondergebiete können Touristen zoll- und steuerfrei einkaufen, nämlich über den Bordverkauf in Flugzeugen und auf Kreuzfahrtschiffen, wenn sie das europäische Hoheitsgebiet verlassen. Für diese beiden Wege gelten sogar höhere Freigrenzen, für jeden Reisenden sind es insgesamt 430 Euro.

          Für Skifahrer ist Samnaun wohl das attraktivste Duty-Free-Gebiet, weil das bekannte Ischgl vor der Haustür liegt. Aber es ist nicht das günstigste. Ein Anruf in Gibraltar beim dort führenden Tabakgeschäft zeigt: Hier kostet die Stange Zigaretten noch mal acht Euro weniger als in Samnaun. Dafür sind die angefragten Whisky-Sorten, die es in Samnaun und den Flughafenläden gibt, in Gibraltar gar nicht immer erhältlich, dafür andere Marken. Auch auf den Kanaren sind Zigaretten acht Euro günstiger, das Parfum aber sogar teurer. Ein Vergleich mit Duty-Free-Läden am Frankfurter Flughafen zeigt: Der Flughafen ist durchweg teurer als die Sondergebiete und teilweise sogar als die Läden in der Stadt. Im Bordverkauf der Flugzeuge ist es zudem zumindest nicht günstiger als in diesen Gebieten.

          Typisch ist zudem: Tabak und manchmal auch Alkohol bieten den größten Preisvorteil gegenüber deutschen Geschäften, weil sie hierzulande mit hohen Verbrauchsteuern belegt werden. Die Mehrwertsteuer fällt in den Duty-Free-Gebieten zusätzlich weg. Elektronik hingegen ist oft im Internet günstiger als im Duty-Free-Laden. Bei Medikamenten und Pflanzen müssen weitere Einfuhrbeschränkungen beachtet werden.

          Die erlaubten Freigrenzen und Freimengen gelten pro Person, und man kann dabei nicht die Freibeträge der anderen Familienmitglieder übernehmen. Will jeder seine Freigrenzen nutzen, sollten die Waren auch in getrennten Koffern transportiert werden. Dann aber kann kräftig gespart werden.

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