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Abseits der Börse : Chinas Kunstmarkt ist eine Spielwiese für Geldwäsche

Die Art Basel in Hongkong ist gut besucht. Bild: dpa

Auf der Art Basel in Hongkong tummeln sich die Superreichen. Nicht allen Käufern geht es um die Werke selbst.

          5 Min.

          Zwei Stunden nachdem am Mittwoch die Türen für geladene VIP-Gäste in der Kongresshalle am Victoria-Hafen geöffnet haben, herrscht an den Ständen von Asiens größter Kunstmesse reger Betrieb. Richtig voll ist es aber nur in einem Nebenraum der Art Basel Hongkong: in der „Sammler-Lounge“, wo die Sponsoren betuchten Käufern Champagner und Kanapees reichen.

          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Die MGM-Spielbank aus dem chinesischen Zockerparadies Macau, betrieben von der Tochter von Kasino-König Stanley Ho, bittet Asiens reiche Kunstsammler auf weiße Ledersofas. Der Schweizer Uhrenhersteller Audemars Piguet, die zu Beiersdorf gehörende Luxuskosmetikmarke La Parairie, der italienische Superyachtbauer Sanlorenzo: sie alle werben um die Besucher der weltberühmten Messe für Gegenwartskunst, am dritten Standort neben den Schauen im amerikanischen Miami und am Herkunftsort an der Grenze zu Deutschland.

          Wer im hinteren Teil der „Sammler-Lounge“ die Rolltreppe hinauf will zum Hauptsponsor, dem verweigern die Sicherheitsleute trotz VIP-Pass den Zutritt. Dort oben, im vierten Stock, hält die UBS Hof. Menschen, die bei dem global größten Vermögensverwalter mindestens 5 Millionen Dollar angelegt haben, werden eigentlich fürsorglich umworben von den Beratern der „Private Wealth“-Abteilung, des größten Geschäftsfelds der Schweizer Bank. Doch für eine Einladung in die „UBS Lounge“ auf der Art Basel reicht es nicht, einfacher Millionär zu sein.

          Dort hängen an der Wand Bilder aus der unternehmenseigenen Kunstsammlung, mit 35 000 Werken eine der größten der Welt und unverkäuflich. An Holztischen sitzen auf graubezogenen Designersesseln elegant gekleidete Chinesinnen neben ihren Männern in schwarzen Prada-Shirts zu 1000 Dollar das Stück: die Reichsten der Reichen der Volksrepublik China.

          Superreiche in China schätzen moderne Kunst

          Martin Blessing tritt kurz an den Tisch und sagt „Hallo“, dann verschwindet er in einem Nebenraum, vor dem noch mehr Sicherheitsmänner mit Knopf im Ohr stehen als im Rest der Lounge. Der frühere Commerzbank-Chef ist bei UBS als Präsident des „Private Wealth“ dafür zuständig, die Superreichen zu charmieren. Davon gibt es in China reichlich: 373 Dollar-Milliardäre zählte Ende Oktober eine UBS-Studie auf. Seitdem dürften es noch einmal mehr geworden sein, auch wenn der Einbruch des chinesischen Aktienmarkts um ein Fünftel im vergangenen Jahr viele Vermögen geschmälert hat. Im Schnitt bringt die Volksrepublik jede Woche zwei neue Milliardäre hervor. Weltweit leben bereits ein Fünftel der Superreichen in China.

          Schon länger haben diese moderne Kunst als eine Anlageklasse zu schätzen gelernt, die zuverlässiger ist als der Aktienmarkt und mitunter höhere Renditen abwirft. Zum siebten Mal findet die Art Basel in Hongkong statt. Die Stadt hat sich zum Zentrum für Asiens Kunstindustrie entwickelt. Der Grund ist jenseits der Grenze der Insel und Sonderverwaltungszone zu finden, auf dem Festland. Auf China, rechnet der diesjährige „Art Market Report“ von UBS und Art Basel vor, entfiel im vergangenen Jahr ein Fünftel des weltweiten Umsatzes mit Kunst. In Zahlen: 12,9 Milliarden Dollar wurden dort mit dem Verkauf von Gemälden und anderen Werken erzielt. Damit steht das Land in der Kunstwelt hinter den Vereinigten Staaten und Großbritannien an dritter Stelle.

          Bis vor fünfzehn Jahren war Kunst als Anlageklasse in China weitgehend unbekannt und ist deshalb bis heute wenig reguliert. Dass die Verkäufe chinesischer Kunst in den vergangenen Jahren regelrecht in die Höhe geschossen sind, hat auch damit zu tun, dass sich leicht Geld waschen lässt mit Waren, deren Wert kein Zollbeamter einzuschätzen vermag: wer kann schon sagen, ob eine Kalligraphiezeichnung tatsächlich am Markt die 1 Million Dollar erzielen würde, die der Käufer im Hongkonger Auktionshaus bezahlt hat?

          Zu völlig übertriebenen Preisen versteigert

          Der frühere UBS-Banker Bradley Birkenfeld schmuggelte einst die Diamanten seiner Klienten in Zahnpastatuben an den Steuerbehörden aus dem Land. Dass es eleganter ist, sein Geld mit Hilfe von extrem hohen Rechnungen für Kunstwerke aus abgeriegelten Währungsräumen hinauszubewegen, haben Chinas Reiche früh gelernt. Allein zwischen 2009 und 2011 stiegen die Preise für Kunst in China so schnell wie in keiner anderen Region auf der Welt, um weit über 300 Prozent. Nirgendwo sonst erzielte der Kunstmarkt mehr Umsatz.

          Obskure Tuschezeichnungen völlig unbekannter Künstler wurden in den Auktionshäusern zu völlig übertriebenen Preisen versteigert, was es mitunter ermöglichte, den Verkäufer des eigentlich wertlosen Werks – einen einflussreichen Beamten – zu bestechen und den Geldkreislauf auf diesem Weg zu verschleiern. In China hat sich ein eigenes Wort dafür eingebürgert: „Yahui“ – was so viel heißt wie „elegante Korruption“. Eine „ideale Spielwiese für Geldwäsche“ nennt das Basel Institute on Governance den Kunstmarkt, eine Nichtregierungsorganisation, die über Korruption aufklärt.

          Seitdem Staatspräsident Xi Jinping mit Hilfe seiner Antikorruptionskampagne Hunderttausende Kader, aber auch Privatunternehmer verfolgen lässt, ist den Besuchern der Art Basel in Hongkong Diskretion sehr viel wichtiger als früher. Wer in der UBS-Lounge in der Kunstmesse Bilder macht, den blicken die schwarz gekleideten Männer mit Knopf im Ohr scharf an.

          Dass 2018 der Umsatz der in Hongkong auf Auktionen verkauften Kunstwerke um fast ein Viertel eingebrochen ist, könnte mit dem Skandal zu tun haben, der im vergangenen Jahr wie eine schwarze Wolke über der Art Basel hing. Wenige Wochen zuvor war am New Yorker John F. Kennedy-Flughafen der Hongkonger Sicherheitschef des Auktionshauses Christie’s verhaftet worden. Der Vorwurf: Der frühere CIA-Mitarbeiter habe im Auftrag der chinesischen Regierung in Peking spioniert. Dass es dabei vor allem um den Verrat von in Diensten Amerikas stehenden Geheimdienstmitarbeitern in China gegangen sein soll, vermochte die chinesischen Kunstkäufer kaum zu beruhigen – wer weiß schon, welche Informationen der Auktionshaus-Sicherheitschef über seine Kunden aus der Volksrepublik an die Steuerbehörden und Währungshüter in Peking weitergegeben hatte?

          Internationale Galerien in bester Lage

          Beobachter gehen davon aus, dass der Großteil der Käufe und Verkäufe auf dem gereiften Kunstmarkt in China mittlerweile legal ist. In Hongkong bieten die Käufer inzwischen nicht nur in den Auktionshäusern. International bekannte Galerien wie Hauser & Wirth aus Zürich und David Zwirner aus New York haben in bester Lage im eigens für die Kunst errichteten Glaspalast „H Queen’s“ Verkaufsräume eröffnet.

          Die Kunstberaterin Daphne Neimann, die für vermögende Käufer nach Objekten sucht, sagt, dass auf der diesjährigen Art Basel in Hongkong vermehrt jüngere Chinesen anzutreffen seien, die im Ausland studiert hätten, gut Englisch sprächen und auf den einschlägigen Szenepartys echtes Interesse an der Kunst zeigten. Auch in der Finanzszene der Stadt ist davon die Rede, dass jüngere, reiche Chinesen mittlerweile zu erkennen gäben, für ein einzelnes Kunstwerk bis zu 50 Millionen Dollar ausgeben zu wollen. Studien sprechen davon, dass die jüngere Sammlergeneration anstelle chinesischer Malerei und Handwerk vermehrt Kunst aus dem Westen kaufe.

          In der 400 Seiten starken UBS-Studie über Chinas Kunstmarkt taucht das Wort „Geldwäsche“ nur ein einziges Mal auf: Die Regulatoren würden mittlerweile stärker dagegen vorgehen. Vor kaum etwas hat Peking in Zeiten des Handelskonflikts mit Amerika so sehr Angst wie vor massenhaftem Kapitalabfluss aus dem eigenen Land. Erst im Februar verschärfte die Regierung die Strafen für illegalen Geldtransfer über die Grenze erheblich.

          Wer angesichts dessen in China seine im Ausland erworbene Kunst vielleicht erst einmal behalten und nicht zu Geld machen will, für den hat Chinas Immobilienwirtschaft gewohnt schnell schon ein Angebot geschaffen: Neu gebaute Luxusvillen wie etwa im Resort Amanyangyun in einem Außenbezirk Schanghais, die Käufer für umgerechnet 20 Millionen Euro erwerben können, sind großflächig unterkellert – für die eigene Kunstgalerie, den angrenzenden Panikraum mit Panzertür inklusive.

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