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Altersvorsorge : Chemieindustrie schließt erstes Sozialpartnermodell

Kampagnenfähig und pragmatisch: Die Gewerkschaft IG BCE ist seit jeher bereit zu innovativer Tarifpolitik. Bild: dpa

Vier Jahre hat es gedauert, bis die Idee einer „Nahles“-Rente erstmals umgesetzt wird. Die Chemieindustrie erhofft sich davon Entlastung. Den Arbeitnehmern winken höhere Renditechancen bei stärkeren Schwankungen der Kapitalanlage.

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          Die Versicherer wären schon im März vor vier Jahren lieferfähig gewesen. Damals stellte die R+V Versicherung vor der Presse ihr Modell vor, mit dem sie die Nahles-Rente umsetzen wollte. Die Reform der Betriebsrenten war gerade zwei Monate zuvor in Kraft getreten, und die Hoffnung der Politiker und der Finanzbranche bestand, dass sich Tarifparteien nun bald auf solche Einrichtungen der Altersvorsorge einigen würden, die erstmals auf Beitragsgarantien verzichten durften, um Arbeitgeber von Haftungsrisiken zu entlasten und Arbeitnehmern höhere monatliche Renten durch chancenreichere Kapitalanlagen zu ermöglichen.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Nun sind vier Jahre vergangen, die Erfinderin des Sozialpartnermodells ist nach einem politischen Absturz inzwischen wieder oben – an der Spitze der Bundesagentur für Arbeit – angekommen, und tatsächlich hat sich eine erste Branche darauf geeinigt, eine Nahles-Rente einzuführen. Für Beobachter des Tarifgeschehens kommt es nicht überraschend: Wieder einmal ist es die Chemiebranche, in der ein innovatives Finanzinstrument zuerst ausprobiert wird. Die Gewerkschaft IG BCE setzt seit jeher auf Kooperation mit den Arbeitgebern, kommt seit Jahrzehnten ohne Streiks aus und ist auch in tarifpolitischen Fragen häufig Pionier – mit Langzeitkonten oder der Einrichtung einer betrieblichen Pflegeversicherung für alle Beschäftigten.

          Nun haben sich die Gewerkschaft und der Arbeitgeberverband BAVC in der vergangenen Woche auf Eckpunkte eines Tarifvertrags geeinigt. Es ist beschlossen, das erste Sozialpartnermodell auf Branchenebene einzuführen. Partner wird – wie in der betrieblichen Pflegeversicherung und im Chemie-Versorgungswerk – die R+V Versicherung sein. Diese kündigt an, nun Voraussetzungen zu schaffen, um im Jahr 2022 ein Sozialpartnermodell für Neuzugänge zu schaffen.

          Niedrigzins hat Chemie-Pensionsfonds zurückgeworfen

          Der Chemie-Pensionsfonds tat sich wie alle Einrichtungen der Altersvorsorge schwer, im Niedrigzins ausreichend Erträge zu erwirtschaften. Deshalb kam die Diskussion auf, ob die Mindestleistung für Pensionäre in diesem Jahr auf 92,5 Prozent abgesenkt werden muss. Bei einer Senkung müssten Arbeitgeber für die Lücken geradestehen. Deshalb haben sie Interesse an dem Sozialpartnermodell, in dem sich Tarifparteien darauf einigen können, eine garantiefreie Rente anzubieten und gemeinsam für die Richtlinien der Kapitalanlage einzutreten.

          Die reine Beitragszusage entlastet Unternehmen vom Haftungsrisiko und überträgt das Risiko, Schwankungen in den Kapitalerträgen zu erleben, auf Arbeitnehmer. Im Gegenzug muss das Geld durch den Verzicht auf Garantien nicht mehr so sicherheitsorientiert angelegt werden und hat – vor allem auf lange Sicht – die Chance auf höhere Wertsteigerungen.

          In der Chemiebranche sind die Arbeitgeber nun bereit, ein zusätzliches Vermögen von 5 Prozent der eigenen Beiträge aufzubauen. Damit wollen sie sicherstellen, dass Arbeitnehmer keine Verluste durch einen ungünstigen Zeitpunkt des Renteneintritts erleiden müssen. Davon abgesehen, verpflichtet das Gesetz von Nahles die Unternehmen dazu, ihre Sozialversicherungsersparnis pauschal an Arbeitnehmer weiterzureichen.

          Pensionskassen mit Sozialpartnermodellen

          In der Chemieindustrie verantwortet der brancheninterne Pensionsfonds derzeit rund ein Viertel der Altersvorsorgeleistung. Zudem gibt es große Pensionskassen von Unternehmen wie Bayer oder dem ehemaligen Hoechst-Konzern. Diese Einrichtungen können in Absprache mit ihren Betriebsräten ebenfalls Sozialpartnermodelle einführen.

          Noch einen Schritt weiter sind die Gewerkschaft Verdi und der Versicherer Talanx (als Arbeitgeber und Produktgeber). Sie warten auf die Genehmigung der Finanzaufsicht Bafin für eine reine Beitragszusage. Nach Auskunft einer Talanx-Sprecherin verzögert sich der Start dieser Konzernlösung wegen einer übergeordneten juristischen Frage im Zusammenspiel von Tarifvertrags- und Versicherungsaufsichtsrecht. Nach einer Klärung werde die Einführung für alle künftigen Modelle einfacher.

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