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Anleger im Jahr 2020 : Krisen, Aktien und die grüne Welle

Sie will die europäische Geldpolitik anlegerfreundlicher machen: EZB-Chefin Christine Lagarde Bild: Reuters

Das Jahr 2020 wird eine Herausforderung für Anleger: Negativzinsen machen kurzzeitige Investitionen unattraktiv, Selbstläufer gibt es nicht. Ein paar Renditechancen aber schon – gerade beim Thema Nachhaltigkeit.

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          Die Weichen für das Jahr 2020 wurden für Anleger schon im Herbst 2019 gestellt – und zwar von Mario Draghi als EZB-Präsident. Viele hatten sich tatsächlich auf eine allmähliche Abkehr der ultralockeren Geldpolitik eingestellt, doch es sollte anders kommen. Mit dem Zementieren der niedrigen Zinsen und der Wiederaufnahme des Anleiheankaufprogramms ist die Geldpolitik der kommenden Jahre festgelegt.

          Inken Schönauer

          Redakteurin in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Die neue EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat nun erst einmal wenig Spielraum. Auch wenn sie es in den vergangenen Wochen zumindest geschafft hat, die Stimmung im EZB-Rat, aber auch bei den Bankern und in der gesamten Finanzindustrie aufzuhellen – am Zinsumfeld wird sich so schnell nichts ändern. Ihr erster Auftritt in der EZB am Donnerstag machte deutlich, dass sie sich der Nebenwirkungen der derzeitigen Zinspolitik durchaus bewusst ist. Bei der anstehenden Überprüfung der EZB-Politik werde „jeder Stein umgedreht“, aber eine Kehrtwende ist erst mal wirklich nicht zu erwarten.

          Aktiensteuer könnte die Falschen treffen

          Für Anleger bedeutet dies konkret, dass auch das Jahr 2020 ein Jahr der Aktien wird – gerade in der privaten Vorsorge und gerade in Deutschland. Deswegen wurde hierzulande auch mit Stirnrunzeln zur Kenntnis genommen, dass Finanzminister Olaf Scholz die Finanztransaktionssteuer aus dem Hut zauberte. Als „Totengräber der Aktienkultur in Deutschland“ musste er sich daraufhin von einigen Kommentatoren bezeichnen lassen.

          Immerhin 0,2 Prozent will er als Steuern einnehmen, wenn ein Unternehmen einen Börsenwert von mindestens 1 Milliarde Euro hat – die sogenannten Hochfrequenzhändler sind aber von dieser Idee bisher ausgenommen. Die Kritik, dass die neue Steuer ausgerechnet die treffen könnte, die eben mit Aktien versuchen Vorsorge zu treffen, scheint tatsächlich nicht ganz unberechtigt.

          Der Handelsstreit wird uns weiter beschäftigen

          In den Kapitalmarktausblicken der Banken und Investmenthäuser spielen Aktien dann angesichts der weiter niedrigen Zinsen auch eine besondere Rolle, denn mit einem Anlagehorizont von mehreren Jahren oder Jahrzehnten sind Aktien noch immer starke Renditebringer. Immer wieder wird darauf hingewiesen, sich von den Kursschwankungen nicht nervös machen zu lassen. 2018 war für Anleger ein eher schwaches Börsenjahr, 2019 hat die Verluste wieder wettgemacht – wenn man denn dabeigeblieben ist.

          China dürfte 2020 noch mehr in den Fokus rücken. Zum einen mit Blick auf den Handelsstreit mit Amerika. Alle Experten sind sich einig, dass auch im nächsten Jahr vielleicht einige Trippelschritte – wie auch der jüngste - gemacht werden. Von einem Lösen des Grundkonflikts zwischen China und Amerika ist man aber noch weit entfernt – falls das überhaupt geht. Zum anderen ist der wirtschaftliche Aufstieg Chinas durchaus auch in verschiedenen Börsenindizes abzulesen, die die globalen Finanzmärkte und die Schwellenländer nachbauen. Da der Handelskonflikt viele Anleger vorsichtig sein lässt, könnte sich dabei möglicherweise so manches Einstiegspotential ergeben. Das gilt übrigens auch für andere Schwellenländer.

          Die Konkurrenz schläft nicht

          Im Jahr 2020 werden die sogenannten Megatrends noch mehr an Bedeutung gewinnen, auch wenn sich das Wort „mega“ ja eigentlich gar nicht steigern lässt. Dazu gehört ganz sicher das Thema Mobilität. Die Turbulenzen rund um die Elektromobilität allein bei den deutschen Autoherstellern haben 2019 mehr als nur einen Vorgeschmack darauf gegeben, was in diesem Sektor noch zu erwarten ist. Die Tatsache, dass Tesla nun in der Nähe von Berlin ein Werk bauen lässt, hat der deutschen Autobranche gezeigt, dass die Konkurrenz längst dabei ist, auch in Deutschland ein großes Rad zu drehen.

          Ob BMW, Daimler und Co. daran mitdrehen können, ist noch längst nicht ausgemacht. Doch die Mobilität endet nicht beim Auto. Letztlich geht es darum, wie die Menschen sich in Zukunft fortbewegen, aber eben auch darum, wie und wo sie wohnen und arbeiten. Das erfordert die Konzepte der „Smart Cities“ und geht mit viel neuer Infrastruktur und Digitalisierung einher. Gerade die Infrastruktur dürfte dabei auch so manche Anlagechance im Jahr 2020 bieten.

          Investitionen in die Zukunft

          Dabei muss kein deutscher Anleger allzu weit in die Ferne schweifen. Deutschland hat einen immensen Nachhol- und Erneuerungsbedarf, was die analoge Infrastruktur wie Brücken oder Straßen genauso betrifft wie die digitale Ausstattung. Dabei mögen viele den 5G-Standard diskutieren; in vielen Bereichen des Landes geht es aber darum, überhaupt irgendeine Art der Anbindung an Mobilfunk zu bekommen. Das ist auf dem Land in Baden-Württemberg nämlich mitunter genauso schwierig wie an der Seenplatte Mecklenburg Vorpommerns.

          Renditechancen bietet zudem die Nachhaltigkeit. Mit dem „Green Deal“ hat die neu ins Amt gewählte Europäische Kommission ein weiteres Kapitel aufgeschlagen. Den Investoren und Finanzmärkten kommt dabei eine ganz besondere Rolle zu. Die Projekte werden nur dann realisiert werden können, wenn sie auch finanziert werden. Schon jetzt ist dabei allen klar, dass es vor allem privates Kapital sein wird, das die Finanzierung vorantreibt. Bisher hat es eine große Unsicherheit gegeben, wie sich nachhaltige Anlagen denn überhaupt seriös bemessen lassen. Im kommenden Jahr wird die begonnene Standardsetzung der Europäischen Kommission, die sogenannte Taxonomie, weiter Gestalt annehmen. Das wird Investoren mehr Planungssicherheit bringen.

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