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Baukredite : Bundesbank widerspricht Sparkassen

Wird es schwerer, an Kredite für Wohnungen zu kommen? Neubauten in Heidelberg. Bild: Max Kesberger

Die Sparkassen klagen, dass aufgrund eines neuen Gesetzes deutlich weniger Menschen in Deutschland an einen Baukredit kämen. Die Bundesbank hält mit neuen Zahlen dagegen.

          Es klingt tragisch und nach einem schweren Missstand: Gerade ältere Menschen und Familien, die sich dringend ein eigenes Haus wünschen, kämen neuerdings in Deutschland viel schwerer an einen Baukredit, beklagen Deutschlands Sparkassen. Verantwortlich machen sie dafür die Wohnimmobilienkreditrichtlinie, eine europäische Regelung, die seit März auch in deutsches Recht umgesetzt ist. Es ist in der Finanzbranche weitgehend unumstritten, dass diese Richtlinie, die den Banken Vorgaben für die Prüfung von Kreditanträgen macht, für viel zusätzlichen bürokratischen Aufwand sorgt.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die große Frage aber ist: Haben die neuen bürokratischen Hürden dazu geführt, dass jetzt tatsächlich viel weniger Leute in Deutschland an einen Baukredit kommen? Sparkassen und Volksbanken meinen das. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband hat dazu Zahlen vorgelegt, denen zufolge die 408 Sparkassen in Deutschland im ersten Halbjahr 2016 immerhin 8,9 Prozent weniger Baukredite zugesagt hätten als im Vorjahreszeitraum. In einer Zeit, in der vielfach vom „Immobilienboom“ oder sogar von einer „Immobilienblase“ in Deutschland die Rede ist, wäre es immerhin bemerkenswert, wenn das Baufinanzierungsgeschäft einen derart deutlichen Einbruch erlitten hätte.

          Die Deutsche Bundesbank ist dem allerdings jetzt entgegengetreten. Einen solchen Einbruch der Baufinanzierungen habe es zumindest über die gesamte Bankenbranche in Deutschland hinweg nicht gegeben. Im Gegenteil: Wie aus aktuellen Zahlen der Bankbilanzstatistik hervorgehe, hätten die Kredite für Wohnimmobilien in Deutschland auf zwölf Monate gerechnet eine Steigerungsrate von knapp vier Prozent aufgewiesen. Damit seien nicht nur mehr Kredite für Wohnimmobilien vergeben worden, auch die Wachstumsrate habe sogar noch weiter zugenommen. Ende 2015 habe die Steigerungsrate auf Zwölf-Monats-Basis bei rund 3,5 Prozent gelegen. Sie habe sich also im Verlauf des Jahres 2016 sogar noch leicht erhöht.

          Bisher keine detaillierten Statistiken zu Krediten für Wohnimmobilien

          Detaillierte Statistiken dazu, wer von wem wie viel Kredit für Wohnimmobilien bekommt, gibt es in Deutschland bislang nicht. Die Frage, ob innerhalb des wachsenden Marktes für solche Kredite bestimmte Zielgruppen wie Familien oder Ältere seltener vertreten sind, lässt sich zumindest anhand der offiziellen Statistiken nicht klären. Die Bundesbank setzt sich derzeit dafür ein, in Deutschland ein Kreditregister für Wohnimmobilien zu schaffen. Ein entsprechender Gesetzesentwurf ist in Berlin in Vorbereitung, über die Ausgestaltung wird aber noch diskutiert.

          Auffällig war, dass zwar die Sparkassen geklagt hatten, Ältere und Familien kämen jetzt schwieriger an Baukredite, dass aber Verbraucherschützer durch die Bank gesagt hatten, das sei kein großes Problem. „Es gab einzelne Fälle von Beschwerden in den Verbraucherzentralen, es ist aber kein flächendeckendes Problem“, sagte Frank-Christian Pauli vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Denkbar wäre natürlich, dass die Verbraucherschutzorganisationen, weil sie als Lobbyisten an der Entstehung des Gesetzes im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz mitgewirkt haben, nun ihrerseits befangen sein könnten und mögliche negative, nichtintendierte Auswirkungen des Gesetzes nicht wahrhaben wollen. Bei einem Vermittlungsgespräch (Runder Tisch) zu dieser Frage am Dienstag in Berlin jedenfalls konnten sich die beteiligten Gruppen nicht auf eine abschließende Lösung verständigen.

          Der Regensburger Immobilienökonom Steffen Sebastian sagte dazu, er sei der Meinung, die Auflagen der Wohnimmobilienkreditrichtlinie seien in der Tat zu bürokratisch: „Die Regelungen bedeuten viel Aufwand, erreichen ihr Ziel aber nicht.“ Er glaubt, die Berater in den Sparkassen hätten sich vorsichtshalber mit neuen Baufinanzierungen zurückgehalten, weil sie Angst vor einer möglichen Haftung hätten. Die Schwierigkeit wäre demnach vor allem eine unterschiedliche Auslegung der neuen Gesetzeslage in unterschiedlichen Kreditinstituten. „Eine Sorge der Berater in den Sparkassen ist, dass neue Haftungsrisiken auf sie zukommen“, meint Sebastian. „Manche Sparkassen verzichten offenbar lieber auf Geschäft, als diese Risiken in Kauf zu nehmen.“

          Größere Kreditinstitute haben keine Einbrüche im Baukreditgeschäft

          Andere, vor allem größere Kreditinstitute berichten von weniger Schwierigkeiten. Die Commerzbank hat keinen Einbruch des Baukreditgeschäfts registriert, und auch die Direktbank ING-Diba berichtet von einem „florierenden“ Geschäft. „Bei manchen regionalen Instituten mag man bei Kreditanträgen in der Vergangenheit vor allem auf die Immobilie als Sicherheit geachtet haben“, vermutet Thomas Hensgen von der ING-Diba. „Das funktioniert nach den neuen Regeln nicht mehr.“ Jetzt werde eine stärkere formale Prüfung der Bonität des Kreditnehmers verlangt – das erfordere bei regionalen Banken unter Umständen eine größere Umstellung als bei großen überregionalen Häusern.

          Aber selbst die Volksbanken können keinen Rückgang des Baufinanzierungsgeschäfts vermelden, obwohl auch sie sich sehr kritisch mit der neuen Richtlinie auseinandersetzen. Im Gegenteil, per Juni 2016 seien die Wohnungsbaukredite im Privatkundengeschäft der Kreditgenossenschaften im Vergleich zum Vorjahresquartal um 5,8 Prozent auf 215 Milliarden Euro gestiegen. Die Volksbanken argumentieren nun so: Ohne das neue Gesetz wären es womöglich noch mehr gewesen – die starken Effekte der Niedrigzinsphase „überlagerten“ die Effekte der Richtlinie.

          Aus der Politik gibt es mittlerweile Forderungen, zumindest gegen die Rechtsunsicherheit etwas zu tun. Die rechts- und verbraucherpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Elisabeth Winkelmeier-Becker, und die finanzpolitische Sprecherin, Antje Tillmann, forderten am Freitag Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) öffentlich auf, die „rechtlichen Unsicherheiten sowohl für die Banken als auch für die Kreditnehmerinnen und Kreditnehmer rasch zu beseitigen“.

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