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Noch 30.000 Zweigstellen : Das Sterben der Bankfilialen beschleunigt sich

Kunden stehen an Bankautomaten, um Bargeld zu ziehen – und nutzen immer seltener den Service in Bankfilialen. Bild: dpa

Bis zum Jahr 2030 fällt jede zweite Bankfiliale weg. Das liegt jedoch lange nicht nur an der Digitalisierung.

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          Das Sterben der Bankfilialen wird sich in den kommenden Jahren beschleunigen. Die Berater von Oliver Wyman schätzen, dass bis zum Jahr 2030 die deutschen Banken und Sparkassen fast jede zweite Filiale schließen werden. Sind es derzeit noch 29.700 Filialen, dürften es nach dem kommenden Jahrzehnt nur noch 15.800 sein, wie aus einer Oliver-Wyman-Studie hervorgeht, die der F.A.Z. exklusiv vorliegt.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Im Jahr 2008 setzte die deutsche Kreditwirtschaft noch auf 41.700 Filialen, fünf Jahre später waren es nur noch 38.200. Seit dem Jahr 2013 sind weitere 8500 Zweigstellen weggefallen. Für René Fischer, Partner bei Oliver Wyman und einer der Autoren der Studie, klingen die Zahlen zunächst zwar alarmierend. Sie seien aber die logische Konsequenz aus der zunehmenden Digitalisierung sowie des Kosten- und Konsolidierungsdrucks.

          Derzeit zählt Deutschland mit 3,6 Bankfilialen je 10.000 Einwohner zu den Ländern mit der höchsten Filialdichte in Europa. Die geringste Filialdichte findet sich nach Angaben von Oliver Wyman in den nordeuropäischen Ländern Schweden, Finnland, Dänemark, dem Baltikum, Großbritannien und Irland. Hier gibt es im Durchschnitt weniger als zwei Filialen je 10.000 Einwohner.

          Ein Ausreißer ist Frankreich, das von den Großbanken BNP Paribas, Société Générale, Credit Agricole und Groupe BPCE fast vollständig kontrolliert wird. Trotz der hohen Bankenkonzentration gibt es noch immer 5,6 Filialen je 10.000 Einwohner, was einen Spitzenwert in Europa darstellt. Das dürfte aber auch an der geringen Bevölkerungsdichte in Frankreich liegen. Dort leben auf einem Quadratkilometer im Durchschnitt 122 Personen, während es in Deutschland mit 232 fast doppelt so viele sind.

          „Nicht nur die Digitalisierung führt zu Filialschließungen“, sagt Fischer im Gespräch mit der F.A.Z. Weitere wichtige Ursachen seien die Konsolidierung und der Druck auf die Erträge aufgrund der Niedrigzinsen. Im Februar 2018 hatte Oliver Wyman mit einer Studie zum Bankensterben in Deutschland für Aufsehen gesorgt.

          Kein Auslaufmodell

          Die Berater schätzten, dass bis zum Jahr 2030 nur noch 150 bis 300 Institute in Deutschland übrig bleiben werden. Ende 2018 waren es noch 1783 Banken und Sparkassen. „Banken stehen aufgrund der langanhaltenden Niedrigzinsphase und einer zunehmenden Konsolidierungswelle massiv unter Druck“, sagt Fischer. Seinen Angaben zufolge dünnen Banken in Konsolidierungen typischerweise die Filialnetze aufgrund von Überlappungen oder Synergie- und Skaleneffekten aus.

          Als in diesem Frühjahr Deutsche Bank und Commerzbank am Ende ergebnislos einen Zusammenschluss geprüft hatten, stand die hohe Zahl an Mitarbeitern und Filialen besonders im Mittelpunkt. Da beide Institute an ähnlichen Standorten vertreten sind, hätte eine gemeinsame Bank auf einen Großteil der Filialen und der dort beschäftigten Mitarbeiter verzichten können.

          Zudem stehen die deutschen Banken und Sparkassen seitens der Finanzaufsicht unter Druck, endlich ihre Kostenlage zu verbessern. Darauf weist zum Beispiel der Präsident der deutschen Finanzaufsicht Bafin, Felix Hufeld, regelmäßig hin. Jedoch warnt Fischer davor, überstürzt Filialen zu schließen.

          Diese seien trotz der Schließungswelle kein Auslaufmodell. „Die persönliche Beratung wird weiterhin notwendig sein in der Beziehung zwischen Kunde und Bank. Das gilt vor allem für komplexe Themen wie zum Beispiel Immobilienfinanzierungen“, sagt er. Zwar wünschten sich die Bankkunden, in Zukunft mehr Finanzdienstleistungen verstärkt über digitale Kanäle abwickeln zu können.

          Kundenverluste drohen

          Trotzdem erkenne die Mehrheit der Bevölkerung in der Filiale auch in Zukunft einen elementaren Bestandteil in der Beziehung zu einer Bank. So gingen rund 60 Prozent aller Kunden davon aus, die Filiale für die persönliche Beratung auch in drei bis fünf Jahren genauso oft oder sogar häufiger aufzusuchen. Gleichzeitig zögen 40 Prozent in Betracht, ihre Bank zu wechseln, sollte ihre Stammfiliale schließen.

          Nach Angaben von Oliver Wyman werden dadurch bis zum Jahr 2025 rund 6 Milliarden Euro und bis zum Jahr 2030 rund 8 Milliarden Euro an Kundenerträgen gefährdet. „Die Banken müssen lernen, welche Kunden sie an welchen Kontaktpunkten antreffen“, rät Fischer. Wenn Filialen geschlossen würden, müsse sichergestellt sein, dass die Kunden auf die digitalen Angebote ausweichen könnten.

          Ansonsten führen Filialschließungen zu weniger Kunden. Bei digital inaktiven Kunden betrage die Abwanderung im Zuge von Filialschließungen 15 Prozent, bei digital aktiven Kunden dagegen nur wenige Prozentpunkte bis unter 2 Prozent. Fischer empfiehlt den Banken eine Konzentration auf wertstiftende Beratungsaktivitäten vor Ort.

          Zusätzliche Angebote in den Filialen wie zum Beispiel die Cafe-Bar bringen nach seinen Worten nichts. „Sie kosten nur Zeit und Geld.“ Möglicherweise wird die klassische Bankfiliale in Zukunft zunehmend zu einem Beratungscenter umgebaut werden.

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