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Serie: „Anders Arbeiten“ : „Großraum hat ausgedient“

Durch die digitale Arbeitsweise haben wir über unsere kleinen vernetzten Rechner immer Zugriff auf unsere Inhalte und Dokumente. Das heißt, wir können jederzeit entscheiden, welche räumliche Situation für unsere Arbeit am besten geeignet ist. Der Vielfalt sind da keine Grenzen gesetzt. Wenn Sie mit einer kleinen Gruppe von Personen an einem Bericht arbeiten, womöglich sogar unter strenger Geheimhaltung, ist es sinnvoll, wenn Sie mit diesen Personen in einem Raum arbeiten. Auch bei der Projektarbeit gibt es Teams, die temporären Raumbedarf haben. Dort sitzen die Kollegen zusammen und haben die Unterlagen, Prototypen, Muster oder Ähnliches direkt zur Hand. Und selbstverständlich muss sich jeder einmal zurückziehen, um konzentriert zu arbeiten oder ein vertrauliches Telefonat führen zu können. Auch dafür brauche ich Räumlichkeiten, die verfügbar sind, am besten direkt nebenan. Es bringt nichts, in einem Stockwerk die eine Arbeitssituation zu schaffen, in einem weiteren die andere.

Das klingt aufwendig. Ein Gang voller Einzel- oder Zweierbüros und eine Kaffeeküche ist einfacher. Wird es jetzt kompliziert?

Die Unternehmen müssen sich mehr und auch strategische Gedanken machen. Früher war es nur entscheidend, genügend Arbeitsplätze in einer Fläche unterzubringen und einen gewissen Kostenrahmen nicht zu sprengen. Heute erkennt man, dass die Arbeitsumgebung die zukünftige Arbeitsweise und Unternehmenskultur unterstützen muss. Das ist nicht komplizierter, sondern räumlich vielfältiger als die herkömmliche Monostruktur. Es bedeutet in vielen Fällen aber auch, dass man den Mitarbeitern mehr Autonomie bezüglich Arbeitsort und Arbeitszeit gewähren muss. Man kann nicht von den Mitarbeitern verlangen, dass sie innovationsorientiert und flexibel arbeiten, und ihnen dann vorschreiben, dass sie von 9 bis 17 Uhr in ihren Büros sitzen und bitteschön genau dann kreativ sein sollen. Bei der Einführung neuer Arbeitsweisen spielen die Führungskräfte eine zentrale Rolle, sie sind Vorbild und Multiplikatoren. Sie bestimmen den Grad der Autonomie, das Maß an Vertrauen und die Art der Unternehmenskultur in der Organisation. Und dass sich Autonomie positiv auf das Wohlbefinden, die Motivation und die Performance der Mitarbeiter auswirkt, haben Studien immer wieder gezeigt.

Muss es in den neuen Büros denn unbedingt gemütlich zugehen?

Ich würde eher von Wohlbefinden sprechen. Es geht darum, dass die Arbeitsumgebung ergonomisch richtig und vom Ambiente her attraktiv ist. Es muss nicht jedes einzelne Büro aussehen wie ein Wohnzimmer. Aber es ist schon sinnvoll, in der Gesamtheit auch Räume zu haben, die einen gewissen Loungecharakter haben, wo ein informeller Austausch stattfinden kann.

Gibt es nicht auch zu viel Kommunikation?

Natürlich kann es das geben. Wir sehen in manchen Unternehmen eine Meeting-Kultur, die viele Mitarbeiter und Führungskräfte einen Großteil ihrer Arbeitszeit in Besprechungen verbringen lässt. Diese Personen haben dann in der normalen Arbeitszeit kaum noch die Möglichkeit, strategische Aufgaben anzugehen oder einfach nur die sonstigen Arbeiten zu erledigen. Wir müssen schon darauf achten, dass wir die Balance finden. Aber das ist eine übergeordnete Frage der Arbeitsorganisation und der Kommunikationskultur.

Für die Kommunikationskultur ist ja angeblich auch der Kickertisch wichtig. Braucht es das wirklich?

Ich halte viel von Arbeitsbereichen, in denen man auf andere Gedanken kommen kann oder sich spielerisch mit etwas auseinandersetzt. Es muss auch Phasen geben, in denen Mitarbeiter Abstand von der eigentlichen Aufgabe gewinnen können. Das kann der Kicker sein, die Möglichkeit, ins Grüne rauszugehen, oder ein Ruheraum. Jedenfalls sollten die Mitarbeiter hierbei mitreden können. Letztlich geht es ja nicht um den Kicker. Der ist nur ein Symbol dafür, dass das Unternehmen die Mitarbeiter wertschätzt.

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