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Anlagestrategien : Der trügerische Zeitgeist

Die dollargrüne Brille Bild: Getty

Wer in der Geldanlage den neuesten Moden folgt, hofft auf hohe Renditen. Doch das geht nur selten gut. Worauf sollten Sie als achten um nicht vom Strom mitgerissen zu werden?

          4 Min.

          Es war in den achtziger Jahren in Amerika, als Äpfel plötzlich zum großen Gesundheitsrisiko wurden. Schuld war das Pflanzenschutzmittel Alar, das auf vielen amerikanischen Äpfeln nachgewiesen wurde. Es galt plötzlich als krebserregend. Nach einer öffentlichen Kampagne wurde das Mittel verboten. Doch die Kampagne hatte enorme Folgen.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dazu muss man wissen: Alar ist für den Einzelnen nur in exorbitanten Mengen gefährlich, nämlich ab ungefähr 20.000 Litern Apfelsaft täglich. Doch ein öffentlicher Aufschrei, ein amerikanisches Fernsehmagazin und ein Kongressauftritt der Schauspielerin Meryl Streep kosteten Alar in Amerika seinen Ruf.

          Ein besorgter Bürger rief gar die Gift-Hotline an und fragte, ob er seinen Apfelsaft den Abfluss hinunterkippen könne oder ob er ihn zur Giftmülldeponie bringen müsse. Viele Eltern gaben ihren Kindern keine Äpfel mehr zu essen, und schadeten ihnen dadurch mehr, als ihnen der Genuss der Äpfel geschadet hätte. Doch für solche Abwägungen war kein Platz in einer Debatte, die vor allem aus dem Nachplappern von Ängsten bestand.

          Nicht jeder kann Experte sein

          Wer sich jetzt an die Diskussion um Glyphosat erinnert fühlt, liegt richtig. Wer an die New-Economy-Blase Anfang der 2000er Jahre denkt, liegt auch richtig. Es funktioniert aber auch umgekehrt: Wer nach dem Platzen der New-Economy-Blase den anderen nachplapperte, dass das Internet jetzt wirklich tot sei – der verpasste den sensationellen Erfolg der Google-Aktie.

          Dabei ist Nachplappern eigentlich gar keine schlechte Idee. Doch in der Kombination mit einem häufigen Denkfehler, der Verfügbarkeitsheuristik, wird es gefährlich. Den Hang der Menschen zum Nachplappern bezeichnen Forscher als Informationskaskade. Diese ist inzwischen in vielen Studien untersucht worden, zum Beispiel von Abhijit Banerjee vom Massachusetts Institute of Technology und von David Hirshleifer, Professor an der kalifornischen Universität Irvine.

          Die Idee dahinter ist recht einfach: Keiner kann alles wissen, jeder Einzelne weiß nur wenig – und wenn man sich selbst aufmachen würde, mehr zu erfahren, dann wäre das ziemlich kompliziert. Im Fall der Äpfel müsste jeder selbst eine Krebsstudie auf den Weg bringen oder doch wenigstens die verfügbaren Studien lesen. Bis man die erst mal versteht, muss man oft schon Experte geworden sein, und selbst dann kostet das Lesen noch viel Zeit.

          Deshalb sind die eigenen Informationen für die meisten Leute bruchstückhaft und unzuverlässig. Also ist es oft eine gute Idee, das eigene Wissen gar nicht so ernst zu nehmen, sondern auf die anderen zu hören: Wenn Meryl Streep sich über Äpfel ereifert, dann wird sie sich informiert haben – und dann kann man ihr glauben. Oder: Wenn Manfred Krug für die Telekom-Aktie wirbt, dann kann man die Aktie schon kaufen.

          Besser nicht gegen den Mainstream

          Solche Kaskaden können aber auch in die Irre führen. Wenn sich die ersten Leute täuschen, ohne dass es jemand merkt (so wie bei Meryl Streep damals), dann kann sich der Irrtum schnell festsetzen. Immer mehr Leute lassen sich überzeugen, immer mehr erzählen den Sachverhalt nach und verleihen damit der Geschichte eine trügerische Glaubwürdigkeit.

          Einige Leute mögen nach den ersten Nachrichten über krebserregende Äpfel den Berichten gegenüber noch skeptisch gewesen sein. Doch nachdem die Zweifler erst einmal zehn oder zwanzig Leute mit einer gegenteiligen Meinung gehört hatten, ließen sie sich letztlich doch überzeugen. So setzte sich mit der Zeit die Sichtweise einer einzelnen, berühmten Person durch.

          Das Ganze wird noch ungünstiger, wenn gesellschaftlicher Druck ins Spiel kommt. Dann wird aus der Informationskaskade eine „Reputationskaskade“: Wer sich gegen die herrschende Meinung stellt, macht sich unbeliebt. Also tun das immer weniger Leute. Für Politiker ist es oft eine schlechte Idee, sich gegen die Mehrheitsmeinung zu stellen, weil sie stark auf ihr Ansehen in der Öffentlichkeit angewiesen sind. Das gilt auch dann, wenn sie es eigentlich besser wüssten. Gleichzeitig können Politiker ihre Meinung aber leichter verbreiten als andere Leute, schließlich sprechen sie oft in Medien und auf Kundgebungen – schon läuft der Irrtum noch schneller durch die Welt.

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