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Altersvorsorge : Betriebsrente ist in Gefahr

Künftige Rentengenerationen werden es nicht leicht haben: Der Anlagennotstand der Pensionskassen ist abzusehen Bild: dpa

Die Altersvorsorge von 17 Millionen Deutschen ist bedroht: Die Pensionskassen können nur noch Anleihen mit niedrigen Zinsen aufnehmen. Der darauf folgende Anlagennotstand lässt die Renten schrumpfen.

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          Sie diskutieren das Problem in ihren Anlageausschüssen, die Sitzungen dauern oft Stunden, doch am Ende gibt es wieder keine Lösung. Nur Ratlosigkeit und fast so etwas wie Furcht. Sie macht sich breit bei Pensionskassen und Pensionsfonds, Direktversicherern, Unterstützungskassen und Unternehmen. Also bei allen, die sich um die Gelder kümmern, mit denen die deutschen Beschäftigten fest für ihren Ruhestand planen - den Erträgen aus der betrieblichen Altersvorsorge.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie alle haben den Arbeitnehmern ein großes Versprechen gegeben: die Zusicherung, dass sich Vorsorgen fürs Alter lohnt. Nichts Geringeres als dieses Versprechen steht in diesen Tagen auf dem Spiel. Die betriebliche Altersvorsorge gerät in Not. Und die Zahl der Betroffenen ist gewaltig: Rund 17 Millionen Beschäftigte zahlen über ihren Arbeitgeber in eine betriebliche Altersvorsorge ein.

          Das Problem, vor dem alle Versorgungswerke stehen, lässt sich an der Renditeentwicklung deutscher Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit ablesen: Warfen die Papiere im Jahr 2002 noch einen üppigen Ertrag von mehr als fünf Prozent ab, sind es heute gerade einmal 1,2 Prozent. Nach Abzug der Inflation machen Anleger mit Bundesanleihen derzeit sogar Verlust.

          Bis 2017 wird mit einem Renditeverlust von 1,5 Prozentpunkten gerechnet

          Das trifft vor allem Pensionskassen, Direktversicherer und Pensionsfonds: Sie verwalten mehr als 190 Milliarden Euro und haben diese vorwiegend in hochwertige Titel investiert. Nach Schätzungen stecken bis zu 90 Prozent ihrer Anlagegelder in sicheren Staatsanleihen und Pfandbriefen mit langer Laufzeit. Üblicherweise halten sie die Papiere bis zur Fälligkeit.

          Darum haben die Pensionskassen zwar noch immer viele Anleihen aus jenen Jahren im Portfolio, in denen die Renditen üppig waren: Eine Verzinsung von durchschnittlich rund vier Prozent erzielen sie zurzeit damit. Doch nach und nach müssen die Geldmanager die auslaufenden alten Anleihen durch neue Anleihen mit mickrigen Zinsen ersetzen - und geraten so immer tiefer hinein in den Anlagenotstand. Rentenexperte Bernd Raffelhüschen von der Universität Freiburg warnt: „Die niedrigen Zinsen stellen viele Einrichtungen der betrieblichen Altersvorsorge vor ernste Schwierigkeiten.“

          Eine Modellrechnung des Anleihehauses Bantleon, das Versorgungswerke berät, zeigt die Brisanz. Sie geht von der Annahme aus, dass die Kassen überwiegend in Pfandbriefe mit besonders langer Laufzeit investieren. Setzt sich die Phase niedriger Zinsen nun fort, würde die jährliche Wertentwicklung eines typischen Portfolios einer Pensionskasse drastisch zurückgehen - innerhalb der nächsten fünf Jahre um insgesamt mehr als ein Drittel. Die Verzinsung würde dann jedes Jahr um etwa 0,3 Prozentpunkte abnehmen und von derzeit im Schnitt 4,0 Pr0zent bis 2017 auf nur 2,5 Prozent im Jahr sinken. Bleibt es bei dieser Zinsdifferenz auf Dauer, könnten dem Ruheständler später hohe Summen fehlen. Wer bisher 1.000 Euro erwartete, bekäme dann nur noch etwa 650 Euro.

          Keine allzu großen Hoffnungen auf eine Wende

          Trotzdem versuchen viele Geldmanager zu beruhigen: Die Phase niedriger Renditen sei nur eine Episode, bald würden die Zinsen auch wieder steigen. Völlig auszuschließen ist dies zwar nicht. Aber allzu große Hoffnungen auf die Wende sollten sich Sparer nicht machen. Schließlich notieren die Leitzinsen in den wichtigsten Währungsräumen der Welt derzeit alle unter der Schwelle von einem Prozent. Wegen der Schwere der Krise ist es vor allem in Europa sehr wahrscheinlich, dass dies noch längere Zeit so bleiben wird.

          Aber warum nicht einfach auf Investments setzen, die bessere Erträge versprechen? Aktien zum Beispiel. Dax-Papiere erzielen derzeit allein durch ihre Dividenden im Schnitt schon eine Rendite von rund vier Prozent, Kursgewinne kämen noch obendrauf. Sichere Staatsanleihen können da nicht mehr mithalten.

          Doch ausgerechnet dieser lukrative Ausweg ist Pensionskassen und Direktversicherern weitgehend untersagt: Nach den Vorgaben der Aufsichtsbehörde Bafin müssen sie vorwiegend in sichere Anlagen investieren. Und selbst der Anteil, den sie noch in Aktien halten dürfen, könnte in Zukunft weiter schrumpfen: Nach Überlegungen der EU-Kommission soll ein wichtiges neues Regelwerk demnächst ebenfalls für Pensionskassen und Pensionsfonds gelten.

          Zentraler Bestandteil dieser sogenannten Solvency-II-Regeln: Aktien müssen mit zusätzlichem Eigenkapital hinterlegt werden, Staatsanleihen aber nicht - selbst wenn sie von einem europäischen Krisenstaat wie Spanien stammen. Was technisch klingt, bedeutet in der Praxis: Aus Bilanzgründen lohnt sich der Aktienkauf für Pensionskassen nicht.

          Ein verlogenes Spiel, findet Rentenexperte Raffelhüschen: „Auf diese Weise zwingt der Staat Großanleger regelrecht dazu, weiter Staatsanleihen zu kaufen. So wird die Nachfrage nach den Papieren künstlich gesteigert, und in der Folge fallen die Renditen noch weiter.“ Im Klartext: Beschäftigte, die auf die betriebliche Altersvorsorge zählen, sind die Leidtragenden.

          Dies gilt selbst für die Arbeitnehmer, die von ihrem Arbeitgeber eine sogenannte Direktzusage erhalten haben. Dabei müssten sie eigentlich deutlich weniger von den niedrigen Zinsen betroffen sein. Denn Direktzusage bedeutet: Das Unternehmen kann die Betriebsrente selbst verwalten - wie und wo es die Gelder seiner Mitarbeiter anlegt, darf es frei entscheiden. De facto ahmen die meisten Firmen nach Auskunft des Fachverbandes Aba jedoch weitgehend die Anlagestrategie der Versorgungswerke nach: Ein wesentlicher Teil der Gelder sei konservativ in sicheren Papieren angelegt.

          Gefährliche Garantiezinsen

          Wie groß das Problem noch werden kann, zeigt ein Blick auf die Garantiezinsen, die viele Firmen ihren Beschäftigten versprochen haben: Zwar sind sie vorsichtig geworden und machen dies seit einigen Jahren kaum noch. Aber nach Daten des Beratungsunternehmens Towers Watson waren noch Ende der 90er Jahre Zinszusagen von fünf Prozent und mehr nicht ungewöhnlich. Kann der Arbeitgeber die nicht aus den angelegten Geldern aufbringen, muss er sie aus dem laufenden Geschäft heraus zahlen.

          Hier lauert eine Gefahr: Sollte das eine Firma überfordern, gibt es in Deutschland zwar sehr gute Sicherheitsnetze wie den Pensionssicherungsverein. Über ihn sind jedem Arbeitnehmer zumindest die eingezahlten Beiträge garantiert. Spätestens dann aber dürfte sich mancher Beschäftigte fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, das Geld selbst anzulegen.

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