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Absicherung im Alter : Österreicher misstrauen privaten Vorsorgemodellen

Auch im Alter noch ins Kaffeehaus: Österreicher verfügen über eine großzügige staatliche Altersversorgung Bild: AFP

Die Mehrheit der Österreicher verlässt sich auf die staatliche Rente. Zwar herrscht Angst vor Altersarmut, private Modelle werden dennoch nicht sehr geschätzt.

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          In Österreich verlassen sich die Bürger gerne auf den fürsorglichen Staat. Entsprechend spielt das staatliche Rentenwesen in dem Land eine dominante Rolle. Vergleichsweise spät wurde mit einer zweiten und dritten Säule der Altersvorsorge für die acht Millionen Österreicher begonnen. Betriebliche Pensionskassen versorgen mit knapp 815.000 Berechtigten halb so viele wie die dritte Säule, die sogenannte prämienbegünstigte Zukunftsvorsorge mit 1,6 Millionen Vertragszeichnern. Mehr als 90 Prozent davon sind bei Versicherern abgeschlossen, der Rest bei Kapitalanlagegesellschaften.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Während im westeuropäischen Durchschnitt rund 4,6 Prozent der Wirtschaftsleistung in die private Lebensversicherung fließe, sei es in Österreich mit 2,1 Prozent weniger als die Hälfte, moniert Peter Eichler, Vorstand der Uniqa Versicherung in Wien. In den meisten europäischen Ländern sei im Gegensatz dazu die Erkenntnis weit verbreitet, dass private Vorsorge notwendig ist. Gründe für das mangelhafte Vorsorgebewusstsein in Österreich sehen Eichler und andere Assekuranzvertreter einerseits in der hohen Nettoersatzrate der Einkommen im staatlichen Rentenwesen, zudem in der geringen Anreizsetzung privater Vorsorge durch den Staat.

          Nicht erst seit dem in der Finanzkrise offensichtlich gewordenen Risiko der Verarmung ist zwischen Wien und Bregenz die Abneigung gegen das Kapitaldeckungsverfahren groß, was auch mit Konstruktionsfehlern der zweiten und dritten Säule zusammenhängt. So leidet das 1991 geschaffene betriebliche Pensionskassensystem unter unrealistisch hohen technischen Zinssätzen, die selbst in Normaljahren nur schwer zu erreichen waren. Die dritte Säule der staatlich geförderten „Zukunftsvorsorge“ wiederum war als Diener zweier Herren konzipiert, denn sie sollte neben der privaten Vorsorge über einen verpflichtenden hohen Aktienanteil die einheimische Börse beflügeln.

          „Zukunftsvorsorgeeinrichtung“ mit Wahlmöglichkeit

          Erst vor zehn Jahren hat das Parlament ein privates Vorsorgemodell beschlossen. Damit wird der Bevölkerung ein Produkt mit staatlicher Förderung auf freiwilliger Basis angeboten. Die prämienbegünstigte Zukunftsvorsorge steht allen unbeschränkt steuerpflichtigen Personen offen – unabhängig davon, wie alt sie sind und ob sie Einkünfte erzielen. Sie kann daher von Unternehmern wie von Freiberuflern, Arbeitnehmern, Landwirten, Hausfrauen und Studenten genutzt werden. Prämien werden jedoch nur bis zum Antritt der gesetzlichen Alterspension gewährt. Der Antragsteller muss sich unwiderruflich zu einer mindestens zehnjährigen Kapitalbindung ab der ersten Einzahlung verpflichten. Innerhalb dieses Zeitraums besteht keine Möglichkeit, das eingezahlte Kapital zurückzubekommen.

          Ähnlich wie beim Bausparen fördert der Staat die Einzahlungen in eine sogenannte „Zukunftsvorsorgeeinrichtung“ mit einer Prämie. Ihre Höhe wurde 2012 halbiert und beträgt nun 2,75 Prozent zuzüglich des Zinssatzes für die Bausparförderung, der nicht unter 1,5 Prozent sinken, aber auch nicht über 4 Prozent steigen kann. Der Prämiensatz schwankt somit zwischen 4,25 und 6,75 Prozent und betrug im abgelaufenen Jahr 4,25 Prozent. Darüber hinaus fallen keine Kapitalertrag-, Einkommen-, Erbschaft- oder Versicherungsteuern an. Auch der Bezug der Rente ist einkommensteuerfrei.

          Einzahlungen sind zwar in unbegrenzter Höhe möglich. Eine Förderung wird aber nur bis zu einem Höchstbetrag von 2.445,55 Euro jährlich gewährt. Die höchstmögliche staatliche Prämie beträgt somit für dieses Jahr 103,94 Euro. Frühestens nach Ablauf von zehn Jahren kann man über das Kapital verfügen. Dabei stehen folgende Möglichkeiten zur Wahl: erstens eine Auszahlung in bar. Zweitens ist eine Überweisung an ein Versicherungsunternehmen als Einmalprämie für eine nachweislich abgeschlossene lebenslange Pensionszusatzversicherung möglich. Drittens gibt es die Option einer Überweisung an ein Kreditinstitut, wenn damit Anteile an einem Pensionsinvestmentfonds durch Abschluss eines unwiderruflichen Auszahlungsplans erworben werden. Viertens kommt eine Überweisung an eine Pensionskasse in Frage, bei der schon eine Anwartschaftsberechtigung besteht. Anders als bei der Auszahlung in bar unterbleibt in den anderen Fällen die Rückzahlung der halben Prämie und die Nachversteuerung der Kapitalerträge.

          Österreicher sind im weltweiten Vergleich bestens abgesichert

          Die geförderten Beiträge müssen in Pensionsinvestmentfonds, Mitarbeitervorsorgekassen oder Versicherungsunternehmen angelegt werden, die in Staaten des Europäischen Wirtschaftsraum ihren Sitz haben. Ursprünglich mussten mindestens 40 Prozent des Kapitals in Aktien angelegt werden, die an einer Börse in diesem Wirtschaftsraum notiert sind. Mit dem Abgabenänderungsgesetz 2009 wurde die Aktienquote auf 30 Prozent gesenkt, und bei neuen Verträgen wird die Aktienquote in Abhängigkeit vom Lebensalter des Steuerpflichtigen weiter abgesenkt (Lebenszyklusmodell): Die Börsenkapitalisierung der Unternehmen in dem betreffenden Staat, in deren Aktien investiert wird, darf 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in einem mehrjährigen Zeitraum nicht übersteigen. Außerdem muss die Zukunftsvorsorgeeinrichtung außer im Fall einer Kapitalauszahlung zu Beginn der Rentenphase eine Garantie auf die eingezahlten Beträge und die staatlichen Prämien abgeben.

          Diese Einschränkungen schmälern die Attraktivität der privaten Vorsorge offensichtlich. Zwar haben auch in Österreich viele Menschen Angst vor Altersarmut. Doch ist die Not geringer als im OECD-Durchschnitt. Ende der Nullerjahre lag das verfügbare Einkommen der älteren Menschen bei 91 Prozent des verfügbaren Einkommens der Gesamtbevölkerung. Österreich zählt somit zu jenen Ländern in der industrialisierten Welt mit der besten Absicherung im Alter. Vier Fünftel des verfügbaren Einkommens der Österreicher ab 65 stammen aus staatlichen Transferleistungen, während es im Durchschnitt der anderen Länder nur 59 Prozent sind.

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