https://www.faz.net/-hbv-8kga2

Finanzplanung Mitte fünfzig : Wer sich den vorzeitigen Ruhestand leisten kann

Ist die Zeit für die Hängematte schon reif? Bild: AP

Wann ist man alt genug für die Rente? Einige simple Kalkulationen zeigen, auf welche wichtigen Entscheidungen es wirklich ankommt. Damit der Ruhestand nicht teuer zu stehen kommt.

          Die Kur in Bad Iburg ist vorbei. „Endlich“, dachte sich Fazzi Indecks. Lagerkoller hatte er schon bald verspürt. Die Kaffeekränzchen mit den reiferen Damen und ihren ständigen Klagen über die Enttäuschungen mit ihren Männern gingen ihm auf die Nerven. Immerhin spürte er seine Rückenschmerzen nicht mehr. So hatte es ihm sein Arzt versprochen. Fazzi war froh, als er wieder zu Hause war. Gattin Sibylle hatte ihm sein Lieblingsgericht Ossobucco gekocht. Dazu holte er aus dem Keller einen besseren Jahrgang des geschätzten Grand Cru aus dem Château Fourney. Der Bordeaux schmeckte hervorragend, auf der Kur hatte sich Fazzi in Abstinenz geübt. Die Kalbshaxe und das Risotto waren Sibylle bestens gelungen. Es sollte ein angenehmer Abend werden. Fazzi wollte in seiner Schallplattensammlung kramen und längst vergessene Klassiker auflegen.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch beim Abräumen kam Sibylle, die wie Fazzi 55 Jahre alt war, auf den vorzeitigen Ruhestand zu sprechen. Sie hatte ihm schon vor längerem klargemacht, dass sie mit 60 Jahren ihre Festanstellung in der Modeboutique aufgeben wolle. Sie träumte von gemeinsamen Reisen und einem Lebensabend, den man noch bei bester Gesundheit möglichst früh antreten solle. „Aber solange unser Sohn studiert und mein Vater auf meine Unterstützung angewiesen ist, lässt sich das kaum bewerkstelligen“, gab Fazzi zu bedenken. Altersteilzeit schon jetzt wäre ohnehin nicht drin. Denn der Filius wird noch vier Jahre studieren, und das kostet die Eltern 2000 Euro im Monat.

          Im mittleren Management der Maschinenbaufabrik verdient Fazzi recht ordentlich. Er kommt netto auf 4500 Euro im Monat. Seine Frau trägt 1500 Euro bei. Doch Sibylle hatte sich eingebildet, dass sie in fünf Jahren nicht mehr in der Boutique eine immer jünger werdende Kundschaft bedienen will. Fazzi konnte das verstehen, auch wenn er seine Gattin stets mit dem Einwand zu beruhigen versuchte, auch noch mit 60 Jahren attraktiv genug für diesen Job zu sein.

          Problem des Elternunterhalts

          Vorausgesetzt, der Sohn wäre in vier Jahren fertig, dann könnte Sibylle in fünf Jahren aufhören, überlegte Fazzi. Der einzige Unsicherheitsfaktor war der Gesundheitszustand seines Vaters. Den unterstützte Fazzi mit 500 Euro im Monat. Das Problem des Elternunterhalts war ihm aus Gesprächen mit Altersgenossen aus dem Schachverein vertraut. Fazzi ging es nicht darum, den Unterhalt auf das gesetzliche Minimum zu begrenzen. Es handelte sich für ihn um eine Ehrensache: Wenn sein Vater in ein Pflegeheim muss, dann nicht in das billigste, sondern in eines mit möglichst guter Unterkunft und Versorgung.

          Fazzi konnte das Gespräch mit Sibylle nur beenden, weil er ihr versprach, sich mit dem Thema Altersteilzeit auseinandersetzen zu wollen. So endete der Abend doch noch so, wie er es sich vorgestellt hatte: ein paar gute alte Scheiben und dazu einen exquisiten Rotwein.

          Am Montag stand der erste Arbeitstag seit langem wieder an. Die Kollegen freuten sich über seine Wiederkehr, genauso der Chef. „Fazzi, endlich bist du wieder zurück und kannst den Laden auf Vordermann bringen“, sagte er, und Fazzi wusste sofort, da ist einiges an Arbeit liegengeblieben. Er war stolz auf seine Tätigkeit, sie machte ihm durchaus Spaß. Aber wenn Fazzi zu sich ehrlich war, dann fiel die Bilanz durchwachsen aus. Die Freude hat in den vergangenen Jahren nicht zugenommen. Und er wusste, dass der Chef auf die jungen Kollegen setzte. Die hätten mehr Biss. Allerdings war der Chef auch aufgeschlossen für einvernehmliche Regelungen und durchaus daran interessiert, verdienten Mitarbeitern entgegenzukommen. Ein Kollege, fünf Jahre älter als Fazzi, war vor fünf Jahren in die Altersteilzeit gewechselt und gibt in einer Woche seinen endgültigen Ausstand.

          Wunschrente

          Doch dessen Ausgangslage war eine andere: Die Ehe blieb kinderlos, es gab ein beachtliches Erbe, und die noch lebenden Schwiegereltern waren bestens versorgt. „Da kommt man deutlich angenehmer über die Runden“, dachte sich Fazzi. Er begann zu rechnen. Im Ruhestand wollte er zusammen mit Sibylle auf eine Wunschrente von 3500 Euro im Monat kommen. Bei den nun wahrscheinlichen Abschlägen müsste Fazzi bis 65 Jahre arbeiten, um dann eine gesetzliche Rente von knapp 2000 Euro zu bekommen. Den Rest sollten seine dann auslaufende Lebensversicherung und das Vermögen von jeweils 150.000 Euro beisteuern.

          Mit 55 Jahren kann er sich die Altersteilzeit zur Hälfe der Bezüge nicht leisten. Da macht es keinen Unterschied, ob sich Fazzi für den fließenden Übergang mit geringerer Regelarbeitszeit oder für das Blockmodell, also fünf Jahre für die Hälfte des Gehalts voll arbeiten und dann fünf Jahre früher aufhören, entscheidet. Staatliche Unterstützung für die Altersteilzeit gibt es für ihn nicht mehr. Dann hätte er vor dem Jahr 2010 die Arbeitszeit verringert haben müssen. Wenn Fazzi mit 60 Jahren in Altersteilzeit ginge, dann bekäme er nur noch die Hälfte seines Gehalts, also 2250 Euro. Die 1500 Euro von Sibylle würden wegfallen, wenn sie in fünf Jahren aufhört. Sie würde in diesen fünf Jahren keine Rente bekommen, sondern erst mit 66 Jahren und sechs Monaten. „Das geht nicht auf“, begann Fazzi zu zweifeln.

          „Dann holen wir uns Rat von einem Fachmann ein“

          Er berichtete Sibylle von seinen Überlegungen. Sie wirkte nachdenklich, aber wiegelte seine Bedenken nicht ab. „Dann holen wir uns Rat von einem Fachmann ein“, empfahl sie. Fazzi sagte zu und war mit der Lösung zufrieden. Am Wochenende informierte er sich im Internet und stieß dabei auf eine Seite der Deutschen Gesellschaft für Ruhestandsplanung. Die saß zwar im oberbayerischen Wallfahrtsort Altötting, aber auf seine Anfrage per Mail antwortete - zur Überraschung von Fazzi - dann mit Ralf Huber ein Mitglied der Geschäftsleitung. Am Telefon schilderte er dem Fachmann seine Finanzlage und seine Wünsche für den Ruhestand. Huber pflichtete ihm bei, dass mit den monatlichen Ausgaben für das Studium des Sohnes eine Altersteilzeit derzeit nicht finanzierbar sei.

          Auch nicht besser sah es aus, wenn die Ehefrau mit 60 Jahren zu arbeiten aufhörte und Fazzi in Altersteilzeit ginge. Auch das war dem Mittfünfziger bewusst. Huber bestätigte ihn noch einmal. „Sie hätten dann zwischen dem Beginn der Altersteilzeit und dem gesetzlichen Rentenbeginn eine Lücke auf Ihr Wunscheinkommen“, sagte der Ruhestandsplaner. Dann müsste das Paar auf das Vermögen zurückgreifen, was Fazzi aber vermeiden wollte. Denn in dieser Rechnung war eine Steigerung der Unterstützung für den Vater noch völlig außer Acht gelassen worden. Träte dieser Fall ein, so Huber, wäre die Altersteilzeit nicht finanzierbar.

          Auf die hohe Kante legen

          Es war ein schöner Sommerabend. Fazzi saß mit Sibylle auf der Terrasse. Beide blickten zufrieden auf den Garten, den sie nach eigener Einschätzung deutlich besser pflegten als die Nachbarn. Doch das war nicht das Thema. Sibylle fragte: „Was hat denn der Fachmann aus Altötting geraten?“ „Du wirst nicht begeistert sein“, antwortete Fazzi. „Wenn ich vor 65 mit der Arbeit aufhören will, sollte ich mindestens bis 63 Jahre arbeiten.“ Sibylle hatte mit so etwas gerechnet. Doch dann legte Fazzi nach: „Herr Huber empfahl zudem, dass auch du noch bis 63 arbeiten solltest und wir das Geld, das wir dann unserem Sohn nicht mehr überweisen müssen, auf die hohe Kante legen sollten.“

          Dann könnte auch eine höhere Belastung für die Pflege des Vaters gestemmt werden, hatte Huber noch hinzugefügt. Doch das verschwieg Fazzi seiner Gattin. „Schatz, wenn du dich in fünf Jahren aus der Boutique zurückziehen willst, ist das kein Problem. Nur ich muss dann noch ein paar Jahre dranhängen.“ Sibylle nickte und streichelte sein Hand. „Wir müssen auch an deinen Vater denken, bevor wir große Sprünge wagen“, sagte sie und blinzelte Fazzi zu.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Braunkohlekraftwerk Jänschwalde hinter dem ehemaligen Braunkohletagebau Cottbus-Nord

          Details des Klimapakets : Wer hat’s erfunden?

          Kommenden Freitag soll das Klimapaket beschlossen werden. Um die entscheidenden Details wird bis zuletzt gerungen: Offen ist vor allem die Frage, wie viel die Tonne CO2 kosten soll.
          Der frühere türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu trat am Freitag mit fünf anderen Politikern aus der AKP aus.

          Austritte aus der AKP : Rebellion gegen Erdogan

          Einige prominente Politiker sind aus der türkischen Regierungspartei AKP ausgetreten, um ihre eigenen Bewegungen zu gründen. Für den türkischen Präsidenten Erdogan könnte es eng werden.
          Schild vor dem Trump Hotel in Washington, 21. Dezember 2016

          Klage von Hoteliers : Hat Donald Trump die Verfassung gebrochen?

          Trump schädige ihr Geschäft, indem er Diplomaten nötige, in seinen Hotels abzusteigen, monieren Gaststättenbetreiber. Damit haben sie vor einem New Yorker Gericht einen Etappensieg errungen. Nun könnte der Surpreme Court den Fall an sich ziehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.