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Weg in die Privatinsolvenz (1) : Alles auf Kante genäht

Bild: Illustration Kircher Burkhardt

Werner Russmann hat sich als Architekt selbständig gemacht. Lange lief alles gut. Doch die Hausfinanzierung ist knapp kalkuliert und bei bei einem größeren Auftrag hat er sich verschätzt. Nun steht seine Existenz auf dem Spiel.

          5 Min.

          Immer wieder, wenn er die Schallplatte „Knietief im Dispo“ von den Fehlfarben auflegte, musste Werner Russmann schmunzeln. Mit ihrem handschriftlichen Hinweis „Nicht knietief, sondern bis zur Halskrause!“ hatte ihn seine Frau Silke einst erschreckt. Russmann hatte dem Thema Finanzen nie die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt. Mit seiner zweiten Frau hatte er einen Lebensstil geführt, wie er ihn aus seiner ersten Ehe gekannt hatte: schön ausgehen, zwei Mal im Jahr Urlaub, Einkäufe hier, Geschenke da.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Die Platte der Düsseldorfer Band hatte für Russmann symbolische Wirkung. Denn die Ermahnung seiner Frau hatte bei ihm ein Umdenken ausgelöst. Nach einem Gespräch mit einem befreundeten Banker sah er sich in der Lage, seine Finanzen zu ordnen, den Dispokredit zu tilgen und auch seine berufliche Perspektive neu zu ordnen. Der Dispokredit war inzwischen nahezu getilgt. Vor gut einem Jahr hatte er sich überdies als Architekt selbständig gemacht. Es war die einmalige Gelegenheit, eine Unternehmensnachfolge anzutreten. Mit seiner Berufserfahrung wollte Russmann den Betrieb im Sinne seines in Ruhestand getretenen väterlichen Freundes weiterführen.

          Das Glück kam mit der Neubausiedlung

          Nach einigen Anlaufschwierigkeiten lief es auch ganz gut. In der Euphorie des geglückten Starts sagte Russmann seiner Frau Silke zu, den langgehegten Wunsch nach einem eigenen Heim nicht weit vor der Stadt wahrzumachen. Mit Anfang 50 wollte er auch privat noch einmal die Perspektive wechseln. Sie fanden ein kleines Reihenhaus nördlich von Bad Vilbel, gar nicht so weit vor den Stadtgrenzen von Frankfurt. Eine fünfzehnminütige Fahrt mit dem Auto (ohne Parkplatzsuche) würde es ihnen auch erlauben, weiter in ihrem Lieblingsrestaurant im Frankfurter Nordend auszugehen. Dass sie das seither nur einmal tatsächlich schafften, schoben sie auf die Arbeit, die durch die Selbständigkeit deutlich intensiver geworden war, und auf die Eingewöhnung an ihrem neuen Wohnort. Immerhin fühlte sich ihre gemeinsame Tochter Clara in der neuen Umgebung ausgesprochen wohl und fand schnell neue Spielgefährten.

          Den Überschwang hatte sich Werner Russmann aus seiner Sicht leisten können, denn ein überaus attraktiver Auftrag erleichterte seinen Start als selbständiger Architekt. In einem Nachbarort sollte eine Neubausiedlung entstehen, die er mit einem Partnerbüro gestalten sollte. Zu dem Neubau gehörte auch eine Tiefgarage, für die Russmann allein verantwortlich war, weil sein neues Büro darin einige Erfahrungen hatte. Sein Vorgänger hatte ihm versprochen, bei Fragen jederzeit am Handy erreichbar zu sein. So nahm die Siedlung also langsam Gestalt an, Russmann konnte sich einen gewissen Stolz nicht verkneifen, wenn er von der Baustelle wegfuhr.

          Bei Tiefgarage und Berufshaftpflichtversicherung verrechnet

          Das erste Mal seit langem fühlte sich Russmann wieder so richtig lebendig. Die Sorgen seiner Scheidung, die ihn auch von seinen beiden Töchtern aus erster Ehe, Sarah und Margaret, entfremdet hatte, waren verflogen. Der Unterhalt war nach einem deftigen Streit mit seiner ersten Frau geregelt. Noch immer stand nicht fest, ob die Größere nach dem Abitur ein Studium oder eine Ausbildung anstrebte. Doch in den Gesprächen über diese Frage war Russmann seiner Tochter wieder nähergekommen. Immer noch war er finanziell nicht auf Rosen gebettet, aber er kam so einigermaßen über die Runden.

          Doch dann geschah das völlig Unerwartete: Beim Bau der Tiefgarage hatte sich der Architekt verrechnet. Der Radius der Kurve war zu eng bemessen, so dass ein Auto mittlerer Größe nicht in die Tiefgarage einfahren konnte. Zudem reichte der Platz wegen Brandschutzmaßnahmen, die er in der Planung übersehen hatte, nicht für 20, sondern nur für 18 Stellplätze aus. Der Bauträger verklagte ihn, weil er für die Parkgelegenheiten schon fünfstellige Eurobeträge hatte bezahlen müssen. Und die Fehlplanung der Kurve machte einen Teilabriss nötig, für den er ebenfalls würde haften müssen. Insgesamt belief sich der Schaden im schlimmsten Fall auf 350.000 Euro.

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