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Weg in die Privatinsolvenz (3) : Die Insolvenz als zweite Chance

Kein erfreuliches Siegel: Kommt der Gerichtsvollzieher, dann ist schon viel schiefgelaufen Bild: Imago

Werner Russmann ist finanziell und beruflich am Ende. Bevor ihm der Strom abgestellt wird, sollte er einen Insolvenzantrag stellen. Aber was wird aus dem Haus, seiner Ehe und seinem sozialen Status? Teil 3 unserer Serie.

          5 Min.

          Werner Russmann ist an und für sich kein gläubiger Mensch. Doch die Geschehnisse der letzten Monate lassen ihn doch einmal neugierig in die Bibel schauen. Russmann liest die Geschichte von Hiob. Der wohlhabende Mann verliert zunächst sein Hab und Gut, dann seine zehn Kinder und wird schließlich auch noch von schweren Geschwüren gepeinigt. „Der Herr hat gegeben, und der Herr hat genommen, der Name des Herrn sei gepriesen“, bewahrt Hiob trotz aller Prüfungen seine Gottestreue. Für die eigene Lebenszufriedenheit ist es von zentraler Bedeutung, mit wem man sich vergleicht. Im Vergleich zu Hiob steht Russmann noch sehr gut da. Doch auch bei ihm geht es rapide bergab.

          Daniel Mohr

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der selbstständige Architekt hat beim Bau einer Tiefgarage Planungsfehler gemacht. Seine Versicherung reicht dafür nicht aus. 100.000 Euro muss er im schlimmsten Fall aus eigener Tasche zahlen. Seine Bank sagt ihm, dass das Reihenhaus, das er mit seiner zweiten Ehefrau und seiner zehn Jahre alten Tochter bewohnt, dann wohl kaum zu halten sein wird.

          Die folgenden Monate sind kein Zuckerschlecken für Russmann. Das Urteil steht noch aus, doch der Architekt ahnt, dass die zu enge Kurve zur Tiefgarage und Fehler bei der Berücksichtigung der Brandschutzauflagen letztlich ihm angekreidet werden. Seine Frau kann ihm zudem immer noch nicht verzeihen, sich nicht ausreichend versichert zu haben.

          Russmann hat am falschen Ende gespart und nur die gesetzlich vorgeschriebene Mindestversicherungssumme von 250.000 Euro abgedeckt. Sein Bankberater hat ihm sehr klar zu verstehen gegeben, dass das Haus möglichst bald freihändig verkauft werden sollte. Ist das Urteil erst einmal da, habe der Bauunternehmer zügig Anspruch auf sein Geld und könne eine Zwangsvollstreckung erwirken.

          Schuldeingeständnis, um Verfahrenskosten zu sparen

          Russmann schafft es nicht, seiner Frau die akute Gefährdungslage offenzulegen. Er versucht sie Glauben zu machen, er werde den Prozess schon gewinnen. Doch ohne Plan B will Russmann nicht dastehen, sollte er den Prozess doch verlieren. Im Internet findet er Preise für Reihenhäuser, die seinem nicht unähnlich sind, von 400.000 Euro. Abzüglich der noch zu tilgenden 250.000 Euro blieben Russmann 150.000 Euro, davon könnte der Bauunternehmer locker bezahlt werden, rechnet sich Russmann reich.

          Denn als es hart auf hart kommt, sieht die Lage wesentlich düsterer aus. Der vom Gericht beauftragte Sachverständige sieht die Schuld für die Mängel beim Tiefgaragenbau ziemlich eindeutig bei Russmann. Sein Anwalt rät daher dringend zum Schuldeingeständnis, um weitere Verfahrenskosten zu vermeiden. Russmann bittet um Bedenkzeit, um nun konkret nach Käufern für das Haus suchen zu können. Auf seine Anzeige hin melden sich auch gleich etliche Interessenten. Doch der erste Rückschlag kommt, als einer davon unangemeldet bei Russmanns klingelt und seine Frau an die Tür geht.

          Eigentlich wollte Russmann die Besichtigungen erst einmal ohne ihr Wissen durchführen, um ihr dann neben den schlechten Nachrichten – Prozess verloren und Haus muss verkauft werden – sogleich auch die Lösung in Person eines zahlungskräftigen Hauskäufers präsentieren zu können. Die Besichtigungstermine wollte er daher immer auf den Vormittag legen, wenn sie arbeitet und die Tochter in der Schule ist. Seine Versuche, den Interessenten als unglückliches Missverständnis darzustellen, sind jedoch spätestens gescheitert, als seine Frau die Anzeige im Internet entdeckt.

          Russmann muss an Hiob denken, und das gibt ihm Kraft. Doch die Wochen der Hausbesichtigungen sind bitter. Interessenten mäkeln an der von seiner Frau so geliebten Küche, finden an allen Ecken und Enden Mängel und tragen regelmäßig mit ihren Straßenschuhen Dreck ins Haus. Und den geforderten Preis zahlen will auch keiner. 430.000 Euro hatte Russmann zunächst gefordert, um letztlich die von ihm kalkulierten 400.000 Euro zu erhalten. Selbst als er auf 350.000 Euro heruntergeht, findet sich kein Käufer. Eventuell 300.000 Euro ist einer bereit zu zahlen. „Du kannst doch nicht die Preise, die du im Internet siehst, als tatsächliche Kaufpreise annehmen“, ist sein Anwalt ob der Blauäugigkeit von Russmann entsetzt. „Das sind Preise, die Verkäufer wie du zu erzielen erhoffen.“

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