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Weg in die Privatinsolvenz (3) : Die Insolvenz als zweite Chance

80.000 Euro sind nicht von der Versicherung gedeckt

Russmann kündigt schweren Herzens seiner Mitarbeiterin. Sein Büro verlegt er erst einmal ins Wohnzimmer, um die Miete für die Büroräume zu sparen. Seit Wochen hat er den Kopf nicht frei, um sich vernünftig um Ausschreibungen zu bewerben. Die Auftragslage ist entsprechend mau. Immerhin ist seine Frau mittlerweile im Bilde, ob der vertrackten Lage. Dachte er zumindest. Ganz vergessen hatte er seinen Steuerberater. Der hatte ihn immer gewarnt, dass das Finanzamt noch mit einer Nachforderung auf ihn zukommen würde.

Russmann hatte das wie viele Selbstständige verdrängt. Damals hatte er gedacht, die Nachforderung aus aktuellen Aufträgen bezahlen zu können. Doch nun trifft ihn die Mitteilung seines Steuerberaters hart: eine Nachforderung von 15.000 Euro wird ihn die nächsten Tage erreichen. Passenderweise zeitgleich mit dem erwarteten Urteilsspruch aus dem Bauverfahren. Russmann hatte seine Schuld anerkannt. Immerhin hat das Gericht dem Bauunternehmer eine Mitschuld eingeräumt, weil dieser schließlich alle Pläne vor Baubeginn gesehen und geprüft hatte. Doch 80.000 Euro muss Russmann dem Bauunternehmer nun zahlen, die nicht von der Versicherung gedeckt waren.

Seine Frau kann nur noch den Kopf schütteln, als sie den Steuerbescheid sieht. Ihr Mann hat den Karren finanziell ganz tief in den Dreck gefahren. Zwischenzeitlich hatte Russmann bei einer Schuldnerberatungsstelle angerufen. Doch die Wartezeiten sind wegen der hohen Nachfrage lang. Zudem sei er als Selbstständiger sowieso ein Fall für die Regelinsolvenz. Dafür sind die Schuldnerberater nicht zuständig.

Das Wort Insolvenz hat Russmann schockiert, doch der hohe Andrang bei der Schuldnerberatung hat ihn ähnlich wie die Geschichte von Hiob beruhigt. Er ist nicht der Einzige, der finanziell mit dem Rücken zur Wand steht. Gerade viele kleine Selbstständige leben mit der ständigen Gefahr des finanziellen Ruins im Nacken. Von klammen Architektenkollegen hatte Russmann zudem schon zur Genüge gehört: Bauunternehmer, die nicht zahlen oder selbst insolvent werden, eine maue Auftragslage. Gründe gibt es viele für den finanziellen Abstieg.

„Dein Haus kann zwangsversteigert werden“

Sein Anwalt und sein Steuerberater raten ihm gleichsam dazu, einen Insolvenzfachanwalt aufzusuchen. Russmann ist nicht überzeugt. Er hegt immer noch die Hoffnung, für das Haus genügend Geld zu erlösen, um das Finanzamt und den Bauunternehmer auszahlen zu können. Doch die Zeit eilt. Das Finanzamt darf sich mit Schuldnern sowieso nicht vergleichen. Hier ist allenfalls eine Stundung denkbar. Und der Bauunternehmer drängt auf sein Geld. „Dein Haus kann zwangsversteigert werden, dann bekommst du noch weniger, dein Honorar kann gepfändet werden, und der Gerichtsvollzieher kann dein Haus nach verwertbaren Gegenständen durchkämmen“, schildert ihm sein Anwalt das drohende Horrorszenario.

Als Russmann dann einen Beitrag liest, in dem der Vorsitzende des Verbandes der Insolvenzverwalter in Deutschland, Christoph Niering, die Vorteile der Insolvenz erläutert, gibt er sich einen Ruck. Dort ist von der Möglichkeit einer zweiten Chance die Rede, gerade für Freiberufler. Genau dies sei die Intention der Gesetzesänderungen gewesen, schildert Niering, der als Sachverständiger am Gesetzgebungsverfahren beteiligt war. Hochverschuldeten Selbstständigen und Privatleuten soll ein Weg aufgezeigt werden, wie sie innerhalb weniger Jahre ihrer Schulden Herr werden können und dabei die Perspektive haben, finanziell noch einmal ganz neu anfangen zu können.

Wenn sie mögen, sogar wieder als Selbstständige. Niering schildert die Insolvenzverwaltung auch als eine Art Lebensberatung: „Viele sind erleichtert, wenn sie nicht mehr selbstständig sind. Sie haben sich vorher überarbeitet, Gesundheit und Familie gefährdet, und kamen trotzdem auf keinen grünen Zweig, weil sie vielleicht keine Unternehmertypen sind. Für sie kann eine Insolvenz auch Wege aus dieser perspektivlosen Selbstausbeutung aufzeigen.“

Russmann ahnt, dass der Weg kein leichter sein wird. Dass die Gespräche mit seiner Frau, der drohende Verkauf des Hauses, die Erstellung des Insolvenzplans und die Fortsetzung seiner Berufstätigkeit viel von ihm abverlangen werden. Er denkt an Hiob. Der hat trotz aller Rückschläge sein Gottvertrauen nicht verloren. Zur Belohnung schenkte ihm Gott seine Gesundheit zurück, ein langes Leben, zehn weitere Kinder und das Doppelte seines früheren Besitzes.

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