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Gemeinsame Immobilie : Das Haus fällt der Scheidung zum Opfer

Bild: Getty Images/Ikon Images

Ehepaare streiten bei der Scheidung manchmal um jede Untertasse. Geht es jedoch um das gemeinsame Haus, wird die Sache deutlich komplizierter. Teil 4 unserer Scheidungs-Serie.

          Für die Küsters geht es nach ihrer Trennung Schlag auf Schlag. Nachdem zunächst Markus Küster schockiert von seinen Unterhaltsverpflichtungen war, ist nun Marie verzweifelt. Nach Lage der Dinge muss sie mit den beiden Töchtern das Haus verlassen. Vor fünf Jahren war vor allem sie es, die sich in das etwas in die Jahre gekommene, aber dafür geräumige Haus mit großem Garten verliebt hatte. Nach langem Drängen hat Markus schließlich dem Kauf zugestimmt. 300.000 Euro hat es gekostet. Ein Kredit von 250.000 Euro haben sie dafür zusammen aufgenommen. 50.000 Euro konnten sie aus ihren Ersparnissen aufbringen, ebenso die Kaufnebenkosten und die Kosten für die nötigen Renovierungen.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Fünf Jahre später ist das Haus weit davon entfernt, schuldenfrei zu sein. 1250 Euro im Monat sind an Zins und Tilgung fällig. Die anfängliche Tilgungsrate betrug 2 Prozent. Aktuell lasten noch 222.000 Euro Schulden auf dem Haus. Doch wer soll die künftig bedienen? „Zunächst einmal haften beide Ehepartner für den Kredit bei der Bank“, sagt Eva Becker, Fachanwältin für Familienrecht in Berlin und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Familienrecht im Deutschen Anwaltverein. „Sie sollten daher unbedingt dafür sorgen, dass der Kredit weiter bedient wird, bis sie sich auf eine endgültige Lösung geeinigt haben. Alles andere vernichtet nur Geld.“ Die Banken würden zwar in Scheidungsfällen oft etwas länger die Füße stillhalten. „Wenn sechs Monate keine Rate mehr eingeht, ist für die Küsters aber kein freihändiger Verkauf mehr möglich, und es kommt zur Zwangsversteigerung“, sagt Becker. „Der Preis liegt dann oft 20 bis 30 Prozent niedriger als wenn sie den Verkauf selbst betreiben.“

          Vom Verkauf will Marie aber erst einmal nichts wissen. Sie hat es sich im Haus schön eingerichtet und auch den Garten mittlerweile in einem vorzeigbaren Zustand. Das will sie nicht so ohne weiteres aufgeben. Doch sie kann Markus nicht zwingen, das Haus weiter zu finanzieren. „Im Zuge der Scheidung wird eine Bilanz aufgestellt, wie die Vermögenslage vor der Eheschließung war und wie sie jetzt ist“, erklärt Anwältin Becker. Vom Zugewinn, so der juristische Begriff, steht dann jedem der Ehepartner die Hälfte zu. Das gilt für die meisten Ehen in Deutschland. Hierzulande hat kaum jemand einen Ehevertrag geschlossen. In ihm kann jede beliebige andere Vereinbarung getroffen und damit mancher Streit vermieden werden. „Die meisten wollen nicht vor der Eheschließung schon gedanklich ihre Scheidung durchgehen. Gerade für Selbständige ist es aber sinnvoll, den Fortbestand ihres Unternehmens durch einen Ehevertrag auch für den Scheidungsfall zu sichern“, sagt Becker.

          Bei der klassischen Zugewinngemeinschaft und der hälftigen Teilung des Vermögens ist das Problem, dass viele Dinge wie ein Haus oder ein Kunstgegenstand nicht so ohne weiteres teilbar sind. Der Anspruch besteht aber grundsätzlich in Geld. Soll nicht alles verkauft und der Erlös dann geteilt werden, müssen sich die Ehepartner über die Aufteilung einigen. Im Ernstfall muss ein Gericht entscheiden. „Die Eheleute wären aber gut beraten, sich außergerichtlich zu einigen, denn der Streit um die Vermögensaufteilung ist ein teurer Spaß“, sagt Becker. „Da geht gerade bei Haushaltsgegenständen schnell mal ein Drittel einfach für die juristischen Kosten weg.“ Der Streit um jede Untertasse lande aber nur in besonders heiß umkämpften oder sehr vermögenden Fällen wirklich vor Gericht. „Für viele ist der Peinlichkeitsfaktor dann doch zu hoch.“

          Marie kann ihren Mann nicht zwingen, das Haus weiter mitzufinanzieren

          Strittiger ist hingegen oft die Berechnung des Zugewinns. Gerade nach langen Ehen ist es oft ein Problem, die Vermögensverhältnisse zu Beginn der Ehe noch zu rekonstruieren und zu belegen. Auch der aktuelle Wert des Vermögens kann gerade bei Unternehmensbeteiligungen und Immobilien oft nur in langwierigen und teuren Verfahren durch Sachverständige festgestellt werden.

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          Bei den Küsters ist es einfach. Sie haben am Ende ihres Studiums geheiratet und hatten kein Vermögen. Ersparnisse gibt es auch jetzt so gut wie keine. Wenn etwas Geld übrig war, wurde dies ins Haus investiert und vor drei Jahren ein Auto gekauft. Der größte Vermögenswert ist das Haus, belastet aber durch den Kredit. Ein Verkaufserlös von etwa 300.000 Euro wäre denkbar. Für jeden der beiden sprängen dabei demnach 150.000 Euro heraus. Auch die Restschuld von 222.000 Euro müsste durch zwei geteilt werden, für jeden also 111.000 Euro. Es verbleiben damit jeweils unter dem Strich 39.000 Euro. Soll das Haus nicht verkauft werden, müssen sich die beiden anders einigen.

          Zunächst haben sie sich darauf verständigt, die Raten jeweils zur Hälfte zu zahlen. Markus kann die 625 Euro immerhin von seinem Einkommen für die Unterhaltsberechnung abziehen lassen. Von den 3000 Euro netto im Trennungsjahr aus seiner Tätigkeit als Ingenieur bei einem Anlagenbauer bleiben so 2375 Euro und damit gemäß Düsseldorfer Tabelle 327 Euro Zahlungsverpflichtung für jede der beiden Töchter. Es verbleiben 1721 Euro. Marie muss von ihren 1000 Euro aus ihrer Teilzeittätigkeit als Ärztin im Krankenhaus ebenfalls 625 Euro für das Haus aufwenden. Aus der Einkommensdifferenz von 1721 Euro zu 375 Euro ergibt sich eine Unterhaltsverpflichtung gegenüber der Ehefrau von monatlich 577 Euro. Ihm bleiben dann noch 1144 Euro, aus denen er seine Miete und seinen Lebensunterhalt bestreiten muss. Marie kommt mit Unterhalt und Kindergeld auf 1974 Euro. Immerhin muss sie davon keine Miete mehr zahlen, wird aber durch die hohen Nebenkosten für das Haus belastet.

          Nach dem Trennungsjahr fällt der Splittingvorteil aus Ehezeiten jedoch weg. Markus’ Nettogehalt sinkt auf 2500 Euro. Er fiele bei einer weiterhin hälftigen Teilung des Hausrats, beim Kinder- und Ehegattenunterhalt auf 1100 Euro zurück. Diesen Betrag soll gemäß der Rechtsprechung einem Unterhaltspflichtigen zum Leben bleiben. Für nicht Erwerbstätige beträgt dieser Satz 800 Euro. Marie kommt mit Unterhalt und Kindergeld auf 1768 Euro.

          „Die beiden würden sich damit an den Rand der Zahlungsunfähigkeit begeben“, sagt Anwältin Becker. Insbesondere für den Vater funktioniere das nicht. „Er bringt sich in eine finanziell sehr beengte Position, finanziert seine alte Familie, ist selbst durch den Hauskredit nicht mehr kreditwürdig, und in vielen Fällen wird dem Vater eine solche Aufopferung auch nicht gedankt.“ Wenn es für die Kinder nicht wahnsinnig wichtig sei, im alten Umfeld wohnen zu bleiben, oder mit dem Verbleib im Haus wirtschaftliche Vorteile verbunden wären, weil bald eine steuerrelevante Spekulationsfrist abläuft oder der Wert in absehbarer Zeit deutlich steigt, weil es nicht mehr in einer Flughafeneinflugschneise liegt oder der Ort verkehrstechnisch besser angeschlossen ist, dann rät Becker zum Verkauf. „Dann sind beide frei von der Last der Schulden und haben jeweils knapp 40.000 Euro Kapital aus dem Verkauf zur Verfügung.“

          Marie kann sich damit zunächst nicht abfinden, lässt sich aber von ihrer Anwältin erklären, dass sie Markus nicht zwingen kann, das Haus weiter mitzufinanzieren. Entweder müsste sie es allein finanzieren oder Markus eine Entschädigung für ihr mietfreies Wohnen und seinen Verzicht auf das Eigenkapital zahlen. Beides ist für Marie in der aktuellen Einkommenssituation nicht finanzierbar. Sie müsste mehr arbeiten gehen als bisher.

          Doch Marie hat in den zwei Monaten seit der Trennung schon gemerkt, wie stark sie Beruf und Kinder belasten. Zudem geht es ihrer Mutter nicht gut, und sie sieht hier zusätzliche Arbeit und auch Kosten auf sich zukommen. Sie ringt schwer mit sich, aber die Aussicht auf 40.000 Euro aus dem Hausverkauf und die vorläufige Beibehaltung ihrer Teilzeitstelle scheinen ihr doch attraktiver. Doch mittelfristig wird sie wieder mehr arbeiten müssen, will sie im Alter einigermaßen vernünftige Rentenansprüche haben. Um den Versorgungsausgleich nach einer Scheidung soll es im nächsten Teil der Serie gehen.

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